If your memory serves you well ...

Noch ‘ne Lokalrunde

Das Hohelied auf den Lokaljournalismus, wie es prototypisch der Kollege Jakubetz dort singt, samt der Anklage gegen die bösen Verleger, die dieses Idyll jetzt geschleift hätten, beides scheint mir doch arg geschichtsvergessen. Journalisten arbeiten seit Wilhelms des Bärtigen Zeiten in kapitalistischen Verwertungsbetrieben, sie produzieren dort Text als Ware, sie sind von Beruf ‘Gebrauchsschriftsteller’, deren Ergüsse nach einer Woche vergessen sind. Sollten sie diese schlichten Wahrheiten verdrängt haben, dann dürfen sie nicht ihren Verlegern die Schuld für diese Amnesie geben. Zitieren wir zum Einstieg einen Mann, dessen medienkritische Texte gerade deswegen ein wenig ins Seitenaus gerieten, weil er von den Medien besonders gern zitiert wird. Dann aber natürlich nicht ausgerechnet mit solchen Themen. Ich rede von Kurt Tucholsky:

“Die Zeitung ist ein Geschäft. Sieht man von Partei-Organen ab, die es auch nicht gerade von sich weisen, wenn aus ihren Zeitungen Überschüsse herausspringen, so haben wir es bei der Zeitung, wie sie heute ist, mit einer rein kapitalistischen Unternehmung zu tun, die in sehr geschickter Weise den Nachrichtendienst und die für den Warenmarkt nötigen Anpreisungen zu verquicken gewußt hat. Daß diese beiden Elemente aufeinander ohne Einfluß bleiben, ist ohne Beispiel. Die politische Tendenz des Verlegers, also des Blattes, ist für ganz bestimmte Schichten von Lesern, also auch von Inserenten bestimmt; die geistigen und wirtschaftlichen Eigenschaften der Leserschaft und der Inserenten beeinflussen selbstverständlich die Redaktion.” [K.T.: GA 5, 81 f]

Der Vorwurf an die Holzmedien im Sinne Tucholskys müsste daher lauten, dass die Medien ihre Funktion eines ‘Nachrichtendienstes’ nicht länger adäquat wahrnehmen, weil – unter anderem durch das Internet – die Zeitung von heute produktionstechnisch immer eine Zeitung von gestern geworden ist – und dass die Holzmedien deshalb auch nicht mehr ein optimales Insertionsumfeld für den ‘Warenmarkt’ generieren. Den Holzmedien wäre damit ihr bifokales Geschäftsmodell zerbrochen, bzw. ist es ihnen vom ‘bösen Netz’ zerbrochen worden.

Welche Rolle aber spielte der Lokaljournalist in diesem Spiel? Wie also – um vorn zu beginnen – gerät ein junger Mensch überhaupt in eine Zeitung? Je nach politischer Präferenz wird er versuchen, jene Zeitung zu finden, die zu ihm passt. Goutiert er eher die schrillen, rechten Thesen, wird er es vielleicht bei der Weltwoche versuchen. So er ‘links’ oder ‘linksliberal’ ist, hat er heutzutage schon größere Schwierigkeiten, überhaupt ein passendes Volontariat zu finden. Denn außer der taz und allenfalls der DGB-nahen Frankfurter Rundschau, gibt es wenig Auswahl, sieht man von den doktrinären Betonfestungen des Ordo-Marxismus mal ab. Weil aber aus systemkritischen Umgebungen oft die besten Schreiber entspringen, konnte die taz so zum großen Durchlauferhitzer für Jungtalente im deutschen Journalismus werden, die wir durchaus später dann auch bei ‘Welt’ oder ‘Spiegel’ herumturnen sehen. Trotzdem ist dieser Umweg nicht die Regel. Heute ist jeder Jungschreiber eher froh, nach langer Suche überhaupt noch eine Zeitung zu finden. Politische Präferenzen stehen dann zurück.

Eine Illusion wäre es jetzt, zu glauben, dort könne er dann frei von der Leber weg schreiben, so wie es die Professoren auf der Journalistenschule ihm beigebimst haben. Der ideologische Erwartungsdruck auf allen Redaktionsgängen konditioniert ihn in kürzester Frist und heilt ihn von seinem Irrglauben. Und weil der Mensch sich auf Dauer auch nicht ‘verbiegen’ kann, wird dieser Mensch selbst dann genau so, wie es ihm die Linie seiner Zeitung vorgibt. Wer also bei der ‘Financial Times Deutschland’ arbeitet, der wird irgendwann auch selbst ein ‘Neoliberaler’ sein, der felsenfest glaubt, wirtschaftlichen Erfolg erzeuge vornehmlich die Börse. Das Blatt formt sich seine Menschen – nicht umgekehrt … oder aber, es spuckt sie wieder aus.

Die himmelschreiende Ungerechtigkeit in den Augen vieler Journalisten besteht heute darin, dass sie in Zeiten der Krise und als frisch gewendete Neoliberale jetzt auch ‘neoliberal’ behandelt werden. Dass ihnen bspw. immer mehr Arbeit auf den Newsdesk geknallt wird, dass es zu Entlassungen kommt, dass die PR-Anforderungen immer höher wachsen, dass Spesen gestrichen werden und dass sie in den Augen des Verlegers zu bloßen ‘Schreiberlingen’ mutiert sind, die lange nicht mehr jene Wertschätzung verdienen, die er der Anzeigenabteilung oder den Unternehmensberatern im Haus entgegenbringt. Wehe, es käme in dieser Situation auch noch zu einer Kundenbeschwerde wegen eines Artikels!

Der Journalist wird also erneut schizophren: Er schreibt immer handzahmer für eine überwundene Überzeugung, die er nur so lange geteilt hat, wie man ihn noch nicht wie ein Stück Dreck behandelt hat. Und genau so schreibt er dann eben auch: unengagiert, wurschtig, nur noch auf den Feierabend fixiert. Hier ist die Ursache für den qualitativen Niedergang der Lokalpresse zu suchen. Nochmals Tucholsky:

“Diese Abhängigkeit ist den im Dienst alt und grau gewordenen Redakteuren nicht mehr bewußt. Sie würden auf das höchste erstaunt und entrüstet sein, wenn man ihnen die Wahrheit sagte: daß sie nur Das schreiben, was den Verlagsinteressen nicht zuwiderläuft. Schlimmer: daß sie auch nur noch Das denken. Korruption ist das nicht. Die persönliche Ehrenhaftigkeit des deutschen Redakteurs soll nicht angetastet werden. Es ist viel schlimmer als Korruption. Es ist so, daß der deutsche Redakteur vom Unternehmer vollkommen abhängig ist.” [K.T.: GA V, 83]

Zur Illustration des gemeinten Sachverhaltes, hier – via Uguguein Text von heute aus dem Innern der redaktionellen Schlangengrube:

“Das Publikum merkt kaum etwas von der internen Missstimmung. Äusserlich geht noch vieles seinen gewohnten Gang. Nur das besonders Eigenwillige und Lesenswerte wird seltener. Dafür findet sich mehr Übereiltes, Unausgegorenes, Zugespitztes. Und der Chef stellt Namenslisten zusammen, bespricht sich mit Ressortleitenden, zählt Lohnsummen der zur Kündigung Vorgeschlagenen zusammen, stellt fest, dass das Sparziel noch nicht erreicht ist. Vielleicht schreibt er nebenbei weiterhin seine Artikel; wirklich gute Texte gelingen ihm nicht; er wirkt verbissen, vertrocknet, einsam. Oder aber er ist der Typ, der sich in der Rolle desjenigen gefällt, der tut, was getan werden muss, des gestählten Helden, des Retters der Zeitung und der Pressefreiheit, der weiss, dass Printjournalismus nur Zukunft hat, wenn er klüger, anregender, aufregender wird. Früher hasste er solche Worthülsen. Jetzt verwendet er sie selber.”


13 Kommentare

  1. BleibCool

    “…Nur Zukunft hat, wenn er klüger, anregender, aufregender wird” — also wie die Sahne oben auf der Blogosphäre, oder?

    SNCR: Sowas kreide ich nur bei einem Stil-Blog an: “…dieses Idyll jetzt geschliffen…”, so wie einen Diamanten oder ein Messer? Oder “geschleift”, wie eine eroberte Stadt oder eingenommene Festung? 🙂

  2. Fernseher

    Zum halbfiktiven Einblick in eine immer weiter schrumpfende Redaktion (“do more with less”) und zersparten Journalismus kann ich die 5. Staffel der ohnehin großartigen Serie “The Wire” aus den USA wärmstens empfehlen…

  3. Klaus Jarchow

    @ BleibCool: Überzeugt – und korrigiert.

  4. Klaus Jarchow

    @ Fernseher: Lief die Serie jemals hierzulande?

  5. Marc Schanz

    “Der Journalist wird also erneut schizophren: Er schreibt immer handzahmer für eine überwundene Überzeugung, die er nur so lange geteilt hat, wie man ihn noch nicht wie ein Stück Dreck behandelt hat.”

    Genau an diesem Punkt bekomme ich graue Haare. Der Journalist hat doch die Macht in der Hand, gegen diese Entwicklung anzugehen! Oder merken sie es einfach nicht, dass sie für ihre eigene Misere ständig die nächste Eskalationsstufe propagieren?
    Eigentlich interessiert es mich nicht wirklich, aber die grauen Haare stören mich doch.

  6. Klaus Jarchow

    @ Marc Schanz: Es ist eine alte Geschichte. Sie heißt: “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing”. Wenn aber das Brot plötzlich knapp wird, dann singt es sich auch nicht mehr so unbeschwert und naiv …

    So wird bspw. die absehbare Entlassung vieler Skribenten nicht ohne Folgen für die Geschichten bleiben, die diese Heimatlosen dann erzählen. Sonderlich neoliberal und – in einem sozialen Sinne – so empathiefrei wie bisher werden diese Stories dann nicht mehr sein.

    Die Macht, dagegen anzuschreiben, hat der Journalist erst, seit das Freilichttheater des Web 2.0 seine Pforten öffnete. Die Publikation ist dadurch nahezu kostenfrei geworden. Vorher gehörten die aberwitzig teuren Produktionsmittel ja nicht ihm, sondern den Aktionären ganz anderer Interessen …

  7. Fernseher

    @ Klaus

    Nicht dass ich wüsste, ich hab die Serie über die Piratenbucht meines Vertrauens bezogen, vorher aber auch schonmal in einer gut sortierten Videothek ausgeliehen. Es lohnen sich auch die anderen Staffeln, soziale Reportage, zerfallende Institutionen und SNAFU-Zustände hab ich selten so komprimiert und kurzweilig dargestellt erlebt. Der Drehbuchautor hat auch das Drehbuch für die Miniserie “Generation Kill” über den zweiten Irakkrieg 2003 geschrieben, ebenfalls eine Daumenhochempfehlung von mir…

    Inwieweit mit dem WWW und “Web 2.0” wirklich neue Produktionsmittel am Start sind, die es JournalistInnen ermöglichen, ihre “eigenen” Geschichten unbeeindruckt von Verlegerinteressen und Redaktionswünschen ans Publikum zu bringen, weiß ich noch nicht so richtig. Wieviele JournalistInnen schreiben wirklich Blogs? Und bei wievielen ist überhaupt das oft angenommene bzw. beschworene journalistische Ethos und Bedürfnis zum Schreiben vorhanden – nach meinem Eindruck (u. a. auch durch Kontakte beim Studium) ist es für viele “einfach nur ein Job”.

  8. Klaus Jarchow

    @ Fernseher: Das Problem vieler Schreiber ist es (NOCH!), dass sie glauben, sie müssten alles auch bezahlt bekommen. Mal Dinge für Gottes Lohn zu tun, erscheint ihnen ungewohnt. In Zukunft wird nicht mehr alles, was erzählt werden sollte, auch bezahlt werden. Die Jobs, die manch Unentwegte noch im Kopf haben, wird es nicht mehr geben. Schon mit dem Bestand ist die Szene überbesetzt, wie es viele Entlassungen zeigen. Ungefähr 4.500 je Semester drängen trotzdem neu auf den Markt …

  9. Bruder Bernhard

    hach, es war sicher mal frech, aufmüpfig, provokativ und gewagt, von Holzmedien zu schreiben. Unterdessen wirkt es aber etwa so wie ‘dufte’ – als Versuch, hip zu wirken mit dem Resultat, bieder anzukommen.

  10. Klaus Jarchow

    Gut – dann werde ich künftig eben von ‘Press-Zellulose’ sprechen. Nichts ist ja schlimmer, als argumentativ unbegründete Verbal-Allergien ‘aus dem Bauch des Publikums heraus’ …

  11. Klaus Jarchow

    Apropos – Kleinschreibung wirkt auf mich “etwa so wie ‘dufte’ – als Versuch, hip zu wirken mit dem Resultat, bieder anzukommen”.

  12. Bruder Bernhard

    klein Schreibung? wo Denn?

  13. Klaus Jarchow

    Es gibt auch allgemeine Bemerkungen. Man muss nicht alles gleich auf sich beziehen …

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