Stilstand

If your memory serves you well ...

Literatur und Dummheit

Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft bürgerlicher Freiheit gegen feudale Abhängigkeit” – so schreiben die Jungs und Deerns von der Barmer Literaturkasse uns ihre Weisheit um die Ohren. Mal abgesehen vom fragwürdigen Stil dieses Statements – es wäre für sie besser gewesen, sie wären sitzengeblieben, um basale Lehrstoffe solange zu wiederholen, bis sie ihnen zu Wegweisern durchs Leben hätten werden können.

Im Einzelnen: Im ‘Feudalismus’ lasen die herrschenden Schichten zumeist gar nicht, wenn, dann höchstens Akten oder aber französische Pikanteriewaren: “Göde? Ha’m mer nich needich!” Feldmarschall Hindenburg, der sich rühmte, außer der preußischen Heeeresordnung nur Bibel und Gesangsbuch jemals gelesen zu haben, mag als Beispiel für die Intellektualzustände im Oberstübchen unseres Feudaladels dienen.

Ein zählbares und zahlbereites Publikum fanden bürgerliche Schriftsteller daher von Anfang nur im Bürgertum. Die Literatur war eine zutiefst innerbürgerliche Angelegenheit, sie schmachtete historisch nie in den Fesseln irgendeines ‘Feudalismus’ – außer vielleicht im Ideologieunterricht der DDR, weil sonst der marxologische ‘Histomat’ nicht so überzeugend durch die Geschichte geklappert wäre. Deshalb – und seid doch mal ehrlich, beste Buchstabendompteure – die meisten von euch wüssten doch gar nicht, wie Feudalismus eigentlich zu definieren wäre, oder?

Aus den genannten Gründen ist das Urheberrecht schlicht eine regulatorische Einrichtung, um einen Schutz vor allzu selbstgewissen Kapitalisten durchzusetzen, zu einem Zeitpunkt als Druckwaren industriell automatisier- und reproduzierbar wurden. Schon bei seiner Einführung ging es weniger um den Schutz der Schriftsteller – das war unternehmerisch eher der ‘Beifang’ – es ging um den Schutz von Verlagen und Verlagsprodukten. Zudem wurde es ‘amtlicherseits’ in Deutschland erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts peu à peu eingeführt, zu einer Zeit, als politisch gesehen weiterhin blanker ‘Feudalismus’ herrschte – nur ökonomisch ging es schon absolut ‘bürgerlich’ zu (vgl. “deutscher Sonderweg”). Die Schriftsteller wären demnach ‘durch die feudalen Kräfte’ urheberrechtlich befreit worden – – – riecht irgendwie komisch, oder?

Euer Satz macht daher nur in dieser selbstreferentiellen Form Sinn: “Das Urheberrecht ist eine historische Errungenschaft deutscher Verlage gegen verlegerische Übergriffe aus dem eigenen Lager heraus“.* Mit den politischen Fragen von Monarchie oder Republik aber hat das gar nichts zu tun. Deshalb auch kam es schon im 18. Jahrhundert zu einer Vorform, zur Gründung der ‘Leipziger Societät’, wo sich die Buchhändler als Selbstbeschränkung höchstselbst ein Urheberrecht auferlegten. Mit den Autoren hatte wiederum auch das nur wenig zu tun, mehr mit dem eigenen Geschäftsergebnis. Ihr seid nie Arm in Arm mit den Verlegern für die gleichen Rechte durch die Gassen gezogen …

Die gleichen Verlage, die nach vorn, zur Straße hin, über Verletzungen des Urheberrechts zeterten, sollte es der Kollege jemals wagen, ihre Produkte nachzudrucken, die betrieben bis dahin oft genug in irgendwelchen dunkleren Winkeln der Stadt und unter anderem Namen auch eine drucktechnische Kopieranstalt, die den beklagten Raubdruck mit den begehrteren Werken der darob wiederum empörten Kollegen höchst munter betrieb. Jede ‘Geschichte des Buchhandels’ klärt euch über solche Vorfälle auf. Das aber ist dann kein Feudalismus – that’s Capitalism!

Nebenbei, vielen Dank für die Aufklärung – so schwarz hätte ich mir die historische Finsternis in den Köpfen des großen literarischen Lampenladens nun doch nicht vorgestellt. Wahrlich, das hat schon Korf’sche Züge

Ich kloppe hier übrigens keineswegs ‘alle’ Schriftsteller in die Tonne. Nur jene. Denn es gibt ja auch solche … Zum Thema auch das: “Die Veröffentlichung dieser Aufrufe und Appelle in kurzer zeitlicher Abfolge dürfte kaum Zufall sein. …

* Dieser Satz macht übrigens auch in der heutigen Gemengelage noch Sinn: Neuartige ‘Verlage’ wie Google, Facebook oder Youtube gehen den alten Verlagen wie Springer, Hanser oder Burda zunehmend auf die Nerven. Also müssen die Angelegenheiten zwischen den Verlagen wieder einmal selbstreferentiell geordnet werden. Und die Autoren sind wieder einmal nur der ‘Beifang’, der aber nach Kräften instrumentiert wird. Passt scho …

7 Kommentare

  1. Ein Betroffener

    12. Mai 2012 at 19:36

    Seltsam, dass sogar der STILSTAND die amerikanische Multis & Diebe verteidigt (Übrigens: “YouTube I S T Google, ein Milliardenunternehmen, genau wie die anderen).
    Sie haben den doch eigentlich klaren, richtigen und sogar noch höflichen Aufruf “Wir sind die Urheber!” entweder nicht verstanden (glaub’ ich aber icht) oder wollen ihn nicht verstehen, weil sie ein paar der Unterzeichner verabscheuen (?) … welch’ Hass kommt da – bei Ihnen – zutage und ich weiß nicht, weshalb. Ich find’s aber erschreckend und verabschiede mich.

  2. hat der betroffene in dunklen raum jetzt einen strick genommen?happy weekend!

  3. Lieber Betroffener, vielleicht hat Klaus Jarchow die Gemengelage ja erheblich besser erkannt als Sie und Ihre paar Handvoll Jammerer? Auch ich bin betroffen, als Urheber wie als Leser, Hörer, Zuschauer, Bürger. Zusammen mit mir haben viele Urheber bereits diesen, http://wir-sind-urheber.de/, Aufruf unterschrieben, um klar zu machen, dass die wenigen, die lieber Jammern als urheben, nicht für uns alle sprechen.

    Übrigens will niemand, außer vielleicht ein paar sehr polemischen Forentrollen, ‘das’ Urheberrecht abschaffen, das ginge auch gar nicht [siehe dazu: http://www.scilogs.de/chrono/blog/con-text/theorie/2012-05-09/wir-sind-alle-urheber ]. Es geht um gegenwärtige Lizenzmodelle, um einen angemessenen Ausgleich zwischen Gewinnabsicht und gesellschaftlichen Interessen, es geht auch um zukünftige Freiheit. Zu all dem gibt es viele Artikel in Blogs und sogar Zeitschriften. Sie müssen sie nur lesen – und damit meine ich mehr, als nur die Buchstaben erfassen.

  4. @ Ein Betroffener: ‘Amerikanische Diebe’ – ich glaube kaum, dass Google, Amazon, Facebook etc. diese Bezeichnung gern hören würden. Im Kern aber sind es ‘Verlage zweiter Ordnung’, die sich zu jenen erster Ordnung verhalten wie das Automobil zur Pferdekutsche. Wonach es uns informationell verlangt, das lässt sich über sie fast ohne Zeitverzug beziehen und übermitteln. Und die Kunden kommen ja auch völlig freiwillig: Wem Google nicht passt, könnte zu Yahoo oder Altavista gehen, wer amazon nicht mag, könnte buecher.de wählen, wer Facebook nicht liebt, klickt auf StudiVZ (Holtzbrinck) – das tut bloß kaum einer. Also müssen sie irgendetwas wohl besser machen … was aber wiederum kein Vorwurf sein darf.

    Was ich diesen Schriftstellern vorwerfe, ist schlicht Dummheit. Der Berufsstand der ‘litterae’ galt mal als der Gipfel der Intellektualität, nicht nur in Deutschland. Und dann ein solcher Aufruf, der vor Blödheit strotzt: Historische Fehler, wie oben beschrieben, haltlose politische Behauptungen, als ob irgendwer aktuell das Urheberrecht abschaffen will (das wollen ‘noch nicht einmal’ die Piraten, aktuell wird es nur zugunsten der Verlage und zuungunsten der Autoren durch Total-Buy-Out-Verträge permanent ‘verbessert’), dazu ist noch vieles im Text nahezu eins-zu-eins aus Propagandatexten der Vereinigten Verlegerschaft abgepaust, die im Kern nur aus den Fleischtöpfen bei Google mitnaschen wollen, weil ihnen andere Geschäftsfelder erodieren. Sie verteidigen aber keinesfalls ‘die Autoren’ …

    Vor allem aber haben diese traurigen Ritter von der schreibenden Gestalt keinen Gedanken daran verschwendet, weshalb die Diskussion wohl gerade jetzt hochkochen muss, d. h. solange es Schwatzgelb und deren Lobby-Boys noch gibt. Sie tun so, als wollte jemand aktuell das existierende Urheberrecht komplett auffressen – und das ist Bullshit, da macht jemand Buhuu! mit dem Schwarzen Mann. Denn dezidiert wollen selbst die Piraten (noch) nirgends mitregieren. Das sind wiederum die einzigen, denen man so etwas irgendwann vielleicht mal zutrauen könnte. Kurz und gut: Es hat bei mir nichts mit Ekel zu tun, ich halte die Unterzeichner schlicht für dämlich. Gelesen habe ich Texte der meisten von ihnen allerdings nie, ich kenne nur den Aufruf. Das muss mir zur Diagnose einer galoppierenden Geistesferne genügen, das Leben währet ja nicht ewig …

    Ach so, ich habe übrigens ersatzweise diesen anderen Aufruf unterzeichnet, auf Platz 540 oder so.

  5. @Klaus
    Kann es sein, dass mein Kommentar im Spam-Ordner gelandet ist und du noch nicht rein geschaut hast?

  6. Oops – weiß der Henker! Ich habe ihn sofort aus der Quarantäne entlassen …

    😉

  7. Hallo, Herr Jarchow und danke für ironisierende Kommentare.
    Wir wollen ein Dilemma beenden. Unser Parlament drangsaliert sich selbst mit dem Öffentlichen-Dienst-Monster und einer Unzahl von Juristen und Politkarrieristen a la Röttgen und Co.
    Ganze 33 Damen und Herren sind mehr oder weniger Mittelständler. Der Mittelstand ist selbst schuld, wenn er sich drangsalieren läßt, solange er nicht eine Auswahl der Besseren und Besten nominiert. Der Mittelstand = Arbeitgeber + Arbeitnehmer hat Deutschland zu einem eigentlich reichen Land
    gemacht. Die Lobby im Parlament = 0. Die PFDE hat eine riesige Zielgruppe – die muß bloß aktiviert werden. Wir suchen noch nach unserer Gallionsfigur -www.PFDE.de-

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