If your memory serves you well ...

Rückwärtsgekehrte Prophetien

Erscheint mal wieder eine Studie, wonach jeder zweite Bürger Neufünflands sich die DDR zurückwünsche, dann ist im Westen die Empörung regelmäßig groß: Dieses undankbare Gesocks, nach allem was ‘wir’ (nämlich ‘wir Westler’) für ‘die da drüben’ getan haben! Ob die denn nicht mehr wüssten, wie das war, als die Firma Guck und Horch durch jedes Schlüsselloch plierte, als es nichts zu kaufen gab, das aber regelmäßig, als nur blanke Lügen aus jedem Lautsprecher nölten? Solche Schmähkritik verfehlt den Punkt …

Die Sehnsucht nach der DDR ist keine echte Nostalgie. Jeder weiß wohl noch, wie es war, als überall der Putz von den Wänden bröckelte, als der ganze Staat nach Braunkohle stank wie ein undichtes Ofenrohr, als die Hälfte der Arbeitszeit und mehr in die Reparatur maroder Produktionsmittel gesteckt werden musste, als geklampfte FDJ-Musik aus allen Lautsprechern plärrte und die genormte Parteisprache ein ideologisches Wolkenkuckucksheim zauberte, das nirgends daheim war, schon gar nicht im Hier und Jetzt. Darum aber geht es gar nicht.

Der ‘goldene Westen’ wird heute von den zartbeseelteren Zonenpflänzchen vor allem anderem erst einmal als bitterkalt empfunden: Jeder mache dort sein Ding, ganz wie in der Baumarkt-Werbung, und er kümmere sich nicht um das, was eine Haustür weiter passiere – ein gesellschaftliches Defizit, der uns Westlern gar nicht mehr aufstößt, weil wir seit dem Ende der Hippiezeit nichts anderes gewohnt sind: Bei uns, im okzidentalen deutschen Teilstaat, laufen die Haifische traditionell frei herum, Amoralisten werden Bundesverdienstkreuze um den Hals gehenkt, gekonnte Ausbeutung wird von geistig verschmockten Honoratioren in Festreden als ‘Pioniergeist’ verklärt, und gelogen wird auch, dass sich die Balken biegen, nur eben anders, sehr viel INSM-mäßiger: Aus ‘Vermögenden’ wird dann der ‘Mittelstand’, aus ‘Zinserträgen’ eine ‘Leistung, die sich wieder lohnen muss’, obwohl doch nicht ein Gran Leistung in solchen Einkünften enthalten ist, usw.

Kurzum- auch wir pflegen eine Potemkin’sche Sprache, die der DDR-offiziellen gar nicht nachsteht … den Ostlern fällt das eben noch eher auf, weil sie auf den West-Sound weniger konditioniert sind. Grundsätzlich aber ist jede Ideologie eine Behinderung, die sich sprachlich manifestiert, ob nun Sozialismus oder Neoliberalismus: Erst nimmt eine fixe Idee uns das Denken ab, dann versklavt sie unseren unabhängigen Geist, indem sich ihren Strukturen alles unterzuordnen hat, und am Ende ist diese Ideologie zu einem Dämon geworden, dem wir ‘in Unfreiheit’ dienen müssen. Jeder ‘Idealist’ ist im Grunde ein Sklave, nenne er sich Nazi, Marktliberaler oder Mullah-Mann …

Weil nun aber der Deutsche seine Zukunft schon immer nur in der Vergangenheit suchte – wie anders als mit “Wir wollen unseren alten Kaiser Renditus wiederhaben!” ließen sich die Retro- und Nostalgie-Werte der FDP in den Umfragen erklären? – deshalb wird auch das, was die Ostbürger von der Zukunft erhoffen, auf eine DDR zurückprojiziert, die es so nie gegeben hat: Jeder hatte dort Arbeit, die Menschen halfen einander, die Nachbarschaften waren intakt, und die Spreewaldgurken schmeckten damals auch besser.

Wendet man diesen rosaroten Ponyhof einer angeblich real existiert habenden Vergangenheit in die Zukunft hinein, dann wünschen sich die Menschen folglich einen Staat mit Vollbeschäftigung, wo statt der zahllosen Ich-AGs die Solidarität unter Menschen wieder etwas zählt, wo eine Lebenskrise noch keinesfalls den sozialen Abstieg zwangsläufig zur Folge hat und wo soziale Beziehungen mit mehr Wir-Gefühl funktionieren. Aus dieser Perspektive erweisen sich die scheinbaren Projektionen auf die DDR als rückwärtsgekehrte Prophetien, ihre Inhalte kommen den feierlichen Wahlprogrammen von Union und SPD ziemlich nahe … denn für das, was da als ‘DDR’ figuriert, dafür sind wir im Grunde alle …

10 Kommentare

  1. mds

    Sehr gut formuliert, insbesondere auch:

    Erst nimmt eine fixe Idee uns das Denken ab, dann versklavt sie unseren unabhängigen Geist, indem sich ihren Strukturen alles unterzuordnen hat, und am Ende ist diese Ideologie zu einem Dämon geworden, dem wir ‘in Unfreiheit’ dienen müssen.

  2. Hansi

    Im Endeffekt geht es hier (im Osten) wie angesprochen um den Besitz einer Haltung. Solidarität. Wir-Gefühl. Entfaltungsräume.

    Da man sich diese Haltung nicht mehr leisten kann (glaubt man), wird diese zum Luxusgut. Das Bittere dabei: Diejenigen, die sie sich leisten könnten, haben kein Interesse mehr daran.

  3. Morla

    Schon alles ganz richtig beobachtet.

    Nur, wie kommt es dann am Schluss zu dieser Behauptung:

    “Aus dieser Perspektive erweisen sich die scheinbaren Projektionen auf die DDR als rückwärtsgekehrte Prophetien, ihre Inhalte kommen den feierlichen Wahlprogrammen von Union und SPD ziemlich nahe … denn für das, was da als ‘DDR’ figuriert, dafür sind wir im Grunde alle …”?

    Verstehe ich nicht!

    Was haben CDU-Wahl-PR, gesteuert von einer Agit-Prop-Tante, und die sprichwörtliche Unsolidaritätskampagne der SPD mit den Erwartungen der ehemaligen Ostler zu tun?

    Auch Sie, verehrter Herr Jarchow haben das Leben in der DDR nicht erlebt. Sie konnten also nicht intuitiv erlernen wie man zwischen den Zeilen eines Politorgans liest.

    Man muss es schon erlebt haben, um dieses Gespür für, nein nicht für Schnee, zu entwickeln. 40 Jahre habe ich DDR erlebt – und ich habe die immer wieder herbei zitierte Solidarität nicht gefunden. Eher schon die Sympathie zur gegenseitigen “Tauschgesellschaft”. Wollte irgendjemand etwas anders haben, brauchte er Tauschpartner.

    Tja, und die gab es reichlich in der DDR. Und noch etwas gab es auch – je länger sich der “Laden” hielt, umso intensiver konnte man, wenn man wollte, das Scheitern erkennen – und daraus erwuchs Hoffnung.

    Hoffnung auf Vernunft im Umgang mit uns und der Erde.

    Diese Hoffnung auf Vernunft wird hierzulande von CDU, FDP und Konsorten absolut zunichte gemacht. Und so ist die s. g. Ostalgie nichts weiter als Trauer. Trauer um die verlorene Hoffnung auf Vernunft.

  4. Dierk

    Nana, wer wird denn Idealist und Ideologe verwechseln?! Der eine glaubt an das Gute im Menschen, will eine schönerer, gerechtere Welt, meint, Lügen sei falsch, Newspeak noch falscher. Der andere weiß, dass nur sein Gott gut ist, will ein schöneres, besseres Leben [für sich], meint, der Zweck heilige die Mittel, die Menschen müssen belogen werden, denn begreifen tun sie ohnehin nichts.

    Das Fatale an der Ost-West-Ost-Debatte ist die Siegermentalität der Westdeutschen: Wir haben den Kalten Krieg gewonnen, den Kommunismus/Sozialismus besiegt, die Wohltaten von Golf , Marlboro und Urlaub an der Algarve nach Leipzig gebracht. Und während wir alle genau wissen, dass ‘wir ja nie …’, ahnen Menschen, die bis zum bitteren Ende in der DDR gelebt haben, dass Leben doch etwas Komplexes ist.

    Natürlich war die offizielle Politik Mist, aber sie hatte dazu geführt, die Menschen in der Nachbarschaft zusammenrücken zu lassen. Man half sich statt sich zu verklagen. Der Mangel durch mangelhafte 1-, 5-, und 20-Jahres-Pläne kommt uns Westlern lachhaft vor, für die Magdeburger und Potsdamer war er tägliches Leben. Man kam damit zurecht, organisierte, wurde kreativ.

    Wir sind nur noch die dichotomische Welt gewöhnt, Gut vs. Böse, Weiß vs. Schwarz, Kapitalismus* vs. alles andere. Kommunismus und Sozialismus = Böse, ergo ist alles, was irgendwie den Geruch von zusammenarbeiten oder nett zueinander sein hat als teuflisch abgewatscht. Die DDR, das waren nicht wir, das waren die Anderen. Es war einfach von Wiedervereinigung, von uns Deutschen, von einem Volk zu reden, als die Grenze noch ziemlich fest stand. Es bestand kein Anlass zur Sorge, dass die popligen Verwandten rüber kommen.

    Jetzt sind sie da. Nach 20 Jahren reden wir immer noch darüber, dass Ost und West zusammenwachsen müssen. Nach 20 Jahren sind wir immer noch 2 Deutschlands?! Das ist doch traurig. Vor allem, weil ich [als Westler] den Eindruck habe, “die Ostler” geben eine bessere Figur ab, beim Gesamtdeutschwerden.

    PS: Der Aufschrei gegen Althaus einzige interessante und intelligent Bemerkung seit sehr langer Zeit lässt mich wundern, wie lange denn einige meinen, dass es noch dauert, mit dem einigen Deutschland.

    *Übrigens erst einmal keine Ideologie; das Wort wurde als Kampfbegriff gegen die freie, ungeplante Gesellschaft eingeführt. Von den Kommies.

  5. Klaus Jarchow

    @ Morla: Mit ihrem Sonntagsreden-Vokabular beziehen sich die Parteipolitiker jeder Couleur sehr wohl auf diese vermissten humanen Werte, selbst sogar auf die Hoffnung. Dass die praktische Politik nach der Wahl dann das Gegenteil davon exekutiert, das ist ein zweites Paar Schuhe, meist werden die beliebten ‘Sachzwänge’ vorgeschoben, was ein anderes Wort für ‘Lobby-Gruppen’ ist … aber mit den süßen Wort-Leimruten des allgemein menschlichen Wertekanons lassen sich im Wahlkampf die Gimpel fangen.

    Übrigens: Dank meiner Mecklenburger Verwandtschaft war ich oft ‘Drüben’, so hieß zumeist dieses seltsam erstarrte Land aus West-Sicht. Auch wenn ich dort vieles erlebt habe, so habe ich keineswegs alles kapiert … zum Beispiel, warum ich täglich einmal aus der DDR aus- und dann wieder einreisen musste, nur weil ich gern mit einem alten Fischer zum Makrelenfang auf die Ostsee hinausfuhr. Ich dachte in meiner Einfalt, die müssten mich allmählich mal kennen. Aber nee! Hätte unser BND meinen vollgestempelten Reisepass mit den DDR-Visa gesehen, dann wäre ich glatt auch im Westen zum Verhör bestellt worden …

    @ Hansi: Wer sich als Privatier ein luxuriöses Wolkenkuckucksheim erbaut hat, der schaut nicht mehr, worauf die Fundamente stehen. So jemand denkt, er wäre sozialer Selbstversorger. Ist er aber nicht.

  6. Klaus Jarchow

    @ Dierk: Das Wort ‘Idealist’ sagt noch nichts über die Qualität von Ideen aus. Allen Ernstes, auch die Nazis waren ‘Idealisten’ – sie hatten sich aus dem ideologischen Steinbruch u.a. von Rassetheorie, Erblehre und militanter Siedlungspolitik jenes “Reich der niederen Dämonen” (Ernst Niekisch) zusammengeleimt und -gestoppelt, dass ihnen die größten Ungeheuerlichkeiten als ‘Schicksalsweg’ vorschrieb. Ihm folgten sie wie einst die Nibelungen. Auch Auschwitz war die folgerichtige Exekution einer falschen und unmenschlichen Idee von der angeblichen Konkurrenz der Rassen …

  7. Morla

    Hach, es ist ja alles viel subtiler – um die Worte zu gebrauchen, die Fontane dem alten Briest immer wieder in den Mund legte: “Das ist ein weites Feld, Luise!”

  8. Kermar

    “Amoralisten werden Bundesverdienstkreuze um den Hals gehenkt”
    Ach schön wär’s, wenn man die ein wenig henkern würde.

    Beim Thema Solidarität trenne ich übrigens die individuelle Ebene von den gesellschaftlichen Strukturen. Strukturen, die Schwache an das Sozialleistungsende der der Gesellschaft verweisen, hat eigentlich jede westliche Marktwirtschaft, das kommt einfach zwangsläufig mit der Arbeitslosigkeit. Was sie aber nicht überall finden, ist eine Mentalität, der des Nachbarn Nöte gleichgültig sind. Ich lebe in den Vereinigten Staaten, sicher kein Musterland für gesellschaftlichen Ausgleich. Dafür aber eines, in dem die individuelle Hilfsbereitschaft sehr groß ist. Das fängt beim Tragen schwerer Einkaufstüten an, geht über’s Ausschaufeln im Schnee festgefahrender Wagen bis zur bereitwilligen Aktivierung des eigenen Netzwerkes, wenn ein Bekannter auf Stellensuche ist. In Deutschland hingegen bin ich immer wieder baß erstaunt, daß selbst das Einbiegen von einer Seitenstraße in eine vielbefahrene Verkehrsader zum darwinistischen Experiment generiert.

    Die Unwirtlichkeit der Gesellschaft läßt sich deshalb mithin nur bedingt auf politischer Ebene lösen. Das soll nicht heißen, daß ein Strukturwandel in der Arbeitsmarktpolitik nicht vonnöten wäre. Aber das Leben am Rande wird auch mit Mindestlöhnen oder Beschäftigungsgarantie nicht besser werden, solange in der Gesellschaft kein “Wir”-Gefühl entsteht, das im Zeitungsausträger den Menschen erkennt, der man selbst sein könnte, hätte man ein schlechteres Elternhaus gehabt, eine unkluge Berufswahl getroffen oder einen ungeschickten Knick in der Biographie gehabt hätte.

  9. Dierk

    Deswegen, Klaus [ich darf doch?], bietet die Sprache ja die Unterscheidung zwischen dem Idealisten und dem Ideologen. Außer den Menschenverachtern, die das Wort ‘Gutmensch’ als Beleidigung entwickelt haben, versteht wohl jeder den Idealisten als einen Menschen, der es nicht nur gut meint, sondern auch gut macht – wenn er auch etwas naiv ist.

    Der Ideologe hingegen wird immer als negativ gesehen, üblicherweise ist der [politische] Gegner ein Ideologe, man selbst will nur das beste. Ich wage jetzt auch mal stark anzuzweifeln, dass der Ideologe tatsächlich einer Idee folgt, gar noch konsequent. Wie du selbst über die Nazis schreibst, spinnt er sich seine Verschwörungstheorie aus allen möglichen Versatzstücken zusammen, solange sie seine nebulösen Vorurteile stützen. Nur so konnte Joseph Goebbels sagen: ‘Wer Jude ist, bestimme ich!’

    Ganz praktische Unterschiede ergeben sich bei der Frage, was die beiden – der Ideologe einerseits, der Idealist auf der anderen Seite – bereit sind zu opfern. Einer von beiden opfert eher sich selbst, der andere wird unweigerlich Opfer nur von den anderen erwarten. Oder die anderen gleich selbst.

    Darf ich zum Abschluss kurz sagen: das war doch nur ‘ne Nebenbemerkung. Der Rest war eigentlich wichtiger …

  10. Klaus Jarchow

    @ Dierk: Es hängt ja alles davon ab, wie ein Wort bei dir semantisch besetzt ist. Du teilst zwischen ‘Ideologe’ und ‘Idealist’ entlang eines moralischen Maßstabs – der Ideologe ist ‘böse’ und der Idealist ist ‘gut’. Ich erkläre mir die Differenz funktional. Demnach wäre der Ideologe derjenige, der die Ideologie bastelt, der Idealist aber das arme Schwein, das diesen Mist glaubt. Von Houston Stewart Chamberlain (“Hofphilosoph des deutschen Kaisers”) über Ludwig Ganghofer bis hin zu Dero Majestät höchstselbst haben diese Ideologen alle am Militarismus des Kaiserreichs kräftigst mitgestrickt, sie tragen damit wesentlich mehr Verantwortung als jene Studentenhorden, die vor Langemarck mit dem Deutschlandlied auf den Lippen ins feindliche MG-Feuer rannten, weil sie die gequirlte Sch..ße von Deutschlands künftiger Größe und Wilhelms ‘Platz an der Sonne’ glaubten. Das waren also die Idealisten … eine Menschensorte, die selten lange lebt.

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