Stilstand

If your memory serves you well ...

Stil gibt’s nur im Singular

Die Agentur reinsclassen, Mutterschiff der Hamburger ‚Texterschmiede’, propagiert seit einiger Zeit das Konzept einer ‚Corporate Language’. Ein eigenständiger Stil im sprachlichen Bereich, gegründet auf einen begrenzten Set von Wörtern und Textbausteinen, soll Unternehmen im sprachlichen Bereich jene erwünschte Unterscheidbarkeit geben, wie sie schon bei der Gestaltung, beim Corporate Design, solch unschätzbare Dienste leistet. Wir könnten dann Coca Cola und Pepsi Cola auch durch ihre Sprache auseinander halten. Schöner Ansatz, der zunächst ganz plausibel scheint – nur klappt er nicht.

Der Klippe ist immer der (falsche) Grundgedanke, dass sich ein guter Stil sprachlich von anderen, ebenfalls guten Stilen unterscheiden könne, um dann auf dem Hochseil der Differenzbildung maximale Wirkung zu entfalten. Armin Reins spricht von einer ‚Sprachtypik’, die ein Unternehmen entwickeln müsse, um sprachlich ein überzeugendes ‚Alleinstellungsmerkmal’ zu schaffen.

Was aber für Unternehmen gelten soll, müsste dann auch für die anerkannten Meister der Sprachlichkeit, für die großen Schriftsteller, gelten. Ich stelle daher einfach mal fünf Zitate allen weiteren Erläuterungen voran:

„Im Dezember hatte ich mich verlobt und wenn man sich verlobt hat, will man natürlich auch heiraten.“

„Man fand nichts bei ihr, bis man sie selbst visitierte und eine kleine goldene Armbanduhr in ihrer Handtasche entdeckte.“

„Jetzt also gibt es einen Weizen, der reift früh im Sommer; in dürren wüsten Gegenden, wo der Regen eine Million Dollar pro Kubikzoll wert ist, blüht er üppig und gedeiht.“

„Nicht einen Augenblick wird dieses Buch privat, obwohl es Intimes enthält.“

„Im allgemeinen wird wohl für das schriftstellerische wie für jedes andere Geschäft gelten, dass es bei erhöhtem Lebenstonus leichter vonstatten geht.“

Schöne anschauliche Sätze von fünf grundverschiedenen Schriftstellern, die ich hier einfach mal nebeneinander gestellt habe: Sie stammen von einem anerkannten Konservativen und Mystiker, einem Impressionisten, einem Expressionisten, einem poetischen Realisten und einem Vertreter der neuen Sachlichkeit. Bei solchen Unterschieden literarischer Schulen, verbunden mit höchster Individualität des Werkes, müsste es doch ganz einfach sein, anhand des ‚Stils’ der Sätze zu erkennen, ob hier ein Joseph Roth zu uns spricht, ein Alfred Polgar, ein Gottfried Benn, ein Theodor Fontane oder ein Alfred Döblin? Oder etwa nicht?

Wie – ihr könnt diese Aufgabe anhand des Wortlauts der Sätze gar nicht lösen? — Ach ja? — Steckt also der Stil am Ende gar nicht im Formalen, in der Satzstruktur? Steckt er etwa nicht in den Wörtern, die der Schreiber wählte? — Genau so ist es!

Der Stil ist nämlich das, was wir Leser beim Lesen nicht bemerken! Nehmen wir einen Satz von Luther: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“. Einfach, klar – und gar nicht schwer, denkt erst einmal ein jeder, und er glaubt in seiner Vermessenheit: ‚Das kann ich auch’. Kann er aber nicht! Wenn wir probeweise die Wörter umstellen, stellen wir nämlich fest, das alles andere schwächer klänge: „Gott schuf den Himmel und die Erde am Anfang“. Oder: „Den Himmel und die Erde schuf Gott am Anfang“. Jede denkbare andere Wortstellung in diesem Satz ist eindeutig deshalb fehlerhaft, weil sie den Leser aus dem Text schmeißt. Luther hat intuitiv die einzig mögliche Gestalt für diesen Satz gewählt. Obwohl Linguisten nachträglich mit Hilfe des ‚ansteigenden Informationswertes’, der Lautgesetze, der rhythmischen Struktur und noch mit so mancherlei uns nachweisen könnten, weshalb der Satz nur so und nicht anders lauten konnte. Genau das heißt es, “Stil zu haben”. Und so etwas ist verdammt schwer, denn es heißt, die einzig mögliche Form zu finden. Die wenigsten können diese Aufgabe ‚naturwüchsig’ lösen, von ihrem individuellen Sprachgefühl her.

Selber machen ist das eine – hören aber können auch Laien jeden Verstoß gegen das Schlichte. Durch die Abweichung von der natürlichen Ordnung des Satzes fällt ihnen jeder Schreiberling dumm auf, der “keinen Stil hat”, der also fehlerhaft oder umständlich konstruiert, obwohl es immer einige Hirnverrückte gibt, die sich von Ticks und Tricks beeindrucken lassen.

Zu solchen Manieristen, zu den Knödeltenören der Literatur, zähle ich bspw. einen Thomas Mann, den Abgott aller Studienräte im Fach Deutsch, eine veritable Pretiöse, die aus unerfindlichen Gründen bis heute als Vorbild guten Stils in Deutschland gilt, während wir ihm zugleich so ziemlich jeden Fehler nachweisen können, den der Marktstand des durchschnittlichen Sprachkritikers heute in der Auslage hat: unnötige, angeberische Adjektive, Hauptsachen in Nebensätze verpackt, unerhörte Wortwahl, verknotete Satzkonstruktionen, ‚unwahre’ Begrifflichkeit, gestrige Ausdrücke u.v.m. Kurzum – bei Thomas Mann finden wir all den schweren Plüsch mit Goldbordüren aus Madame Lothars Blähsatz- und Kuriositätenkabinett: „Ich bin wahrhaft bestürzt, gewahr zu werden, dass ich es Ihnen gegenüber habe fehlen lassen“ (Briefe II, 27). Nicht wahr – welch ‚wahrhafte’ Lebensfülle, welche ‚gewahr’ gewordene Anschauungskraft! Thomas Mann ist ganz klar ein Manierist, und deshalb ‚unwahr’ … genauso ‚unwahr’ wie dieses Unternehmen: „Es wurde ein abwechslungsreiches und interaktives Programm gestaltet, bei dem der Dialog im Vordergrund stand“. Hoffentlich ist dieser Dialog bei solchen Verrenkungen nicht von der Bühne gefallen …

Zurück auf Anfang: Wenn also ein Unternehmen eine Corporate Literature entwickeln wollte, käme es zunächst einmal darauf an, den einen, den einzig möglichen guten Stil pflegen, denn das Wort ‚Stil’ kennt keinen Plural. Zuallererst sollten sie also die Zuckerbäckerei der Public Relations aufgeben, die Manie, nur die denkbar unwahrsten, schönfärberischsten Krampfausdrücke zu verwenden. Die ersehnte Individualität, das sprachliche Alleinstellungsmerkmal, entwickelte sich dann wie von selbst aus lohnenden Inhalten, aus schlichten, unpompösen, den Punkt treffenden, stilvollen Texten – und durch die Tiefe der Gedanken, die sich in ihnen äußern.

Hier liegen die Unterschiede, ob nun zwischen Expressionismus und neuer Sachlichkeit, zwischen Benn und Döblin, oder zwischen Kaufhof und Karstadt. Individualität auf sprachlicher Ebene besteht aus interessanten, individuellen Inhalten und aus klaren Gedanken, in einen fraglos guten Stil gefasst. Das gilt dann übrigens auch für die Blogs und deren ‚Stil’. Es gibt ja nur den einen …

[Auflösung: 1. Fontane III, IV, 478, 2. Döblin Verratenes Volk, 237, 3. Benn I, 205, 4. Roth III, 262, 5. Polgar IV, 280]

2 Kommentare

  1. Es muß über 20 Jahre her sein, als mein Altvorderer über seinen Stiefvater zu berichten wußte, daß der sich mit seiner Anstellung in einem großen Elektrounternehmen aus Erlangen den gleichen, etwas naßforschen, Duktus erwarb, wie er seinen Kollegen bereits sämtlich zueigen war. Dieses Siemens-Sprech dürfte in der Kleinstadt entstanden sein, wie Sprachen in abgeschlossenen Gruppen entstehen. Die einzige sprachliche Bereicherung dürften die Studenten gebracht haben.

    Jetzt herrscht in Unternehmen aber ohnehin eine besondere Sprache. Soll für eine knifflige Frage ein erfahrener Fachmann hinzugezogen werden, wird “er ins Boot geholt”, eine Farbkombination für eine Bildmarke erlebt vermeintliche Höhenflüge, indem sie verbal in eine “Farbwelt” (gerne auch als Plural) verwandelt wird. Mitarbeiter machen keine Mittagspausen, sondern “sind zu Tisch”, egal ob sie Speisen oder einen Spaziergang unternehmen. Weil diese Phrasenhölle in nahezu allen Unternehmen lodert, ist das Normale der Sprache in der Geschäftswelt selten.

    Auch das ist eine natürliche Spachentwicklung, die beim täglichen Umgang der Humankapital genannten Menschen entsteht.

    Eine am Reißbrett gestaltete Firmensprache mag ein anschauliches Beispiel für Megalomanie sein — funktionieren dürfte sie eher nicht. Das erkennt Otto Nomalleser bereits an den Werbeblättern, die ja eine Kunstsprache bemühen. Schriebe die Deutsche Bundespost, man habe die Wahl zwischen einem analogen Telefonanschluß und einem mit ISDN könnte, wüsste man diese über Dekaden eingeführten Begriffe zu deuten. Heute aber schreibt die Telekom, oder T-Home oder irgendjemand anderer in den gleichen Farben, man habe die Wahl zwischen Standard und Universal. Raider heisst jetzt Twix und der Kunde versteht nix.

  2. @ Fellow Passenger: Gruppen definieren sich ja oft über ihren Wortgebrauch (weniger über die Satzstrukturen). Die Anwendung solch nervtötender Floskeln signalisiert dann die Zugehörigkeit. So wäre dein “ist zu Tisch” genau genommen ein Ausdruck aus dem ‘Sekretariats-Deutschen’. Das Dumme daran ist nur: Der Ausdruck ist unnötig, anders als bspw. in der Seemannssprache, wo fachliche Ausdrücke wie ‘Brassen’, ‘Fieren’, ‘über die Toppen flaggen’ usw. ihre sachliche Berechtigung haben. Jeder Ausdruck, der also bloß Gruppenzusammenhang durch sprachliche Inklusion schafft, ohne darüber hinaus zusätzlichen Sinn zu machen, der schließt andere unnötigerweise als ‘fremd’ aus: Kunden, Leser usw. Der ‘allgemeine Sprachgebrauch’ ist daher immer derjenige, der am wenigsten diskriminiert – und auch damit kommt er dem ‘guten Stil’ am nächsten …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2019 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑