If your memory serves you well ...

Kampagnen-Journalismus

Je älter man wird, desto mehr überzeugt man sich, dass Ihre Heilige Majestät, der Zufall, dreiviertel aller Geschäfte in diesem elenden Universum erledigt“, schrieb Friedrich der Große am 26. Dezember 1773 an Voltaire. In diesem Satz lagen noch der ganze Fatalismus und die Schicksalsergebenheit der Menschen des Barock, die sich ihren Gott bestenfalls als ‘blinden Uhrmacher’ vorzustellen vermochten. Mir jedenfalls – knapp 250 Jahre später – fällt es immer schwerer, noch an Zufälle zu glauben. Zum Beispiel angesichts eines Gewitterhagels von Zitaten gegen das Internet innerhalb nur zweier Tage:

1. Das ‘scheußliche’ Internet: Kann das Internet völlig frei sein? Müssen wir nicht die Menschen vor Denunziation, Entwürdigung oder unseriösen Geschäften schützen wie im Zivilrecht? Ähnlich wie auf den Finanzmärkten brauchen wir mittelfristig Verkehrsregeln im Internet. Sonst werden wir dort Scheußlichkeiten erleben, die jede Vorstellungskraft sprengen. [Meine ‘Vorstellungskraft’ wird eher heute schon überstrapaziert, wenn ich mir die realen ‘Scheußlichkeiten’ anschaue, die sich im Kongo oder im Iran ereignen]

2. Das wohlstandszerstörende Internet: Das Internet hat die Welt auf das Format eines Laptop-Bildschirms reduziert. Das Globalisierungsmedium par excellence hat aber auch neue Räume eröffnet – rechtsfreie Räume. … Die schöne neue Laptop-Welt befreite die Finanz­wirtschaft von Recht und Gesetz. Doch auch die Internet-Industrie selbst kennt kaum rechtliche Skrupel. Was online machbar ist, wird in den allermeisten Fällen auch gemacht. … Der Gesetzlosigkeit im World Wide Web fällt gegenwärtig gerade die Kulturindustrie zum Opfer. Schriftsteller und Musiker verlieren im Netz das Recht auf ihre Werke: Alles kann, alles darf heruntergeladen werden. Gratis. Die Enteignung der Kulturschaffenden durch Google und Konsorten ist schon fast vollendete Tatsache. [Ach – und ich Dussel dachte immer die Finanzkrise hätte etwas mit realen Personen zu tun, wie bspw. einem Herrn Madoff, oder mit dem unseligen Wirken einer ‘realen’ Allianz aus Journalismus und Lobby-Organisationen wie der INSM, die doch bisher niemand als ‘Internetgestützt’ bezeichnen würde …]

3. Das verbrecherische Internet: Das Internet ist ein “Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschung und Terror … Die Refugien der Diebe, Rufmörder, Kinderschänder entziehen sich weitgehend der Kontrolle des Rechtsstaats. Nur einer transnationalen Instanz kann es gelingen, Ordnung zu schaffen.” [Na, das klingt für mich doch eher wie die Beschreibung des Alltags in einem redaktionellen Großraumbüro bei einem holzmedialen Premiumangebot.]

4. Das entliberalisierte Internet: Westerwelle kündigt schärfere Sicherheitsgesetze an. … Die Aussage dürfte einen in der letzten Woche an die Öffentlichkeit gelangten Wahlkampfleitfaden der FDP einiges an Nutzwert nehmen. Darin werden Jungliberale dazu angewiesen, dass sie auf den Vorwurf, dass der Grundrechtsschutz besser bei der Piratenpartei aufgehoben wäre, unter anderem entgegnen sollten, alte Koalitionszugeständnisse seien Vergangenheit und die Liberalen hätten aus Fehlern wie der Zustimmung zum Großen Lauschangriff gelernt. [Joho – wir Liberalen verteidigen unsere Positionen immer solange unerbittlich, wie der Koalitionspartner nichts anderes von uns verlangt.]

… und, und, und.

7 Kommentare

  1. Dierk

    Ich neige dazu, grundsätzlich von der Mediokrität des Lebens auszugehen, Verschwörungstheorien haben da keinen Platz. Immerhin kann Zufall trotzdem forciert werden, wie Kommentare unter Blog-Artikeln zeigen – Menschen tendieren dazu, geöffnete Themen zu entdecken.

    Für Politiker aller couleur sowie Journalisten, die beide bisher auf ihre eigene Art das Meinungsmonopol hatten, ist es eine massive [yeah!] Bedrohung, dass jeder Armleuchter heute seine Meinung ohne große Kosten veröffentlichen kann. Oder, noch schlimmer, das dummdreiste Stammtischempfinden unserer Pols aufspießt.

    Nehmen wir nur die sich sammelnden Fürchterlichkeiten von Menschen – und ich benutze dieses Wort ausschließlich als biologische Kategorie – wie Angelika Krüger-Leißner oder Thomas Jurk. Beide geben jetzt offen zu, dass zumindest eine Funktion in der SPD mit dem Vorherigen Abschwören des Grundgesetzes verbunden ist. Wie soll man mit solchen Leuten umgehen? Mehr als Schmähkritik haben die nicht verdient, eigentlich sogar weniger.

    Und genau das passiert im Internet, dem Marktplatz der Ideen. Marktplatz, meine liebe FDP, wie Forum und Versammlungsort, nicht wie Preis und verkaufen. Online bietet nicht nur jedem seinen bezahlbaren Platz, es führt auch zur Erholung darniederliegender Literaturformen. Der Blogger wiederbelebt das Essay und das Tagebuch. Tweetie schafft Aphorismen. Selbst Leserbriefe kommen wieder zu Ansehen, sind nicht nur Ventil für unterbeschäftigte Lehrer oder Frührentner.

    Wie bei jeder grundlegenden Machtverschiebung im Kommunikationswesen, man erinnere sich an Mönchshandschrift->Druck mit beweglichen Lettern, monopolisierter Buchdruck->Broadsheets, haben die bisherigen Machthaber natürlich kein Interesse an der Kommunikations-Demokratisierung.

  2. Klaus Jarchow

    Na gut – vielleicht ist es ja auch nur die ‘Schwarmintelligenz’ abgehalfterter Holzmedien, die zu solch gehäuftem Auftreten an inkompetenter Netzkritik führt.

  3. BleibCool

    Keine Panik! Auch rein zufällig gestreute Ereignisse können lokal gehäuft auftreten.

    Den Geist der Open Opinion Bewegung wird niemand mehr zurück in die Flasche des Stammtisches stopfen können.

    Tip: Schöner Essay zum Abstieg eines anderen Mediums (englisch): http://www.paulgraham.com/convergence.html

  4. Klaus Jarchow

    Danke für den Link, er ist wirklich erhellend, und die Konkurrenz von Internet und TV hatte ich zuvor auch noch nicht recht auf dem Schirm: Die Beepbeep-Medien wären demnach in einer ähnlichen Situation wie die Holzmedien? Wir hier haben natürlich die Besonderheit der Öffentlich-Rechtlichen …

  5. BleibCool

    Auch für die Printer wird öff-rechtlich gelegentlich in die Diskussion geworfen.

    Aber bei Print und Funk wird übersehen, daß sich zwei Probleme vermischen: Qualität des Journalismus und Zentralismus (von Zeit, Kanal, und bei Sendern sogar Ort) der Übertragung.

    Der Zentralmediums-Angestellte muß immer auf hohem Niveau schreiben (was nur wenige können), während die Welt voller One-Time-Wonders ist. Und seit man die auch finden und lesen kann, konkurriert eine (zugegeben, oft hohe) Dauerleistung mit den unzählbar vielen anflutenden Einzel-Spitzenleistungen. (Auch so ein Gedanke von Graham).

    Auch deswegen wird KEIN öff-rechtliches oder stiftungsfinanziertes zentralmedium seine frühere Bedeutung wiedererlangen.

    Ich vermute, wir werden so etwas wie Nachrichtenportale bekommen, bei denen Nutzer die Infos erstellen/sammeln und bewerten, (vielleicht nach Kriterien wie Relevanz für den Einzelnen, Relevanz für die Welt/die Gesellschaft als Ganzes, Tiefe der Information, Glaubwürdigkeit/Belege, Stil/Prägnanz, DasGewisseEtwas/Sexiness, …).

    Und dann werden die Medienmacher als genauso weltfremd erkannt wie die Aliens in der Berliner Blase (vgl. http://www.zeit.de/2009/33/DOS-Stammtisch?page=all); die Selbstreferentialität der zentralistischen Medien ist ein Symptom des Weltverlustes.

    Für die Hackerkultur gibt es schon solche News-Ansätze, neben Slashdot zB. http://news.ycombinator.com/

    P.S. Noch was zu Graham: Er hat in einem winzigen Startup die Webshops aufgebaut die heute unter Amazons Flagge laufen und versucht gerade LISP weiterzuentwickeln.

    Seine Essays zur Startup-Kultur wischen die ganze deutsche IT-Startup-Förderung beiseite. Warum? Uns fehlt v.a. die geistige Kultur:
    http://www.paulgraham.com/revolution.html, aber auch: http://www.paulgraham.com/america.html (vs. “Kinder statt Inder”)

  6. Chefarztfrau

    Okay ziemlich abstrakt, aber ich bin halt Luhmann/ Dawkins-Masher:
    Da Soziale Systeme konstituieren sich laut Systemtheorie durch Kommunikation. Wenn man – frei nach Luhmann – weiter unterstellt, dass Kommunikation nur an Kommunikation anschließen kann, dann lässt sich auch unterstellen, dass Kommunikation gelegentlich nicht nur in selbstverstärkende Feedbackschleifen gerät, sondern regelrechte informatorische Felder verwandter Ideen ausbildet. Je präsenter ein solches Feld in der öffentlichen Wahrnehmung wird, umso größere Replikaktionsvorteile verschafft es den darin enthaltenen Memen/Ideen/Informationen. Damit steigt nicht nur die Motivation zu weiterer Produktion, auch ihre feldspezifische Emergenz nimmt zu.

    Das Böse-Internet-Mem ist daher keineswegs harmlos. Und es gibt Profiteure. Die Kulturevolution könnte noch ein paar üble Tage erleben.

  7. Klaus Jarchow

    @ chefarztfrau: Die Phrase “Das Internet ist kein rechtsfreier Raum” bringt es schon auf 70.000 Google-Treffer, meist direkt aus dem verängstigten Herzen des politischen Systems der versammelten Internet-Ausdrucker in den Parlamenten: Kommunikation erzeugt also zunächst einmal nichts als Redundanz, sie kommt durch diese ewige Wiederholung systemeigener Gewissheiten aber ‘der Wahrheit’ keinen Schritt näher, im Gegenteil, ‘die Wahrheit’ wird durch das ewige Für-Elise-Geklimper auf ‘symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien’ (Luhmann) sogar immer unwahrscheinlicher. Aber alle fühlen sich ‘informiert’, was sie im Wortsinn dank dieser Redundanz ja auch sind. Wenn mir ein Stein ständig auf die selbe Stelle am Fuß fällt, dann ist mein großer Zeh irgendwann auch ‘beeindruckt’ bzw. ‘informiert’ …

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