Stilstand

If your memory serves you well ...

Selbstüberschätzung

An dem Punkt habe ich dann aufgehört, Gabor Steingarts Traktat noch weiter zu lesen, weil er gleich mal von falschen Voraussetzungen ausgeht. Und stimmt vorn die Prämisse nicht, dann kann hinten auch nichts Zutreffendes folgen. Tsss … als würden im Netz nur ‘Verlagsprodukte’ herumstehen:

“Von den vielen Millionen deutschen Dokumenten, die das Google-Archiv auf seinen Servern bereithält, stammt kein einziger Text von einem Google-Mitarbeiter, sondern alles, was da an Artikeln begeistert, polarisiert, langweilt oder einfach nur informiert, ist von den Autoren deutscher Verlage in deutscher Sprache erstellt worden.”

Donnerwetter, ‘alles’ – was für ein Alleinvertretungsanspruch! Die Sache mit den ‘deutschen Autoren’ mag für den deutschsprachigen Teil des Netzes ja noch halbwegs stimmen. Aber gleich allen Autoren zu unterstellen, sie würden nur für konfektionierte Ware aus deutschen Verlagen sorgen, das erscheint mir als These doch arg abenteuerlich und durch keinerlei Fakten gedeckt. Meine Einschätzung lautet anders: Nur der geringere Teil der Inhalte im Netz stammt heutzutage noch aus dem altehrwürdigen Verlagsbereich.

Zumindest für den ‘Stilstand’ darf ich schon mal feststellen, dass hier nicht ein einziger Text als ‘Paid Content’ auf dem gepflegten Rasen eines gebenedeiten Verlagsgeländes heranwuchs …

4 Kommentare

  1. Hat mich auch geärgert, dieser Passus!

    Dennoch: Man muss ja nur auf Rivva schauen, um zu sehen, wie dominant die Artikel der Großmedien im Web da stehen. Sie werden am meisten verlinkt, geteilt, getwittert – Blogger kommen (verständlicherweise) als kommentierende Meinungsmedien vor, können (und wollen) den Journalismus aber nicht ersetzen.

    Die Crux ist wie immer das “wir”, von dem Steingart spricht. Dieses “wir” wird sich nie einigen und seine Macht tatsächlich ausspielen. Würden alle Zeitungsverlage z.B. ihre Artikel für Google sperren und eine eigene Suchmaschine nur für sich betreiben – na sicher, man würde (auch) dort suchen und lesen. Das aber reicht ihnen ja nicht, diese Suchmaschine hätte kein Geld zu verteilen, das sie von Google per LSR ja eintreiben wollen.

  2. Dass sich Texte der alten und neuen Medien überschneiden und aufeinander Bezug nehmen, ist sicherlich richtig. Selbstreferentialität ist kein Problem der einen oder der anderen Seite. Twitter oder Facebook sind in der Regel nur ‘Linkschleudern’, von redaktionellen Inhalten kann man da kaum sprechen – sie sind eher das, was in Verlagen einstmals ‘Vertrieb’ hieß, sie sorgen im digitalen Raum für die Auflage, nur dass sich das dort dann nicht mehr ‘auszahlt’ wie einst im Mai.

    Aktuell finden sich bei rivva aber ebenso prominent platziert Texte der ‘Nachdenkseiten’, von ‘netzpolitik.org’, von ‘golem.de’, vom ‘Postillion’, von ‘Carta’ etc., die kaum als ‘Verlagsprodukte’ durchgehen könnten, und auch auf sie nehmen dann wiederum unsere Verlage Bezug. – – – Naja, auf die ‘Nachdenkseiten’ vielleicht nicht unbedingt … während ein digitales Projekt wie ‘regensburg digital’ vor Ort den Platzhirschen aus den Verlagen längst den Rang abgelaufen hat, weil ausgerechnet die ‘Digitalen’ noch wissen, wie Lokaljournalismus aussehen müsste. Da geht es eben nicht darum, ein wenig redaktionellen ‘Grauwert’ um möglichst viele Anzeigen herum zu platzieren …

    Was die eigene Suchmaschine betrifft: Dann müssten die Verlage eben per LSR das Geld auch von der verlagseigenen Suchmaschine eintreiben … 😉 Ich benutze übrigens als Alternative zu Google regelmäßig auch ‘DuckDuckGo’, weil diese Suchleiste Googles Ergebnisse oft sinnvoll ergänzt. Das ‘Modell Google’ funktioniert doch nur solange, wie es gute Ergebnisse liefert. Sonst sind die Leute weg. Das würde auch für eine ‘deutsche Suchmaschine’ gelten. Würde ich da ewig nur ‘Verlagsergebnisse’ und ansonsten viel BlinkyBlinky sehen – dann tschüß. Außerdem glaube ich bis auf weiteres nicht, dass unsere 200 Verlagsgranden so viele Milliarden in die Hand nähmen, wie sie für den Aufbau einer konkurrenzfähigen ‘deutschen Suchmaschine’ erforderlich wären.

  3. Selbst wenn die genügend Geld in die Hand nehmen, würden die es nicht schaffen. Weil es in erster Linie nicht an der Kohle, sondern an der Haltung mangelt. Ich glaube, die interpretieren Google News als ‘ne Art Kiosk, das in vor allem dazu dient, ihre Angebote hübsch zu präsentieren. Hier lohnt eine Suche nach “Leistungsschutzrecht” und “ACAP”.

    Und da seh ich auch den großen Pluspunkt von Google — da steht nicht der Vertrieb, sondern der Nutzer im Vordergrund. Sprich: Ich werd nicht mit nem Haufen Scheiße zugemüllt, sondern erkenne bei den meisten Diensten auf den ersten oder zweiten Blick, wie die grob funktionieren. Und normalerweise reicht es mir eben, was Google mit der Web- und Bildersuche, Maps, Google Books oder Scholar anbietet. Maps ersetzt z.B. bei mir alle Karten- oder Routen-Programme.

    Klar, letztlich dient das Google auch ökonomisch, passt ja alles prima zum Geschäftsmodell. Und was im Hintergrund abläuft, — also welche Daten über mich gesammelt, gespeichert und analysiert werden — weiß ich nicht, erfahre ich auch nicht. Und es ist schlicht grausam, sich in die Datenschutzbestimmungen einzuarbeiten und durch die entsprechenden Einstellungen zu wühlen.

    Nur: Bei den Verlagen ist das auch nicht besser. Zudem habe ich den vagen Verdacht, dass die alten Herren in den Chefetagen mit der Welt von heute absolut nichts mehr anfangen können — und zwar weder verstehen noch akzeptieren. Anders kann ich mir solche Sätze nicht erklären: “Denn die Macht von Google, die keiner mehr bestreiten sollte, ist eine Macht, die von den traditionellen Verlagen ausgeht, auch wenn sie nicht dorthin zurückkehrt.”
    Da schimmert ein so dermaßen auf die Verlage zentriertes Weltbild durch, dass mir die Spucke wegbleibt. Irgendwie hoff ich immer noch, dass das ‘ne PR-Floskel vom Steingart ist und der das nicht wirklich ernst meint…

  4. @ Brad Hammer: Yep – sie sind alle hoffnungslos ‘ökonomisch gepolt’: Immer an die Kohle denken – und niemals an den Leser.

    Der Gabor sitzt in seinem Steingärtchen und träumt von seligen Tagen in Aranjuez, glaube ich. Als die Verlage noch unumschänkt herrschen durften …

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