If your memory serves you well ...

Liebe Gemeinde!

Allergien löst bei mir regelmäßig das Wort ‘Netzgemeinde’ aus. Es wird gern und vor allem von Journalisten verwendet – als eine Art Kampfbegriff. Je inbrünstiger es ein Schreiberling anwendet, desto netzferner ordnet er sich selbst ein. Das ist die hintergründige Regel, der Begriff schafft zunächst einmal Distanz, und zwar zwischen der Metaphysik und der publizistischen Vernunft. Alle diese Analogdichter möchten ihrem Publikum nämlich keinen verwaltungstechnischen Begriff vor Augen führen, meinethalben eine ‘Gemeinde Schwarmstedt’. Das Wörtchen ‘Netzgemeinde’ soll vielmehr diesem teuflisch-digitalen Geschehen ein erwünschtes religiöses Aroma verleihen, mit ein wenig ironischer Zierpetersilie: Gläubige der ‘Netzgemeinde’ wären letztlich von ganz und gar unbeweisbaren Phantasmen überzeugt, so wie der Katholik von der Jungfrauengeburt oder der Hindu von Affengott Haruman, es seien lauter sektenhaft Verirrte, die hier um ein digitales Kalb tanzen.

An diesem Punkt frage ich mich, was bitte ein religiös konnotierter Begriff beispielsweise mit mir zu tun haben sollte, der ich mich gern und viel im Netz bewege, der ich es als sinnvolle Erweiterung meiner Möglichkeiten erlebe, der ich aber auch weit davon entfernt bin, dieses Netz metaphysisch zu verklären. Das Netz ist eine technische Entwicklung, die es neuerdings jedermann erlaubt, Daten in digitaler Form rasend schnell weltweit zu verbreiten, und zwar an bisherigen ‘Gatekeepern’ und ihren offenen Mündern vorbei. Dass es durch diese weit geöffneten Zugangsschleusen den Medienwandel demokratisiert und vorantreibt, so etwas dürfte inzwischen auch dem härtesten Betonkopf klar geworden sein. Bei der Digitalisierung der Welt also handelt es sich längst um keine Glaubensfrage mehr, sondern um die bloße Zurkenntnisnahme von Fakten.

Propheten braucht es zum Verkünden solcher Banalitäten gewiss längst nicht mehr. Wer sollten die auch sein, diese wortgewaltigen Prediger einer imaginierten ‘Netzgemeinde’? Sascha Lobo etwa? Auch auf der Gegenseite, wo einige unverstandene Nerds sich selbst gern als Gemeinde apostrophieren, ich rede also von jenem Großstadt-Häuflein, gegen das ein Don Alphonso gern mal auskeilt, auch dort ist der Ausdruck schlicht nur angewandter Bullshit.

Kurzum – das unaufhörliche Sabbeln von der ‘Netzgemeinde’ ist nur in jenen Köpfen metaphysisch zu deuten, die diesen Ausdruck verwenden. Vorhanden aber ist diese Gemeinde weder im Himmel noch auf Erden.

Zum Schluss noch einige neueste Beispiele aus dem großen Laber-Rhabarber:

Netzgemeinde lacht über SPD-Politikerin: Nahles singt „Pipi Langstrumpf“ am Rednerpult

Er suchte Drogen und fand den Spott der Netzgemeinde

Angela Merkels Hände im Fokus der Netzgemeinde

Man könnte stattdessen ja schlicht sagen, dass sich ‘die Menschen’ über die Merkel-Raute lustig machen – auch im Netz …

7 Kommentare

  1. hardy

    ich lese gerade, es gibt sie doch. dazugehören möchte ich trotzdem nicht zu dieser – da hast du auf eine interessante art recht – angeblichen glaubensgemeinschaft, die ich für pawlowsche hunde im ständigen erregungszustand halt …

    vielleicht werden wir ja alle bloß in dieses gatter gequetscht, damit die konditionierung auf das glöckchen weniger arbeit macht …

  2. Antonym

    Lieber Pfarrer (ich bin wieder am Tipper nach einer Herzoperation; von der ich nicht predigen will)!

    Meist hilft ein Blick in die Sprachgeschichte, wenn einem schummerig wird; wenn die Konnoation “religiös” zu pedantisch wird, hat man als Ersatzkleriker daneben gegriffen:
    Ich überlasse das Sprachmaterial zu “Gemeinde” und den Komposita Ihrer Aufmerksamkeit:
    http://woerterbuchnetz.de/DWB/?lemid=GS13754

    Statt in Gebetsbüchern oder aus seiner christlichen Jung-Leidensgeschichte zu lesen oder zu zitieren, empfehle ich historische Wörterbücher für syn- oder diachrone Sammlung vor der emotionalen Expectoration.
    Nützlich auch das dwds, das semantische Bedeutungen und die Etymologie offen legt:
    http://www.dwds.de/?qu=Gemeinde

    Ode (pardon: o d e r) als Bildungsauftrag formuliert: Wer je einmal “Das Gemeindekind” von der Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach gelesen hat, wird sich über den Gemeinde-Begriff gelassen wundern und profunder predigen.
    (Mhm, um nicht als gemeindekonformer Pastor, pardon: Magister [OStR] auf das Übliche, die Wikipedia, zu verweisen.)

  3. Dierk

    Ganz so weit, wie @Antonym vom Thema weg läuft, muss man gar nicht gehen; ‘Gemeinde’ als Synonym für ‘Gruppe’, wie er in der Soziologie verwendet wird, ist durchaus üblich.

    Ich habe ein viel größeres Problem mit der im Augenblick von vielen sehr weit gefassten Definition von ‘Gemeinde’. Während jemand ohne Weiteres zu einer Gruppe gehören kann, ohne sich dessen bewusst zu sein oder gar Zugehörigkeitsgefühl zu besitzen, sehe ich das bei Gemeinden anders. Mitglieder einer Gemeinde wollen dazugehören, sie wollen auch, dass andere sie als Teil dieser speziellen Gruppe sehen. Ich bin beinahe gewillt, Gemeinde als verfasste Gruppe zu betrachten.*

    Hinzu kommt, dass die Mitgliedschaft in einer Gruppe situativ ist, ich gehöre zu den Autofahrern, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, werde aber sofort Mitglied der Gruppe Fußgänger, wenn ich parke, aussteige und rumlaufe. Meine Gemeindemitgliedschaft ändert sich aber erst, wenn ich explizit aus der Gemeinde aussteige, wenn ich klar und öffentlich bekenne, nicht mehr zur Gemeinde zu gehören. Ebenso muss ich ein Bekenntnis zu meiner Gemeinde ablegen.

    So gesehen mag es eine Netzgemeinde geben, die nicht unähnlich einem Taubenzüchterverein vor allem unter sich bleiben möchte – selbst wenn ihre Mitglieder manchmal etwas anderes behaupten. Sicherlich gehört nicht jeder, der das Internet [auch intensiv] nutzt, automatisch zu dieser Gemeinde.

    *’fast’, weil ich darüber weiter nachdenken und ein wenig recherchieren muss.

  4. hardy

    beim nochmaligen lesen und nachdenken über die zitate aus der post: ein bißchen ist das ja auch ein “ich war’s nicht, _die_ waren’s und ich bin habe nur mitgelacht …”

    die imaginierte netzgemeide als “sündenbock”.

    muss ich nicht nachgucken, liebe antonym, ich weiss noch, wofür das steht, und – schön, daß wir hier nicht “operationslängenvergleich” spielen müssen.

    gute besserung btw.und gratuliere, daß du (auch) einen frontalangriff des unvermeidlichen verfalls überstanden hast, der uns aber nur lehrt, daß am ende die systeme doch zusammenklappen werden und wir die zeit bis dahin geniessen sollten 😉

  5. Klaus Jarchow

    @ Dierck: In dem Wort ‘Gemeinde’ steckt etwas von dem Wortsinn, den wir heute noch in ‘gemeinsam’ finden. Das Wort umschloss alle Mitglieder einer meist (dörflichen) Lebensgemeinschaft, die bspw. das Recht hatten, gut kommunistisch am Gemeineigentum – z.B. dem ‘Gemeinland’ oder der ‘Allmende’ – zu partizipieren. Formiert wurde eine solche Gemeinde zumeist durch den gemeinsamen Kirchturm als ein ‘Kirchspiel’, weshalb es sich dann später auch als Verwaltungsausdruck in der Bürokratie wie auch im klerikalen Bereich durchsetzen konnte.

    Solche historischen Ausflüge in die allgemeine Wortgeschichte mal beiseite gestellt, dass die Journalisten heute immer einen religiösen Hautgout durch die Lüfte flattern lassen möchten, wenn sie von Netzgemeinde schreiben, von der Überzeugung bringen mich zehn Ochsen nicht ab …

  6. sol1

    “Denn im Netz, da sind die Räuber…”

    Selten wurde der Hochmut, den manche “Top-Journalisten” gegenüber Internetusern, die es wagen, eine von ihnen abweichende Meinung zu haben, so deutlich wie in den Fragen, die Sabine Rückert und Heinrich Wefing an Mollaths Rechtsanwalt Gerhard Strate stellten.

    http://www.zeit.de/2013/35/gerhard-strate-gustl-mollath/komplettansicht

  7. Klaus Jarchow

    Jaja, diese slimmen Juhsser, die haben ja sogar anonyme Drohbriefe an die ehrbare Frau ‘Zeit’ geschrieben. Wer so der guten alten Schneckenpost vertraut und noch an Briefmarken schleckt, der muss einfach ein Mitglied dieses Internet-Pöbels sein.

    Manchmal denke ich ja, die hatten alle mal einen Kurzschluss im Gehirn, der seither ihre Logikfunktionen lahmlegt …

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