Gleich zu Beginn seiner Erzählung ‘Viel Lärmen um Nichts’ stellt uns Joseph von Eichendorff das Publikum vor. Das wohnt in einem großen Schloss, während der Tross der Kreativen, bestehend aus Sängern, Musikern und Dichtern, an dieser Macht vorbeiziehen muss:

“Wem gehört der prächtige Pallast dort unten?” fragte Prinz Romano, auf dem schlanken Engländer nach seinen Begleitern zurückgewandt, indem sie so eben auf einer Höhe aus dem Walde hervorkamen und auf einmal eine weite reiche Tiefe vor sich erblickten. – “Dem Herrn Publikum!” erwiderte ein schöner Jüngling aus dem Gefolge. – “Wie! Also hier wohnt der wunderliche Kauz? kennst du ihn denn?” rief der Prinz verwundert aus. – “Nur dem Rufe nach”, entgegnete der Jüngling, sichtbar verwirrt und mit flüchtigem Erröten. …

“Göttliche Ironie des Reiselebens!” sagte der Prinz zu seinen Begleitern. “Wer von euch hätte nicht schon sattsam von diesem Publikum gehört, über ihn gelacht und sich geärgert? …”

Eichendorffs Landschaftsschilderungen sind eines der ältesten Prüfungsthemen in der Germanistik – hier mag es genügen, darauf hinzuweisen, dass seine daherzigeunernde Kunst sich nicht ohne Grund ‘auf den Höhen’ und ‘im Freien’ bewegt, während das Schloss des Publikums in der ‘Tiefe’, ‘dort unten’ auf flachbürgerlicher Ebene liegt. Materiell aber bleibt die Rangfolge klar: Dem Publikum gehört das Schloss, die Künstler reiten ihre Zossen und haben ansonsten leere Taschen und ‘frohen Mut’ zu haben.

Diese Passage fiel mir ein, als ich an das Urheberrechtsgebarme der heutigen ‘Kreativen’ dachte, die zu glauben scheinen, sie bekämen auch nur einen Cent mehr, träte morgen das Verlegerschutzabkommen ACTA in Kraft. Jene Leute, die sie dort genussvoll beschimpfen, das ist nämlich der heutige ‘Herr Publikum’. Bei den Jungen längst zu einhundert Prozent, und auch die Älteren sind schon überwiegend im Internet daheim, sehen wir mal von Rainer Brüderle, Hans-Olaf Henkel oder Oma Monsees ab.

Unaufhörlich wären all diese Publikümer dort dann damit beschäftigt, ranzige Tatort-Drehbücher raubzukopieren. Sie alle glichen “Lobbyisten toxischer Kräfte” (Frank A. Meyer), seien in “Lebenslügen gefangene Demagogen” (Tatort-Autoren), “Instant-Satisfaction suchende Wichser” (Volker Schlöndorff) voll “ökonomischer Ahnungslosigkeit” (Hans Magnus Enzensberger), oder gar “Diebe, die sich weigern, ihr nutzloses Dasein sinnvoll zu entwickeln” (Hans-Hermann Tiedje). Entweder muss sich also das Publikum tief ins Rotlichtmilieu hinein gewandelt haben – oder die Ansichten des fahrenden Volkes vom Publikum sind jenem in den Hakle-Bereich verrutscht.

Eichendorffs Text aus dem Jahre 1832 entstand zu einer Zeit, als auch in Deutschland die Raubdruckerei in voller Blüte stand. Trotzdem herrscht ein machtvolles Bild vom landbeherrschenden Publikum vor, der ‘Herr Publikum’ bei Eichendorff ist zwar ein reicher Spießer, aber kein Krimineller, obwohl auch er schon ‘Hehlerware’ gekauft haben dürfte.

Verglichen mit den Romantikern damals sind unsere ‘Kreativen’ in Stil, Duktus und Benehmen ziemlich abgesunken und auch eigentätig vollgestunken. Denn jene Leute, die dort ‘tief unten’ in den Schlössern und Bloghütten des Internet zu finden sind, das wäre nämlich ‘ihr Publikum’ heute – literat, gebildet, selbst schreibend. Mit dessen Austreibung dank verbaler Furzwettbewerbe sind sie gerade hingebungsvoll beschäftigt.

Zu diesem Zweck springen sie ihren Rezipienten mit dem Mors ins Gesicht. Schön blöd! Ich jedenfalls weiß, was ich mit dem nächsten Schlöndorff-Film, der nächsten Element-of-Crime-Scheibe mache: Gar net erst ignorieren …

Soweit es den Flohzirkusdirektor und Auslöser ‘vons Janze’ betrifft, weise ich ersatzweise auf diesen alten taz-Artikel hin …