Stilstand

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Schimmelgeruch

Wenn eine Ideologie auf die abschüssige Bahn geraten ist, dann beginnt die große Zeit der ‚Eigentlichen‘. Erstmals lernte ich deren typische Argumentation bei den versprengten K-Gruppen meiner Uni-Zeit kennen. Die verteidigten unverdrossen den Sozialismus, indem sie ihn als nicht von dieser Welt verklärten: Der Sozialismus resp. Kommunismus, sagten sie, hätte doch mit den Kukident-Riegen der Breschnjew und Andropow nichts zu tun, auch nichts mit einem millionenfachen Bauern-Mörder wie Mao Tse Tung, der ‚eigentliche‘ und wahre Kommunismus sei ganz etwas anderes, nämlich eine fortdauernde Utopie. Im Grunde sei seine Idee doch von jenen Figuren verraten worden, die sich in der Realität als Kommunisten bezeichnen.

Wenn sie sich ins Himmelreich oder ins Reich der Theorie verflüchtigt, fängt jede Ideologie an, in der Praxis stark nach Schimmel zu riechen. Ähnliches lässt sich heute beim Liberalismus beobachten. Der ‚eigentliche‘ Liberalismus hätte doch mit Finanzkapitalismus, mit FDP und Sozialdarwinismus gar nichts zu tun, der ‚eigentliche‘ Liberalismus sei ganz etwas anderes und auch nur im ideologischen Himmelreich zu finden – oder ersatzweise in der amerikanischen Tea Party, so missionieren uns bspw. derzeit die Ideologiewächter in Springers ‚Welt‘:

„Tatsächlich erliegt Schirrmacher einer in Deutschland relativ weit verbreiteten Fehlannahme, wonach Liberalismus und Wirtschaftsnähe das gleiche seien. Das ist aber nicht der Fall. … Echter Liberalismus muss sich ständig mit etablierten Wirtschaftsinteressen anlegen, um wirklichen Wettbewerb zu ermöglichen. … Man kann die Wucht, mit der die Tea Party die politische Landschaft Amerikas umwälzte eigentlich nur verstehen, wenn man sie als Bewegung begreift, die gegen die Eliten des Landes auf der Moral des Liberalismus besteht, wonach nicht die Steuerzahler für die Fehler der Reichen geradezustehen haben.“

Tscha – eine elitäre Ideologie wird egalitär umgedeutet. Nur dass der real existierende Liberalismus sich in der Praxis so gar nicht mit ‚etablierten Wirtschaftsinteressen anlegen‘ mag, wie es die Theorie dieser Himmelshausener fordert. Im Gegenteil – die Tea Party lässt sich mit Fug und Recht sogar als ‚milliardärsbetriebene Veranstaltung‘ kennzeichnen. Diese anti-etatistischen L-Grüppchen zeichnen sich heute durch die gleichen weltfernen Radikalisierungstendenzen aus, die wir einst bei den sektiererischen K-Gruppen beobachten konnten. Auch sie wollten lange nicht einsehen, dass ihre große Zeit vorüber ist. Wo Milton Friedman gründlich gescheitert ist, kommt heute eine Sarah Palin mit bunten Patchwork-Argumenten hinterhergeklappert, notdürftig in Sprache gehüllt. Man könnte auch von einem intellektuellem Zerfallszustand des Liberalismus sprechen …

Nachtrag: Hier noch ein erfahrungsgesättigter Bericht aus der Vorhölle des real existierenden Liberalallas – „Gemeinsam hatten sie alle den Wohlstand, der meist ererbt war und die damit verbundenen Privilegien, die nur allzu gerne demonstriert wurden.“

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die immer wieder großartigen Analysen.

    Ist selten, dass auf einem Blog mal so gar kein Müll verzapft wird. 🙂

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