If your memory serves you well ...

Mythos Leistungsträger

Es ist Montag, 10.30 Uhr. Ich komme von meiner Bank zurück und am Golfplatz Oberneuland vorbei. Dort haben sich jetzt die Leistungsträger unserer Gesellschaft versammelt: Die SUVs stehen in Reih und Glied, eingestreut finden sich einige Daimlers und Bentleys, dazwischen auch mal ein weißes Audi-Cabrio für die Dame des Hauses. Kurzum. Ganz Deutschland arbeitet, nur eben unsere Leistungsträger mal wieder nicht. Die tragen noch nicht einmal ihre Golfschläger selbst, auch für diese Leistung gibt es Miet-Caddies, die für 20 Euro je Runde mit dem Wägelchen übers Grün rumpeln. Und nach dem Ende der Runde geht es dann in eines der netten Restaurants an der Wümme, in Horn-Lehe, Borgfeld oder Oberneuland …

Angesichts solcher Bilder zählt für mich das FDP-Wort ‘Leistungsträger‘ zu den verlogensten der deutschen Sprache überhaupt. Westerwelles Hütchenspieler-Partei substituiert mit seiner Hilfe andere Buh-Wörter wie ‘Reiche’ oder ‘Vermögende’, die immerhin den Sachverhalt im Kern halbwegs angemessen beschreiben würden. Wer sich aber an einem Montagvormittag fern von jeder Arbeit auf dem Golfplatz herumdrücken kann, der hat Leistung nicht mehr nötig – und er erquickt sich stattdessen an Zinsen und an leichter körperlicher Tätigkeit mit Putter oder Eisen 7. Ganz abgesehen davon, dass ohne die nötige Pinkepinke sie ihn ja auch gar nicht erst aufgenommen hätten. Von einer ‘Leistung’ zu reden verfehlt also den Sachverhalt, auf einem Golfplatz ist nur von ‘Handicaps’ die Rede.

Die FDP versucht trotzdem unverdrossen, einem arglosen Publikum zu suggerieren, dass diese Menschen nur deshalb so viel Geld hätten, weil sie so viel arbeiten und leisten würden. Jeder intellektuell Minderbemittelte, der dies hört, zählt sich überdies gleich zur Klasse der ‘Leistungsträger‘ hinzu, weil er ja schließlich auch viel schuften und leisten muss – auch wenn das mit dem Geld bisher noch nicht so recht klappen will. So erschlägt man – wahltaktisch gesehen – mit einem Wort gleich zwei Lebenslügen … anders ausgedrückt: Wer in einer Institution oder in einem Unternehmen überdurchschnittlich viel leisten muss, der hat es noch lange nicht bis zum ‘Leistungsträger‘ gebracht.

7 Kommentare

  1. Dierk

    Oder, pointierter: Liebe “Leistungsträger”, Zinsen müssen erarbeitet werden – von den armen Schweinen, die Ihr gerne als Faulenzer ansprecht.

  2. Axel

    Als aktiver Golfspieler darf ich bericht(ig)en. Am Montag Morgen sind fast ausschließlich “Spielerfrauen” und/oder Rentner auf dem Golfplatz.

  3. XiongShui

    Ich weiß zwar nicht, woran man erkennen kann, ob es sich um reiche Erben, oder um ‘Leistungträger’ handelt, die vielleicht ihren Arbeitsalltag ein wenig anders gestalten (kenne nämlich einige, die schon um fünf bei der Arbeit sitzen und auch nicht vor abends zehn nach Hause kommen), was mich aber erschreckt, ist die Tatsache, daß jetzt auch hier die unsägliche SPD- Neiddiskussion gepflegt wird.

    Stil?

  4. Klaus Jarchow

    Hä? – – – Wo hätte ich hier eine Neiddiskussion gepflegt? Es geht um Heuchelei. Habe ich denn höhere Erbschaftssteuern gefordert oder gar eine Vermögenssteuer? Oder ein ‘Eat the rich’? Ich habe nur gesagt, dass das Wort ‘Leistungsträger’, das einem Westerwelle bei jedem zweiten Satz über die Lippen kullert, sobald er ritualhaft mal wieder die unverzügliche Steuersenkung fordert, den Sachverhalt kilometerweit verfehlt. Wort und Welt decken sich nicht – und das sei von denen, die so daherreden, auch so gewollt: Jene Schichten, die sich öffentlich gern als Leistungsträger bezeichnen lassen, die tragen faktisch meist weniger Leistungslast auf den Schultern als ein durchschnittlicher Polier auf dem Bau. Oder sie haben ihre Leute, die ihnen die Last abnehmen. Wenn diese Position schon ‘SPD’ sein soll, dann bin ich eben ‘SPD’ …

    Das ‘treffende’ Wort wiederum hat mit Stil sehr viel zu tun.

  5. Dierk

    Lieber XiongShui, definieren Sie bitte ‘Leistungsträger’. Da wir uns in einer Diskussion befinden und nicht im Talk oder Wahlkamp dürfen Sie gerne so viel Platz nutzen, wie Herr Jarchow Ihnen zugestehen kann.

  6. Thilo

    Das Wort “Leistungsträger” ist in der Tat hübsch absurd. Schön entdeckt und begründet. Leistung ist für mich erst mal Kilowatt. Und dann trügt die Vorstellung, es käme auf Anstrengung an. Leider bezahlt man Arbeitnehmer nach Zeit, daher haben die oft das Gefühl, man müsse Zeit mit Arbeit füllen, um etwas zu leisten. Ein weiterer Irrtum ist der, Anstrengung führe zum Erfolg. Das Wort “Leistungsträger” suggeriert, als sei Leistung im Sinne von Knochenarbeit relevant für die Wertschöpfung. Das Wort hält damit die Arbeitnehmer in ihrem Denkschema, das ist ein besonders perfider Dreh in der Rhetorik der Erfolgreichen.

    Allerdings glaube ich nicht, dass die Leute auf dem Golfplatz alle nicht arbeiten. Manche sicher. Sie rackern sich nicht ab, aber sie erzielen Ergebnisse. Ob man sich im Besprechungsraum trifft oder auf dem Rasen, ist doch egal.

    Ich lebe ähnlich: Meistens hänge ich den ganzen Tag zu Hause herum. Derzeit sitze ich am Gartentisch. Oder ich fahre mit dem Fahrrad durch den Wald. Auf unsere Postlerin mache ich den Eindruck, als würde ich nicht arbeiten – denn sie hat diesen Irrglauben des Begriffes “Leistung” im Kopf. Großer Irrtum. Ich arbeite in puncto Zeit sicher 50 Prozent mehr als sie und in puncto Wertschöpfung vermutlich 1000 Prozent mehr als sie. Nur weil meine konkrete Arbeit nicht ihrem Verständnis von Arbeit entspricht, heißt das nicht, dass ich nicht arbeite.

    Desweiteren sehe ich hier keine Neiddiskussion, sondern sehr fruchtbare und durchdachte Ideen zum Thema Arbeit.

  7. Klaus Jarchow

    Ich lebe ähnlich, nur würde ich mich nie ‘Leistungsträger’ schimpfen lassen. Die produktivsten Phasen habe ich z.B. auf Spaziergängen. ‘Der verdient sein Geld beim Flanieren’, könnte jemand daher mit Fug und Recht sagen. Er träfe damit den Sachverhalt, soweit er die körperliche Arbeit berücksichtigt. Für mich aber war es Arbeitszeit – ich bin beim Laufen in den richtigen ‘Flow’ gekommen. Wenn das, was mir dort dann einfällt, nichts taugen würde, dann würde mich auch niemand dafür bezahlen und ich müsste den Kitt aus den Fenstern fressen. So ist das nun mal …

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