Stilstand

If your memory serves you well ...

Literarische Drückerkolonnen

Bei meiner Tante lag das Zeug herum – oder bei den ältlichen Nachbarinnen mit Wellensittich und toupierten Hausfraufrisuren: ‘Das Beste‘ stand feist auf dem Umschlag, ein Titel, den ich schon immer etwas reißerisch fand, vor allem, weil die nachfolgende Zeile ‘aus Reader’s Digest‘ wesentlich kleiner gedruckt wurde, obwohl sie dem Haupttitel umstandslos den Kopf in den Nacken drehte. Dazu nämlich gehörte nicht viel. ‘Das Beste aus Reader’s Digest‘, das war für uns Jugendliche so etwas wie ein ‘Spitzenprodukt der Langeweile’, da lasen wir freiwillig lieber in unserem Geschichts-Lehrbuch, Reader’s Digest war Literatur für jene älteren Semester, die sich nicht mit artverwandten Heftchenromanen erwischen lassen mochten.

Dieses Schlachtschiff des literarischen Remittendenhandels aber, das soll jetzt über die Wupper gehen?  Während Standard & Poors das Produkt endlich als jenen ‘Junk’ einstufen, der niemandem zuvor je aufgefallen war? Wahrlich – wir leben in bewegten Zeiten!

Die zum Buch gebundene Werbebroschüre mit hohem Leseprobenanteil, die im Grunde bloß andere Magazine ‘zweitverwurstete’, die war keineswegs alles, was ein ‘Club-Mitglied’ damals erhielt: Es gab als Jahresgabe dicke in Leder und mit Goldschnitt gebundene Schwarten, die meist gleich drei Romane umfassten, die nur eins vereinte: Sie waren stinklangweilig und boten mehr Papier fürs Geld. Ums Verrecken kamen darin niemals ‘pikante Stellen’ vor, kaum dass sich die Protagonisten mal küssten, und es wurde lange Zeit streng auf den Erhalt der christlich-konservativen Wertordnung geachtet. Da aber wesensechte Autoren sich kaum weltanschaulich derart gängeln ließen, soll es ganze Schreibwerkstätten von Reader’s Digest-Autoren gegeben haben, die mittels Handlungsschablonen für das gewünschte Odeur sorgten, welches dann die Publikumsfliegen anlockte. So lautete jedenfalls ein Gerücht, mit dem ich die Zweifel meiner Tante an ihrem Literaturgeschmack systematisch züchtete. Denn wer ein Schreiber werden will, der schlägt zunächst immer so die Laufbahn des Lügners und Erfinders ein …

Als junger Mann jedenfalls wusste ich, wenn mitten im Wohnzimmer-Mahagoni die glänzenden Bände von Reader’s Digest in den Regalen prangten, dann zeigte mir ein stolzes Club-Mitglied unter Zuhilfenahme schlechter Literatur: “Hier bei mir wird brav die CDU gewählt und die deutsch-amerikanische Freundschaft gepflegt! Und lange Haare sind Kommunismus!” Später kamen zum Programm noch CDs hinzu, die an Seichtigkeit und mangelndem Pop-Faktor kaum zu überbieten waren, dazu Gewinnspiele und alles mögliche andere Allotria im Warenkorb einer literarischen Vertreterkultur. Vor zwei Jahren wohl fiel das Unternehmen dann einer ‘Heuschrecke’ in die Hände – und jetzt ist es schon kaputt. So schnell feiert der Turbokapitalismus seine wirtschaftlichen Erfolge. Zeitgeistverachtend aber klang der Sound bis ins Grab – die Langeweile wurde hier zum Programm erhoben:

“Das Magazin tritt mit dem Anspruch an, das führende Medium der lebenserfahrenen Menschen in der Aktiven Mitte unserer Gesellschaft zu sein … Reader’s Digest bietet seinen Leserinnen und Lesern einen Ruhepol im aktuellen Informationsstrudel und schwimmt daher bewusst gegen den Strom aus Zeitgeist, Kurzlebigkeit und Sensation”.

Wenn aber ‘Reader’s Digest’ nicht mehr die Herzen der grünen Witwen mit Moral und Mief verwöhnen darf, wie mag es dann wohl um den Bertelsmann Lesering stehen – oder um den Weltbild-Verlag. Jene anderen Institutionen, wo unmündige Leser sich gern und katalogweise vorschreiben lassen, was sie lesen dürfen …?

3 Kommentare

  1. Ich werd’s aber auch vermissen. Das war eine ganz spezielle Form der Parallelkultur, man begegnete ihr selten, aber wenn, dann war es immer äußerst interessant. Waren nicht übrigens die Romane auch gekürzt – “Lesen Sie mehr Bestseller in kürzerer Zeit”!? Stele ich mir ganz gut vor. Karl May: Landschaftsbeschreibungen, raus! Dostojewski: Ewiges Rumgezweifel bei Raskolnikow, raus! Treib mal die Handlung voran.
    Es muss 30 Jahre her sein, aber die Zeitschrift “Das Beste” wirkte mit ihren eingestreuten Aphorismen, Kalendersprüchen und dann wieder absurden Reportagen auf mich zutiefst amerikanisch und dabei wie aus der Zeit gefallen – so dass man jedes beliebige Heft nehmen konnte, denn aktuelle Bezüge schien es nicht zu geben.

  2. Vor allem als Wartezimmerlektüre unschlagbar: mit ‘Bibelstechen’ irgendwo einsteigen, lesen bis zum Aufruf, auf dem Weg in die Ordination alles schon wieder vergessen – doch Zeit erfolgreich totgeschlagen.
    Das muss erst mal ein anderes Magazin leisten.

  3. Ich fand ‘Wild & Hund’ im Wartezimmer immer wesentlich aufregender. Allein das Vokabular: ‘Aufbrechen’, ‘Vergrämen, ‘Blume’, ‘Schweißspur’ usw. Unser Dorfarzt war nämlich ein wilder Jäger – und meist morgens schon angeschickert. Was das miteinander zu tun hat? Tscha – weiß auch nicht …

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