If your memory serves you well ...

Postbaudrillardisch?

Inhaltlich ist gegen diesen Artikel wenig einzuwenden: Die alte Journalismus ließ sich jahrelang von der Politik vereinnahmen, von mir aus ließ er sich auch durch Baudrillardsche ‘Simulacren’ verzaubern, die er uns dann via Massenmedium als Realität vorgaukelte. Diese selbstgewählte Blendung wurde als ’embedded journalism’ euphemisiert oder in ‘Hintergrundgesprächen’ in Form einer ‘Buddy-Publizistik’ gefällig zelebriert. Letztlich aber zeigt alles dies doch nur, wie tief der Mainstriemel-Journalismus in den letzten 20 Jahren zu einer Karikatur seiner selbst herabgesunken ist.

Jetzt also gibt es ‘wikileaks’ – und der alte Journalismus steht vor den rauchenden Trümmern seiner gepflegten Mythen. Ursprungslegende und getippte Praxis stehen inzwischen in maximaler Distanz zueinander: ” … Das macht die Veröffentlichung des Videos auf Wikileaks zur Schande für die Mainstreammedien: Entweder sie hatten das Video nicht – weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen -, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung. …

Faktisch heißt dies aber auch, dass wir es hier gar nicht mit einem ‘Post-Poststrukturalismus’ zu tun haben, nichts also ist es mit dem “postbaudrillardisch” in der Überschrift, denn die Geschichte ist gar nicht über die französischen Witzbolde zu neuen, noch fortschrittlicheren Ufern hinweggestiefelt. Um auf Baudrillards berühmtestes Zitat einzugehen: Der Krieg fand immer schon statt – nur nicht in diesen satt und saturiert vor sich hinrülpsenden Massenmedien. Wer sich als Schreiber mit einem solchen ‘Simulacrum’ oder Lügengebilde begnügte, der war immer selber schuld, weiterhin nicht ganz frisch in der Birne – und er hatte zudem seinen Beruf verfehlt.

Durch ‘wikileaks’, im weiteren Sinne durch das Internet, kehrt der Journalismus jetzt auf geräumte Positionen zurück – und zwar im Netz. ‘Back to the roots’, das ist es, was uns dieses Ereignis beweist, es ist die Rückkehr zu alten Tugenden. Derzeit gilt wohl, um einen alten Sponti-Spruch zu variieren: ‘Traue keinem Medium über 30’.

Baudrillard, Virilio und die anderen Dampfplauderer aus der französischen Schule aber, die sind, den Kopf immer voran, geistesgeschichtlich in eine Sackgasse gerannt … weil sie mit ihrer gesellschaftlichen Lähmungs-Philosophie diese ‘Lügengebilde’ oder Simulationsveranstaltungen als einzig verfügbare Form von Wahrheit ausgeschrieen haben, weil sie im Kern, bei allem faszinierten Ekel, die Realitätsklempnereien der Massenmedien als einzig wahre Wirklichkeitsschmieden vergötterten. Sie standen ergriffen vor der Gewalt dieser großen Lüge. Vermutlich deshalb, weil sie nur Zeitungen lasen und TV-Shows guckten. Jetzt läuft die Gegenreformation. Während die Herde der akademisch hippen ‘Diskursteilnehmer’, mangels ideologischer Alternativen, den poststrukturalistischen Schwachfug ebenso fügsam wie unentwegt und jahrelang nachgeplappert hat.

Was aber macht das Schaf, wenn’s plötzlich donnert? Es macht ‘Määh’ …


2 Kommentare

  1. Jeeves

    “… ‘embedded journalism’ … ‘Hintergrundgesprächen’ … ‘Buddy-Publizistik’ …. wie tief der Mainstriemel-Journalismus in den letzten 20 Jahren zu einer Karikatur seiner selbst herabgesunken ist.”
    Achwas. Das war doch schon vor 100 Jahren, zu Karl Kraus’ Zeiten genau so.

  2. Klaus Jarchow

    @ Jeeves: Man muss ihnen doch eine ‘rückwärtsgewandte Utopie’ anbieten, damit sie sich vielleicht besinnen. Die Konservativen schwärmen doch auch von einer Vergangenheit aus ‘heilen Familien’, die es nie gab …

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