If your memory serves you well ...

Figuren erfinden

Du brauchst keine Handlung, du brauchst Personal”, könnte ich in Anlehnung an einen Song von Stoppok sagen. Gemeint ist, dass ein Text ohne Figuren notwendigerweise lahmt. Ein Text muss ‚menscheln’, soll er nicht als Journalismus, Wissenschaft oder Einschlaflektüre langweilen …

Nehmen wir an, ich wollte im Andenken an einen jüngst verstorbenen Jugendfreund endlich jenen großen Bremerhaven-Roman schreiben, auf den die Welt schon so lange wartet. Würde ich jetzt autobiographisch vorgehen, dann wäre mit unserer Clique herzlich wenig anzufangen gewesen: Zu widersprüchlich, zu verklemmt und – auch das, ja! – zu langweilig waren wir alle im Grunde damals. Ungeformte Wesen mit Dutzendcharakteren aber wecken nur wenig Interesse. Für das Genre des exakt Autobiographischen muss man erst einmal schon berühmt gewesen sein, bevor man sich in Buchstaben für die Ewigkeit bestatten lässt. Umgekehrt wird nur selten ein Schuh daraus.

Also backe ich mir stattdessen Charaktere aus dem vorhandenen Lehm der Erinnerung: Ich forme ‚Mischcharaktere’, nehme diese Eigenschaft von jenem und klaue jene Macke von diesem, so lange bis der Jung-Werther der Hippiezeit wie aus einem Guss erstrahlt. Sogar etwas hinzu erfinden darf ich dabei, schließlich bin ich ja Demi-Gott, die große Literatte, die keinerlei Bedenken kennt …

Da wäre bspw. mein alter Freund Udo, der immer ein wenig ‚queer’ auf mich wirkte und vor allem für Astronomie und Perry Rhodan schwärmte. Einzelheiten, aus denen sich so noch nichts Vernünftiges ergibt. Was aber wäre, wenn ich sein Teleskop und die Astronomie in die Tonne trete – oder jemand anderem ‚anschnacke’ – und in ihm stattdessen Interesse am ‚Stein der Weisen’ wecke, zu welchem Thema ich schließlich gerade Schütts ‚Geschichte der Alchimie’ gelesen habe, ein Buch, das sich dafür vortrefflich ausschlachten ließe. Man muss eben mit den Steinen bauen, die der Kopf bereitstellt.

Folglich redet der Udo meines Bremerhaven-Romans jetzt nicht länger über ‚Gucki, den Mausbiber’, sondern er schnackt über die ‚Prima Materia’. Und für diese ‚Prima Materia’ wiederum benötigt dieser angehende ‚Herr der Homunculi’ unabdingbar jungfräuliche Knabenpisse, da ist sich die gesamte Forschung einig. Woher aber soll er sie nehmen in einem Dorf vor den Toren Bremerhavens um 1975, solche keuschen Jungmänner mit unbeflecktem Johannes. Wo doch nahezu jeder ‚schon was mit der Heidi Wolf hatte’? Udo muss also nach jungfräu(?)lichem Knabenpipi fahnden. Bei uns hat er dank bereits vollendeter Beischlaftätigkeit kein Glück mehr. So lasse ich ihn dessenthalben diskret überall herumfragen, wobei er dem Dorf, dieser Hochburg des Moralischen, immer verdächtiger wird. Zwar nicht als Alchimist, wohl aber als potenzieller Knabenschänder.

Welche Steilvorlage, um die gesamte Dorfgemeinschaft literarisch vorzuführen, um die Romanhandlung in moralische Wallung zu versetzen, während mein ahnungsloser Udo unten im Keller begeistert sein ‚Hen to Pan’ , sein ‘Ein und Alles’ destilliert, weil er endlich den ebenso verklemmten wie unbefleckten Nachbarssohn René überzeugen konnte, in Mutter Annelieses Milchkanne zu pinkeln. Während drüben, in Eichborns Gasthof, derweil der Klatsch und Tratsch duftende Blasen schlägt.

Es ließen sich in der Folge auch Quecksilbervergiftungen, Hausbrände oder ganz neue Hippie-Drogen aus dem schlicht vom Autor zusammengesponnenem Aspekt der Alchimie zaubern. Alles dank der Kraft der Erfindung – ganz wie in der Alchimie.

Wichtig ist dabei immer eins: Wer als literarischer Lügenbaron wild verpuzzelte Charaktere aufs Papier wirft, der sollte über sie Buch führen. Wer glaubwürdig wirken will, muss widerspruchsfrei daherkommen. Heimito von Doderer breitete für seine Figuren und Romane kilometerlange Papierstreifen aus, um bei seinem eigenen Text auf dem Laufenden zu bleiben. Es geht auch schlichter – aber jeder Autor muss vor der Niederschrift über seine Figuren schon Bescheid wissen, woher sie ihre Narben haben, weshalb sie keinen Wackelpudding mögen, in welchen Fächern sie gut sind, ob sie im Stehen oder im Sitzen onanieren usw. Hierzu muss er das komplette Personal erst einmal erfinden.

Allwissenheit ist ein hartes Geschäft.


3 Kommentare

  1. Wolfgang Hömig-Groß

    Wäre ich Udo und du hättest bei mir aus Astronomie Astrologie oder Alchemie gemacht, dann wäre ich sauer! Ein Charakter mit einer Leidenschaft für Astronomie hat definitiv andere Sehnsüchte als jungfräuliche Knabenpisse; der ringt, auf der Basis gesunden Größenwahns, mit seiner Rolle in der Welt und dem Universum – Knabenpissesammler wollen Macht. Nun kennt ja Phantasie keine Grenze, aber an welchem echten Nagel hängt das denn noch?

  2. Klaus Jarchow

    Hmm – das passt schon: Du darfst nicht vergessen, dass wir alle damals Voll-Hippies waren: Das tibetanische Totenbuch, das Medizinrad und all so’n Tüch stand stark abgegrabbelt in jedem Regal herum. Udos Astronomie wiederum – das war ja eher die Faszination kalter Winternächte, wo wir mit Teleskop und Grog bewaffnet im Garten standen, um diverse Sternhaufen zu bestaunen, es ging eher nicht um die mathematisch exakte Berechnung von Planetenbahnen.

    Apropos: Die Alchimie war die erste Wissenschaft der Neuzeit, und zu ihrer Zeit Speerspitze des Fortschritts. Vieles andere wuchs aus ihr empor. Das mit der Knabenpisse ist übrigens kein Quatsch …

  3. Dierk

    Bleibt der Autor zu dicht an den realen Vorbildern wird er heutzutage verklagt. Ändert er die Vorlagen, subtrahiert Langeweile, addiert Irrsinn [oder Albernheit, je nach Interpretationslaune] wird er auch verklagt, weil er die reale Figur der Lächerlichkeit preisgibt.

    Statt also über echte Menschen zu schreiben, gehen wir zurück zur Beat Generation, knallen uns mit allem zu, von dem wir glauben, es erweitern unser Bewusstsein und schreiben über Lounge Lizards. Dann brauchen wir uns auch keine Sorge über konsistente Charaktere zu machen [die es ohnehin im wahren Leben nicht gibt].

    PS: Vorteil TV, hier können Persönlichkeiten entwickelt und verändert werden, eine der großen Stärken z.B. der Sopranos oder aktuell von Mad Men.

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