If your memory serves you well ...

Kurze Sätze? – Kurze Wörter!

Die Experten für Kommunikation und Artverwandtes verkünden uns gern, dass kurze Sätze der Königsweg zum Leser seien. Ich aber halte es hier lieber mit der Einsicht: “Kurze Sätze, kurze Gedanken” – oder auch “Ein Satz sei immer ein Gedanke“.

Ich kann auch in kurzen Sätzen formulieren. Klar kann ich das. So wie hier. Ich bin ja nicht doof. Das klingt dann aber abgehackt. Obwohl die Sätze total verständlich sind. Trotzdem geht der Leser stiften. Weil er die Unterforderung nicht aushält. Ich höre ja auch schon wieder auf …

Kurze Sätze sind also nicht das Problem – das Problem ist vielmehr der folgerichtige, logische Aufbau eines Satzes, den eben viele nicht beherrschen, weil es bei ihnen im Kopf auch nicht folgerichtig und ‘durchdacht’ zugeht, weshalb ein langer Satz bei ihnen wie ein NATO-Drahtverhau aussieht, und eben nicht wie eine tragende Wand aus aufeinander folgenden Bausteinen, die erst als ‘Bauwerk’ einen Gedanken anschaulich vors Auge führen. Nebenbei bemerkt: Das eben war nur ein Satz …

Der kurze Satz ist daher gar kein Ideal, sondern eine Krücke für die Fußkranken des Schreibenmüssens. Dagegen wäre aber das kurze Wort zu empfehlen: Ich bin einfach mal ans Regal gegangen, und habe einen Band gegriffen. Erwischt habe ich Alexej Tolstoi: Der Leidensweg, Band 1 in der hervorragenden Übersetzung von Maximilian Schick. Auf Seite 47, zufällig aufgeschlagen, finde ich dann das erwartete Ergebnis:

“Dascha öffnete die Tür ihres Zimmers und blieb befremdet stehen: Es roch nach feuchten Blumen, und im selben Augenblick bemerkte sie auf ihrem Tisch einen Korb mit hohem Henkel und einer blauen Schleife, sie lief darauf zu und steckte ihren Kopf hinein. Es waren Veilchen, etwas verdrückt und feucht.”

In diesem Text gibt es ganze drei dreisilbige Wörter, dafür aber 21 zweisilbige und 20 einsilbige. Aber nicht ein einziges viersilbiges. Salopp und versuchsweise als These ausgedrückt: Gute Schriftsteller sind höchst einsilbig.

Wir sollten daher ernsthaft die Wörter, die fünf und mehr Silben zählen, nach dem Recht ihrer Existenz im Text fragen. (ein Drei-Silber, acht Zwei-Silber, elf Ein-Silber).

Den Wortbestand zu kürzen, in ihm ohne Erbarmen zu wüten, jede ‘Pflegebereitschaftsdienstleiterin’ einen Kopf kürzer zu machen (oder zumindest in ihre Einzelteile zu zerlegen), das ist wohl das kürzeste aller Rezepte zu einem guten Stil – selbst noch bei den Marktschreiern: “Otto – find’ ich gut!‘ heißt es in der Werbung – und nicht bourgeois hochgestochen: ‘Ein Warenversandhaus wie Otto entspricht meinen Kauferwartungen‘. Der Slogan, in dem ‘Autolackpolitur’ vorkäme, wäre wohl einfach nicht zu schreiben. Auch so etwas aber ist vor allem wegen der Wortlängen ein schlechter Stil:

Mittel- und langfristig weisen die neuen Länder schon aufgrund der demografischen Entwicklungen eher ungünstigere Wachstumsperspektiven auf als die westdeutschen Länder“, sagte der Ifo-Konjunkturexperte Joachim Ragnitz.”

Da ich mich jetzt in der Pflicht sehe, folgt hier mein Exkurs ins Lesbarere:

“In den neuen Ländern wächst absehbar nur noch die Zahl der alten Menschen, während die alten Länder wiederum durch das Zuwandern junger Menschen aus dem Osten Zukunft gewinnen. Wachstum findet daher vor allem im Westen statt”, sagt Joachim Rangnitz, der beim IFO-Institut für die Konjunktur zuständig ist”.

Da aber im Journalismus längst Hopfen und Malz verloren scheint, sollten wir zumindest in den Blogs von den Autoren lernen – und uns um eine kurze Wortwahl bemühen. Lange Wörter sind meist so entbehrlich wie das Wort Überflüssigkeit …

2 Kommentare

  1. Mike

    Ganz persönlich glaube ich, dass es den schlechten Journalisten einfach am Bewusstsein mangelt, da sie drauf los schreiben, und ihren Erguss gar nicht mehr lesen, bevor er publiziert wird. Lektoren gibt es nicht, so kommt es, dass die Journalisten Texte absondern, wie die Darmflora Exkremente. Was dabei heraus kommt, ist oft das Gleiche.
    Lange Wörter? Das “Unverantwortungsvokabular” ist auch ein langes Wort, aber verständlich im Textzusammenhang; und den “Itzibitzitiniminihonolulustrandbikini” fand ich toll. Habe ich als Kind lange geübt. Sitzt heute noch.
    Im Übrigen: kein Widerspruch. Nur ein wenig Differenzierung. Ich schreibe übrigens gerne lange Sätze. Wie diesen, beispielsweise: “Dass diese nun ihren Storch nach unten drücken müssen (und damit eine Hand für andere Tätigkeiten wie zum Beispiel das Zeitunglesen wegfällt), um nicht dauernd mit ihrem besten Teil gegen den Porzellanrand zu stoßen, der, mag die Frau auch noch so gründlich putzen, ein beliebter Aufenthaltsort für Bakterien und Viren aller Art und zudem auch empfindlich kalt ist, ist das eine.” Na ja, wer’s mag …

  2. Klaus Jarchow

    Ich denke mal, den Journalisten fehlt es nicht nur an Bewusstsein dafür, sondern zunehmend auch an Zeit. Heutzutage musst du die Anschläge nur so rausrotzen, sonst giltst du den McKinsey-Jungs mit der Stoppuhr und dem Zeilenzähler gleich als redaktioneller ‘Minderleister’ (Copyright Gruner & Jahr), obwohl du ja – recht betrachtet – die Zeitung auf diese Art nur in einen Schnellimbiss verwandelst und zugrunde richtest.

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