Er ist der ‘Kurt Tucholsky der Schweiz’ – und ebenso wie Tucho schied er früh durch Freitod aus dem Leben. Die Nachrufe der Zeitungen waren mit klinischen Diagnosen schnell zur Hand: ‘Unter Depressionen’ hätte der Mann gelitten, da könne man also nichts machen. Ich würde sagen, dass vor allem blanke Verzweiflung am eigenen Berufsstand ursächlich war.

Niklaus Meienberg bietet heute noch eine höchst erhellende Lektüre, wo großer Erkenntnisgewinn oft aus kleinen Beobachtungen fließt. In seiner Beschreibung der schweizerischen Stadt Fribourg macht er bspw. auf die Seilbahn aufmerksam, welche die strikt getrennte Oberstadt mit der ärmeren Unterstadt dort verbindet. Raffinierte Eidgenossen entwickelten hierfür ein fäkalienbetriebenes System: Unter jeder Gondel hängt ein Güllekübel, der sich am oberen Kehrpunkt mit der Scheiße der Oberstadt füllt. Wie von selbst zieht dann die schwerere Gondel bei ihrer Abfahrt das Gegenstück den Berg hinauf. Alles Gute kommt auch in Fribourg mal wieder von oben. Die Unterstadt entsorgt, natürlich absolut energieeffizient, die gebenedeiten Verdauungsprodukte der weißen Villen hoch oben auf dem Berg. Klingt klassenkämpferisch? Nö, das war wohl einfach so.

Interessanter in unserem Zusammenhang sind jene Texte, die sich mit dem Journalismus befassen. So die Innenausleuchtung des Rattenkäfigs beim ‘Stern’, für den Meienberg einige Jahre als Pariser Korrespondent arbeitete. Auch das wieder eine Parallele zu Tucholsky, nur dass auf der anderen Seite kein Siegfried Jakobsohn saß. Meienberg filetiert das Nannen’sche Star-System, er zeigt uns, wie man dort, immer wenn die Auflage fiel, ein Tittenbild auf dem Titel platzierte, wie gnadenlos die Hahnenkämpfe bei den Redaktionskonferenzen verliefen – man sollte dies Schurkenstück einfach gelesen haben. Am heutigen Journalismus erscheint einem dann nichts mehr neu, allenfalls der Fakt, dass die Bezahlung in diesem Masochisten-Genre seither in den Keller rauschte.

Ein weiterer Text, eine ‘Berufsberatung’ mit dem Titel “Wer will unter die Journalisten”, sticht besonders hervor: Am fiktiven Lebenslauf eines gutwilligen und schreibkundigen jungen Mannes, der sich in den Journalismus begibt, zeigt Meienberg die Charakterdeformation, die jetzt notwendig folgen wird. Er lässt den jungen Aufklärer in den Maschen all der Netzwerke aus ‘Old Boys’ und ‘Industrieinteressen’ sich verfangen, er jagt ihn durch die Tretmühlen des Redigierens, des Kommentierens, auch des Feuilletons. Zum Schluss sehen wir ihn, rundgepisst wie ein Duftstein im Urinal, seinen Frieden mit den Verhältnissen machen. Denn längst hat er eine Familie gegründet und ein Haus gebaut – er ist ‘klug’ geworden, und schreibt nur noch im schönsten Industrieton, solange, bis er es dann doch nicht mehr erträgt:

‘Im Lokalteil kam ein Nachruf: “… und werden wir den allseits geschätzten, pflichtbewusst-treuen Mitarbeiter nicht so schnell vergessen, der, von einer Depression heimgesucht, freiwillig aus dem Leben geschieden ist.” Pfarrer Vogelsanger hielt die Abdankung, der gemischte Chor Fraumünster sang: “So nimm denn meine Hände und führe mich.” Der Verschiedene wurde versenkt und verfaulte sofort.’

Es ist, als hätte Niklaus Meienberg hier sein eigenes Schicksal vorausgesehen. Einer gewissen Ironie entbehrt es nicht, wenn die rechtsliberalen Blätter der Schweiz, die sich zu Lebzeiten bekreuzigten, wenn der Name Meienberg fiel, noch heute mit süßsäuerlich verzogenem Mundwerk von ‘einem Großen’ des Schweizer Journalismus schreiben müssen. Irrtum, meine Herren – er war euer Größter! Ein Nachfolger ist nicht in Sicht …

Als Einstieg zu einer Meienberg-Lektüre empfehle ich den Band ‘Heimsuchungen’, aus dem Diogenes-Verlag, antiquarisch erhältlich. In ihm finden sich die erwähnten Journalismus-Texte. Fortgeschrittene, die wissen wollen, was Journalismus ist, vor allem aber, wie er sein könnte, die greifen als nächstes dann vielleicht zu ‘Die Welt als Wille und Wahn’.