Cholera-Desinfektionskolonne, Hamburg 1892

Als Paradigmen, oder (scheinbar) unhintergehbare wissenschaftliche Glaubenssätze, bezeichnet man jene Grundüberzeugungen, welche die Basis aller Wissenschaft einer Zeit bilden. Auch Paradigmen sterben, meist zugleich mit ihren geistigen Koryphäen. So glaubte man lange, dass die Erde eine Scheibe sei, dann, dass die Sonne um die Erde kreise, später, dass die Herrschaft der Könige ‚gottgewollt‘ sei, oder – in der Humoral-Medizin – dass vier Säfte im Körper die Psyche eines Menschen formen. Das alles ist keineswegs ferne Vergangenheit.

Nehmen wir ein jüngeres Beispiel – den Fall der ‚großen Cholera-Epidemie‘ in Hamburg 1892. Zur Entstehung und Ausbreitung von Seuchen gab es zu jener Zeit zwei Lehrmeinungen: Die ältere ‚Miasmen-Theorie‘, angeführt von dem Bayern Max von Pettenkofer, und die moderneren ‚Kontagionisten‘, deren Lehre in Preußen von Robert Koch vorangetrieben wurde.

Hamburgs Gängeviertel, 1893

Die ‚Miasmatiker‘ waren der Ansicht, dass ‚schädliche Dünste‘ die Seuchen auslösten, also beengte Wohnverhältnisse, schlechte Luft, Dreck und Schlamm in den Straßen. Was wiederum den ‚besseren Kreisen‘ höchst eingängig erschien, weil dann ja die Armen selbst schuld an den Krankheiten wären, ja, ihr ‚Lebensstil‘ wäre geradezu die Quelle aller Seuchen.

Die ‚Kontagionisten‘ wiederum machten ‚Erreger‘ für die Seuchen verantwortlich. Im Wettlauf mit dem Franzosen Louis Pasteur hatte Robert Koch erst jüngst in Ägypten das ‚Komma-Bazillus‘ als Auslöser der Cholera benannt.

An zwei Städten lassen sich nun die Folgen widerstreitender Lehrmeinungen gut beobachten – an Bremen und an Hamburg. Beide liegen an großen Flüssen, beide hatten etwa gleich große Auswandererströme zu bewältigen. In Bremen herrschte die Meinung der Kontagionisten. Die Amerika-Auswanderer wurden hier in großen Hofanlagen bis zur Abfertigung untergebracht, es gab Quarantäne-Bereiche und Krankenstationen. Dazu lief alles Trinkwasser über zentrale Sand-Filtrationsanlagen. Weshalb das Reisen mit dem Bremer Lloyd auch immer etwas teurer war als mit dem ‚billigen Hugo‘, mit der Hamburger Hapag.

In Hamburg nämlich mussten Auswanderer selbst sehen, wie sie klarkamen. Sie lebten, oft ausgeplündert von skrupellosen Vermietern, in überfüllten Stadtteilen wie dem Gängeviertel, in Billbrook und in anderen Elendsquartieren. Dort kam das Wasser ungefiltert aus der Elbe.

Deutsche Cholera-Expedition in Ägypten (R. Koch, 3. v. l.)

Als die Cholera im warmen Sommer 1892 ausbrach, zeigten sich die Unterschiede: Während in Bremen ganze sechs Menschen an der Cholera starben, waren es in Hamburg mehr als zehntausend. Wer jetzt aber meint, dass die Lehre der ‚Miasmatiker‘ daraufhin krachend zusammengebrochen wäre, der irrt. Zwar installierte der Hamburger Senat unter großem Gezeter endlich eine Sandfiltration für die Stadt, Pettenkofer aber wurde in vielen Presseorganen weiterhin erbittert verteidigt. Dort schrieb man von „lächerlichen Übertreibungen über unser Wasser“ oder man klagte „über die moderne Überwucherung der Bakteriologie“.

Was aber macht ein großer Wissenschaftler, wenn sein Lehrgebäude in den Grundfesten wankt? Richtig, er unternimmt einen heroischen Selbstversuch, um den Gegner zu widerlegen. Pettenkofer bat daher Kochs Assistenten Georg Gaffky ihm Proben einer Cholera-Bakterienkultur zu schicken. Da man einer solchen Koryphäe nichts abschlagen konnte, erhielt er die auch. Pettenkofer schluckte sie prompt.

Der Verlauf einer Cholera-Erkrankung hängt nicht nur von der Konstitution ab, sondern eben auch von der Menge der Bakterien, die in den Körper gelangen. Der Mensch reagiert auf das Bakterium mit einer heftigen Abwehrreaktion, die alle Flüssigkeit aus dem Körper treibt. Mit anderen Worten: Man kotzt, scheißt und pisst sich fast oder ganz zu Tode. Das Blut wird infolge des Flüssigkeitsverlustes ‚asphaltartig‘, der Körper verfärbt sich schwärzlich. Wie gesagt, der Grad der Erkrankung ist immer eine Frage der Dosis. Später stellte sich heraus, dass Gaffky die Kultur vor dem Versand stark verdünnt hatte. Pettenkofer kam zwar tagelang kaum vom Klo, er überlebte aber. Am 9. Oktober 1892 brach bei ihm die selbstverursachte Cholera in milder Form aus, am 15. Oktober hatte sich sein Stuhlgang wieder normalisiert.

Max von Pettenkofer, 1860

Allerdings war dies für Pettenkofer kein Anlass, seine Ansichten zu überdenken. Triumphierend verkündete er, dass er die Kontagionisten vielmehr mit seinem Überleben widerlegt hätte. Trotzdem musste er miterleben, wie sein Lebenswerk erodierte. Überall schossen zentrale Trinkwasserversorgungen aus dem Boden, Sandfiltrationsanlagen wurden eingerichtet, Kanalisationen gebaut, und ein reichsweites Seuchengesetz trat in Kraft, das im Prinzip bis heute gilt. Pettenkofer verfiel in Altersdepression, und erschoss sich am 10. Januar 1901, ohne jemals von seinen Ansichten abgerückt zu sein.

Wir lernen daraus, dass ein Paradigma von den Protagonisten selbst nur in den seltensten Fällen widerrufen wird. Und das Alte stirbt auch niemals ab, sondern fristet ein Leben im Untergrund, wo es über den wissenschaftlichen ‚Mainstream‘ zetert. Spuren ‚miasmatischen Denkens‘ finden sich heute noch zuhauf bei Esoterikern, Kräutergläubigen, Homöopathen und allerlei Wunderdoktoren.

 

Wer mehr über die Cholera-Epidemie 1892 wissen will, der lese dieses (großartige) Buch:
Richard J. Evans: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830 bis 1910, Reinbek 1990