Stilstand

If your memory serves you well ...

Schäfchen auf Kreuzzug

Dass beim ‘Cicero’ der politische Katholizismus grassiert, ist nicht erst seit Alexander Kissler bekannt. Jetzt also darf der Professor Heinz Theisen von der Katholischen Hochschule Köln dort seine Weltsicht unter dem schönen Titel “Wer Demokratie exportiert, sät Anarchie” ausbreiten. Und weil er Professor ist, wirkt das Elaborat auch nicht platterdings untauglich, sondern eher ‘halbschlau’ oder ‘jesuitisch’. Was er im Kern propagiert, ist ein ‘westlicher Isolationismus’, wie ihn auch die USA in den dreißiger Jahren praktizierten:

“Die Strategie des Westens, andere Länder zwangsdemokratisieren zu wollen, ist krachend gescheitert. Kluge Außenpolitik sollte lieber auf friedliche Koexistenz mit Autokratien setzen.”

Schön und gut, so etwas kann man ja mal behaupten. Aber bei dem, was der Herr zur Illustration heranzieht, liegt er dann doch oft ebenso krachend daneben:

“Die militärischen Interventionen des Westens rufen angesichts der mangelnden Übertragbarkeit unserer Ideale und Strukturen interkulturelle Tragödien hervor. Die erzwungenen freien Wahlen brachten Islamisten und illiberale Demokratien an die Macht. Das frei gewählte Parlament Afghanistans führte die Scharia einschließlich der Todesstrafe für Konvertiten ein. Im demokratisierten Irak wurden die Christen als „Freunde des Westens“ verfolgt, nicht vom irakischen Staat, sondern von Al Qaida, denen gegenüber dieser demokratische, in Ethnien und Konfessionen zerrissene Staat längst ohnmächtig ist.”

Die ‘mangelnde Übertragbarkeit unserer Ideale’ hätte all dies bewirkt? Und die Einführung der Scharia in Afghanistan wäre also erst eine Folge der westlichen Intervention samt ‘Freedom & Democracy’ gewesen? Herr, lass es Hirn regnen! Das Taliban-Regime 1.0 fand vor jeder westlichen Intervention schon statt – und es wurden nicht nur Buddha-Statuen gesprengt, sondern Menschen nach den Gesetzen der Scharia massenhaft gesteinigt und dahingemetzelt, bloß weil sie vielleicht ein wenig Musik hörten. Und mit so etwas soll ein auf kulturellen Ausgleich bedachter Isolationismus Händchen halten?

Auch im Irak unter Saddam wurden zwar nicht gerade Christen verfolgt, sondern ‘nur’ die Schiiten im Euphrat-Delta dahingemeuchelt und die Kurden nördlich von Mossul vergast. Ich bin gewiss kein Freund von Schorsch Dabbeljuh, dieser Leuchte des Abendlandes, aber Saddam Hussein war eben auch kein Menschenfreund, sondern lange Zeit eben nur ‘unser Schlächter’. Eher ein ‘Mangel an Idealen’ und ein Übermaß an ‘geopolitischen Interessen’ konnte ihn so lange tolerieren.

Das Blut floss also nicht erst nach dem angeblichen ‘Demokratieexport’ des Westens, wie gescheitert solche Interventionen auch immer verlaufen sein mögen. Und es waren nicht ‘erzwungene freie Wahlen’, welche die ‘Illiberalität’ erst bewirkten. Auch ohne freie Wahlen gelangten weltweit schon die ekligsten Figuren an die Macht. Ursache und Wirkung werden in bester jesuitischer Tradition hier konsequent vertauscht. Ganz abgesehen davon, dass ‘der Westen’ Theisens Rezepte doch schon oft genug befolgt, zum Beispiel gegenüber Saudi-Arabien, faktisch eine der übelsten religiösen Diktaturen der Welt. Man könnte sogar mit guten Gründen behaupten, dass der saudische ‘Freund des Westens’ hinter dem Djihadismus bspw. in Syrien oder im Irak steckt.

In der Folge läuft bei Heinz Theisen alles auf einen Quietismus hinaus, die Welt sei im Grunde unveränderlich und ein Jammertal, das Hohelied der Tradition wird gesungen:

“Russland wurde immer autoritär regiert und sein Nachfolger würde nicht anders regieren können.”

So ist das nun mal – und das russische Volk mit seinen Ambitionen soll gefälligst die Fresse halten, in den Straflagern Ringelreihen tanzen, und sich in sein unveränderliches kulturelles Schicksal ergeben.

Eine bemerkenswerte Kehrtwendung vollzieht unser Professor dann allerdings doch. Sein ‘kulturelles Laissez-Faire’ gilt in Bezug auf eine der konkurrierenden ‘Kulturen’ dann eben nicht – in Bezug auf den Islam. Vermutlich rebellierte sein Christenherz doch allzu heftig gegen die Folgerichtigkeit seines eigenen Denkens. Und was für Nordkorea billig sein mag, das gilt noch lange nicht für Dschihadisten. Plötzlich werden wir unversehens mit Huntingdons ‘Clash of Civilizations’ konfrontiert, aus dem Isolationisten wird schlussendlich wieder ein kultureller Kreuzzügler:

“Der Islamismus ist der Totalitarismus des 21. Jahrhunderts. … Wir können dem Kampf der Kulturen nicht länger ausweichen, indem wir ihn verleugnen oder mit schönen Begriffen wie „interkultureller Dialog“ und „Integration“ verniedlichen.”

Aha – erst eine dolle isolationistische These aufgestellt, und mit dem Mors der Conclusio gleich wieder interventionistisch umgerissen. Jesuitismus live!

9 Kommentare

  1. Putin wird halt für den neuen Kreuzzug gegen die islamischen Heiden gebraucht:

    Der politische und kulturelle Universalismus hindert den Westen daran, systemübergreifende Koalitionen mit nicht-demokratischen, aber stabilen und berechenbaren Staaten einzugehen, die den zivilisierten Hemisphären zuzurechnen sind.

    Da läßt es sich auch verschmerzen, daß der letzte Rabbiner der Krim gerade vor den Russen nach Kiew geflohen ist:

    http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18660

    Schließlich ist das der “Wille der Krim-Bewohner, der sich in der Volksabstimmung mindestens so demokratisch geäußert hat wie bei der Absetzung der Machthaber in Kiew”.

  2. ich hab’ da nur mal wieder was vom hörensagen beizutragen und gerade “lawrence of arabia” noch auf meine todoliste gesetzt.

    ich weiss nicht, ob die idee, sich in die ukraine abzusetzen, so gut war, aberwas weiss ich schon. wir werden sehen …

    und, naja, da ich nicht genial bin, klaus, bin ich ja auch nicht wirklich ein pessimist.

    eher irgendwas zwischen einem stoiker und einem kyniker.

  3. ps: heute ist bei mir mal wieder 4 wochen tv-programm. in einem kleinen fenster rechts unten auf dem minimac läuft also der vierteiler “operation barbarossa”.

  4. klaus,

    vielleicht hast du ja spaß an diesem kleinen feature über eine ungarische kleinstadt und ihren bürgermeister. so schlimmw ie in ungarn kann es in der ukraine nicht sein, das weiss ich durchaus, und – nochmal – ich will dir nichts “beweisen”, hier fliegen von meiner seite keine “argumente” hin und her usw usf.

    den artikel in der jungleworld habe ich lustigerweise auch gelesen, ist ja nicht so, als ob ich viel dort lese, wir nutzen wohl wahrscheinlich die selben wegweiser (rivva, newstral?)

    wie gesagt, ich halte beide seiten für lügner, ich stehe diesem permanenten versuch, mich zu emotionalisieren und gegen den jeweils anderen aufzubringen, skeptisch gegenüber und “prokrastiniere” halt, um denen erst gar nicht die chance zu geben, mich zu emotionalisiern.

    ansonsten bin ich natürlich keynesianer since 1975 (wirtschaftsgymnasium), was ja in zeit und raum auch mal sowas wie der belzebub war – hat mich aber noch nie gestört.

    ich bin halt kein kommunist, maoist war ich mal anfang der frühen 70er (waren wir nicht alle da “maoisten”???) und sarah fand ich wohl, wie alle anderen im raum anfang der 90er zuckersüß, sie war sozusagen unser aller spindgirl. aber das ist ja nun 20 jahre her und jetzt treibt sie es mit “uhs oskar!”, den ich auch schon seit 20 jahren gegen alle anfeindungen in schutz nehmen musste, weil ich ihn aus zeiten kenne, als er noch helmut (dem ersten) die sekundärtugenden attestierte, die man zur leitung eines kz’s gut verwenden konnte, bzw. er sich noch in rockerkneipen oder mit horst eberhard richter auf der bühne des trierer hindenburggymnasiums (geisst nicht mehr so) über die mentalität von politikern in worten ausliess, die ich damals alle hätte unterschreiben können.

    ich bin also relativ frei von leidmedialen manipulationsversuchen, habe meinen eigenen, gut gewachsenen, blick auf die leute … und finde auch, daß sarah gerade ein bißchen spinnt.

    im gegensatz zu antje vollmer. ich hoffe, du hast sie gelesen.

  5. ach ja, heute in meiner playlist, könnte dich interessieren:

    Swoboda-Partei ist ‘keine entscheidende politische Kraft’

    wie gesagt, ich höre allen zu 😉

  6. Ungarn war lange vor Adoof schon eine der Hochburgen des Antisemitismus in Mitteleuropa. Das hing mit der ‘Demütigung’ durch die Trianon-Verträge zusammen, wo Ungarn ungefähr Zweidrittel seines Staatsgebietes verlor. Ein Sündenbock musste da her: Wer hat uns verraten, bestimmt nicht die eigenen Potentaten … usw. Das Muster wirkt bis heute fort.

    Umgekehrt funktioniert’s übrigens auch: Rumänien wurde durch die gleichen Verträge zu einem plötzlich aufgeblähten Staat, wo faktisch die Rumänen auf einmal in der Minderheit waren. Diese machthabende Minderheit, die sich bei jeder Wahl mit dem Rücken zur Wand stehen sah, die machte was? Na klar, sie prügelte auf die Juden ein. Und auch auf die Polen, die Ruthenen usw. … sie spielte um des Machterhalts willen alle Minderheiten gegeneinander aus.

  7. um ungarn mache ich mir – offen gestanden- schon seit jahren mehr sorgen als um die ukraine, da hält mich stephan orzsváth ja auf dem laufenden.

    das problem heisst da wohl CDU und die gesamte christlich orientierte fraktion in der EU, die sich so was von dämlich und kleinkariert anstellt, daß man sich an den kopf fasst.

    interessantes interview übrigens heute mit christopher clarke im dlf.

  8. ach ja, daß das gebot “du sollst nicht stehlen” sich nicht auf landraub bezieht, kannst du übrigens einem ziemlich bizarrem interview mit einem rabbiner im dlf erklären lassen.

    der mann sollte für putin arbeiten 😉

    da lobe ich mir doch – haltdichfest! – den frank schätzing, der zu meiner überraschung mit “Breaking News” nicht nur einen durchaus spannenden krimi sondern auch eine lesens-(ahem, hörens-)werte nacherzählung der geschichte israels hingelegt hat.

    na gut, ich bin erst 3/4 durch und normalerweise ist es ja das geradezu verpflichtende motto deutscher “thriller”-autoren wie schätzing oder eschenbach den schluss schon aus prinzip zu vergurken und in ödnis abzustürzen, aber, naja, wenn man den rein historischen teil nimmt – durchaus gelungen.

    bis jetzt hat noch niemand behaupten können, es sei “antisemitisch”, aber es wird sich sicher schon noch ein idiot finden. ich tippe auf henryk.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2019 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑