If your memory serves you well ...

Noch so’n Guru

Unser Uli Dönch, Wirtschaftschef beim ‘Focus’ und unter Deutschlands Kaffeesatz-Journalisten noch einer der auffälligsten, las jüngst ein Buch. Prompt wettert er gegen den Euro an, nicht zum ersten Mal: Wir sollten doch auf die Länder aus dem ‘Club Med’ pfeifen, deren widerliches Erpressergehabe einfach ignorieren, und endlich aus dem Euro ‘austreten’, so wie man auch aufs WC austritt, wenn die Blase zwickt. Schon würde sich ein Gefühl der Erleichterung einstellen …

Als Kronzeuge unseres ökonomiefixierten Simplificateurs dient dann einzig einer: Professor Walter Krämer, Deutschlands großer Kämpfer gegen jedwede ‘Sprachpanscherei’ und Initiator eines arg verpufften Aufrufs von Anti-Mainstream-Ökonomen in der Euro-Krise – die älteren werden sich erinnern. Auf diesen FDP-Mann also stützt sich der ‘Focus’ wie der Melker auf das Einbein seines Schemels. Unser kongenialer Krämer habe nämlich herausgefunden, dass alle unsere PIIGS-Staaten fast gar nichts zur deutschen Exportstärke beitrügen, und wenn, dann wären das alles nur Geschäfte auf Pump. Mit anderen Worten: Soll Europa erhalten bleiben, dann zählen für Realisten wie Dönch und Krämer sowieso nur die Exportkennzahlen. Monokausales Denken heißt das dann wohl:

“1995 gingen noch 46,6 Prozent der deutschen Exporte in jene 17 Länder, die heute die Eurozone bilden. 2012 waren es nur noch 37,5 Prozent. – Fast spiegelbildlich stieg der Anteil der Ausfuhren in „den Rest der Welt“ (alle Staaten außer den insgesamt 27 Ländern der Europäischen Union): Diese Exporte schossen von 35,9 Prozent (1995) auf 43 Prozent (2012).”

Tscha, das war eben 2012 – und der Einbruch könnte ja auch an der massiv abgeschöpften Kaufkraft in diesen PIIGS-Staaten liegen. Ein vernachlässigenswerter Restbestand von 37,5 % ist in der Ökonomie auch fast nichts. Wir halten hier bloß mal das Grundprinzip aller Statistik fest: Ich ziehe mir eine Linie von 1995 bis 2012 an die Wand, und verlängere die bis ins Jahr 3000. Dass inzwischen – und binnen eines Jahres – all diese famosen ‘Schwellenländer’ jetzt auch schon am Rande einer Rezession dahintaumeln, das sei dem Dönch argumentativ geschenkt. Statistik als Wissenschaft von der Fortschreibung mehr oder minder geeigneter Kennzahlen ist notorisch blind für Brüche und jede Form von Emergenz

Wen er aber da zum Kronzeugen wählt, ist schon eher interessant. Denn es ist ein überaus seriöser Mann, dieser Walter Krämer, der nur jenen Fehler großer Männer hat, dass er als Mitglied der Gesellschaft zur Untersuchung von Parawissenschaften seine eigene Ökonomie notorisch aus der Debatte heraushält. Auf diesem Terrain verwechselt er gern schon mal ‘Durchschnittseinkommen’ und ‘mittleres Einkommen’, was ihm der Jens Berger einst genüsslich aufs Brot schmierte:

“Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich einmal, einen Blick auf die „Unstatistiken des Monats“ von Professor Krämer zu werfen … Dort findet man dann schnell heraus, dass Krämer es offenbar auf die Armutsberichterstattung abgesehen hat. … Dass Krämer laut Wikipedia auch FDP-Mitglied ist und in jüngerer Vergangenheit schon mehrfach durch fragwürdige wirtschaftsliberale Äußerungen aufgefallen ist, sei hier nur am Rande erwähnt. Noch kurioser ist allerdings, dass selbst der Statistikprofessor dem Irrtum aufgesessen ist, dass die Armutsgefährdungsquote sich an den Durchschnittseinkommen orientiert.”

Tscha – keine Zähne im Maul, aber ‘La Paloma’ pfeifen, sagte man leicht flapsig in meiner Kindheit zu dieser Form selbstgewisser Wahrheitsfindung. Die einzige Konstante im Leben unseres Statistikers scheint mir zu sein, dass er jede Statistik gern gegen den Strich bürstet. Was dann wiederum viel über die praktische Wahrheitstauglichkeit unserer großen Hure Statistik aussagt. ‘Professor Besserwisser’ und “Gemischtwarendenker” nannte ihn die ‘Zeit’ in einem längeren Artikel deshalb schon mal. Für den ‘Focus’ ist so jemand natürlich sehr bequem: Ein Experte, der zu jedem Thema etwas sagen kann, vor allem aber bereitwillig jedem Affen den gewünschten Zucker gibt. Die Redaktion denkt sich flugs eine steile These aus und ruft dann den Professor an. Auch, wenn nicht immer alles auf dem eigenen Mist zu wachsen scheint:

“Wie der Statistikprofessor Walter Krämer gemeinsam mit seiner Tochter Eva das bei Eichborn erschienene “Lexikon der Städtebeschimpfungen” zusammenklabautert hat.”

Und schon ahnen wir, mit wessen Kompetenz der Herr Uli Dönch Schicksalsfragen der Bundesrepublik lösen möchte. Oder aber, er denkt sich, was im ‘Focus’ steht, das ist ja eh egal. Möglich ist alles, fragen Sie Professor Krämer …

11 Kommentare

  1. Jeeves

    Die Aufzählung der …wie soll ich’s nennen?… im verlinkten taz-Artikel ist ja haarsträubend!
    Ist das 11 Jahre alte Buch dieser peinlichen Krämer-Seele inzwischen vom Markt?

  2. stefanolix

    Der Einwand zum Begriff »Durchschnittseinkommen« ist berechtigt. Vermutlich hat Prof. Krämer für die Pressemitteilung einen möglichst einfachen Begriff gesucht – im Volksmund sagt man ja wirklich »Durchschnitt«.

    Tatsache ist: Diese Pressemitteilung hält den Ansprüchen nicht stand, die Prof. Krämer in seinen Büchern und vermutlich auch in seiner Lehre vertritt. Denn selbstverständlich kennt er den Unterschied zwischen dem arithmetischem Mittel und dem Median – er erklärt ihn ja selbst in seinen Büchern.

    Tatsache ist aber auch: Aus seinen Büchern kann man einiges über die Anwendung und den Missbrauch der Statistik lernen. Er kann die Sachverhalte anschaulich vermitteln.

  3. Klaus Jarchow

    @ stefanolix: Tscha, wenn der eine gar nichts verdient, und der andere eine Million, dann liegt ‘das durchschnittliche Einkommen’ bei 500.000 Piepen. Davon kann man doch gut leben, schreibt dann der Redakteur, der seine Weisheit aus solcher Wissenschaft bezieht.

    @ jeeves: Der Herr zog wohl erst gegen die taz vor Gericht, was ihm noch einige Artikel gleichen Kalibers einbrockte. Es ginge ja gar nicht um Plagiate, hieß es zunächst, sondern bloß um seine konsequent liberale Einstellung. Dann zog er irgendwann ganz leise den Stecker und trollte sich …

  4. stefanolix

    In jeder Redaktion eines einigermaßen seriösen Mediums sollte man den Unterschied auch kennen. Das Wort hat in der Tat in diesem Zusammenhang in der Pressemitteilung nichts zu suchen. Ob man deshalb die ganze Person abwerten muss, steht auf einem anderen Blatt. Man sieht eben auch bei Herrn Krämer Licht und Schatten – wie bei den meisten anderen Menschen.

  5. NichtImmerNurBöserKritiker

    http://www.smbc-comics.com/index.php?db=comics&id=3059&

  6. sol1

    Volker Pispers 2004 über den Prognosewahn der “Wirtschaftsexperten”:

    http://www.youtube.com/watch?v=csuqZHLbGdg

  7. Klaus Jarchow

    Tscha, der Pispers. Besonders gelungen: “Wirtschaftsexperten – was Blöderes finden Sie in keinem Tierpark!”

  8. NichtImmerNurBöserKritiker

    Ich zitier mal was ausführlich:

    “Es gibt ca. eine MIllion ausgebildeter Ökonomen auf diesem Planeten. Kein einziger hat das Timing der Finanzkrise exakt vorausgesagt, geschweige denn, wie die Sequenz vom Platzen der Immobilienblase über den Zerfall der Credit Default Swaps bis hin zur ausgewachsenen Wirtschaftskrise ablaufen würde. Nie hat eine Expertengruppe spektakulärer versagt. ” — Rolf Dobelli, ‘Die Kunst des klaren Denkens – 52 Denkfehler die Sie besser anderen überlassen’, Hanser 2011.

    Vor allem eine Endnote zum zitierten Kapitel ist gut: “Nach der Finanzkrise 2008 hat es zwei weitere unerwartete Ereignisse globalen Ausmaßes (Black Swans) gegeben: die Aufstände in den arabischen Ländern (2011) und die Tsunami-Atomreaktor-Katastrophe in Japan (2011). Keine einzige von weltweit schätzungsweise 100.000 Polit- und Sicherheitsautoritäten hat diese beiden Events vorhergesehen. Grund genug, den Autoritäten zu mißtrauen – besonders wenn es sich um “Experten” auf dem sozialen Gebiet (Modeströmungen, Politik, Ökonomie) handelt. Diese Leute sind nicht dumm. Sie haben einfach das Pech, dass sie eine Karriere gewählt haben, wo sie nicht gewinnen können. Es bleiben ihnen zwei Alternativen: a) zu sagen: “Ich weiß es nicht” (nicht die beste Wahl wenn man eine Familie zu ernähren hat), oder b) die Schaumschlägerei.”

    Wir müssen ihnen nicht zuhören.

  9. hardy

    vor ein paar monaten – ich stand da noch ganz unter dem eindruck von fischeraus “gewaltfrieden” und vor allem der rolle, die die preußische kreuzzeitung bei der aufhetzung gegen die “novemberverbrecher” spielte – bin ich mal über einen artikel von doench gestolpert, der mich in seiner _kriegshetze_ (anders kann ich das nicht nennen) gegen DIE SÜDLÄNDER, die uns armen deutschen das mark aus den knochen saugen, so entsetzt hat, daß ich kurz ins auge fasste, bei ihm vorbei zu fahren und ihn in einem eimer gülle zu ertränken.

    ich bin sonst nicht so, eigentlich eher der gewalt komplett abgeneigt, aber … herr im himmel, wenn dieser hetzer-jargon sich in den mainstreammedien breit machen würde, wären wir nächstes jahr im krieg.

  10. Klaus Jarchow

    @ hardy: Das ist aber jetzt gemein, dass du den ‘Focus’ noch nicht einmal mehr zu den Mainstream-Medien zählst. 😉

    Der Dönch ist übrigens ideologisch und intellektuell längst bei den Rentnern von der AfD gestrandet. Dort gehen postpotente Militanz und Monetarismus manchmal Hand in Hand. Der Bundeswehr dürfen sie aber bis auf weiteres noch immer keinen Marschbefehl erteilen. Weshalb auch das ganze Gesabbel vom ‘Rausschmeißen’ reines Bizeps-Prahlen für unbedarfte Kleinbürger ist. Ein Euro-Mitglied kann niemals rausgeschmissen werden, es kann nur von selbst gehen.

    @ NichtimmernurböserKritiker: Hast du keine exakte Wissenschaft, sondern nur ein großes Wagalaweia, das von ‘Märkten’ oder ‘Wirtschaftserwartungen’ daherschwadroniert, und von anderen Dingen, die kein Mensch je sah, dann kommt immer Hanussen hinten raus. Ökonomie sollte fakultativ eher bei der Astrologie angesiedelt werden …

  11. hardy

    [..] wagalaweia

    wie immer habe ich einen passenden pod zum thema.

    den f*cus habe ich noch nie ernst genommen, aber daß die da so einen offenen hetzer plappern lassen, das hat mich schon entsetzt und ich habe mich da gefragt, wie dieses land wohl aussähe, wenn es mehr von dieser knallchargensorte gäbe, die so offen _hetzen_ und das tut er ja.

    [..] afd

    da überlasse ich es deren (ex-)mitgliedern mich auf dem laufenden zu halten und ärgere dann umgehend @StephanEwald, jenen großen linken wirtschaftsweisen, der sein heil bei diesen völkischen vollidioten sucht und einfach nicht verstehen will, mit wem er da am ende im selben abteil gelandet ist 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2020 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑