If your memory serves you well ...

Informationshäppchen

Nein, ich werde hier das hochbedeutsame ‘Internet-Manifest’ nicht nochmals verlinken. Der Text ist trotzdem ein Schulbeispiel dafür, wie man mit überholten Anschauungen eben keine Welt aus den Angeln heben kann. Auch nicht online. Am Beispiel des Informationsbegriffs will ich versuchen, das zu erklären. Bei den Berlinern heißt es:

“Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen.”

So eben ist es nicht: Informationen sind nichts, was außerhalb eines menschlichen Kopfes wie ‘Dingliches’ umherfliegt – also bspw. wie ‘Kokosnüsse’, ‘Regenschauer’ oder ‘Tastaturen’. Auf diese Weise existieren Informationen nicht. Auch in den großen ‘Informations- und Datenspeichern’ finden sich vor allem Buchstaben und Zahlen, die sinngebende Instanz kommt erst als Leser oder Programmierer hinzu. Dort außerhalb von uns gibt es nur Ereignisse, Geschehnisse, ‘Perturbationen‘, ‘Reize’, von mir aus auch ‘Fakten’ – aber eben keine Informationen: Ein Blitz schlägt in eine Platane ein, ein Tsunami rollt auf die Küste Javas zu, äthiopische Panzer rollen über die somalische Grenze, einer Frau in Detmold fällt die Blumenvase aus der Hand usw.

Nehmen wir jetzt ein absolut informationsunfähiges Wesen, meinethalben einen Hund, dem Mutter Natur nur die Konditionierung zur Anpassung gönnte und der von diesem Tsunami erwischt wird. Ihn trifft die volle Wucht des Wassers, er jault und japst noch ein bisschen, dann zerschellt er an einem Felsblock und stirbt. Nicht einen Moment aber ist ihm der Gedanke – aha! – an einen ‘Tsunami’ gekommen, anders wiederum als einem Indonesier, der vielleicht auch sterben musste, der aber zuvor noch an die ‘Rache des großen Wassergottes’ dachte, oder – falls aufgeklärt und gebildet – an ‘ein tektonisches Beben in Küstennähe’.

Nur für Menschen können aus Ereignissen auch Informationen werden, denn wir benennen Dinge mit Worten, wir bilden sie ab und machen daraus Symbole. Der Mensch ist das ‘symbolverarbeitende Tier’ schlechthin, wir geben den bloßen Fakten und Ereignissen unwillkürlich ‘Sinn’, wir bringen sie symbolisch ‘in Form’ oder verwandeln sie in ‘Informationen’. Theoretisch finden sich die Grundlagen für solche Ansichten in der ‘Kybernetik zweiter Ordnung‘, in der ‘Systemtheorie‘ oder im ‘Radikalen Konstruktivismus‘.

Unsere Informationen versuchen wir, sprachlich zu vermitteln, wir können aber niemals unsere Informationen eins zu eins an andere vermitteln. Wenn ein Freund erzählt: “Ich war in Kenia”, dann erblickt ihn der eine allein unter Elefanten, der andere sieht ihn in einem Entwicklungshilfeprojekt Brunnen bohren, wieder ein anderer imaginiert ihn beim Essen exotischer Gerichte von Palmenblättern. Je besser eine Person uns imaginativ den Eindruck zu vermitteln versteht, wir wären ‘tatsächlich’ mit ihm dort gewesen, desto mehr taugt er als ‘Erzähler’.

Dennoch: Unter Menschen tauschen wir immer nur sprachliche und bildhafte Symbole aus, nur Wörter, Fotos usw. Welche Informationen sich der andere daraus bildet, damit ist er immer allein. Informationen sind strikt Kopfbewohner, sie kommen in freier Wildbahn nicht vor. Was zwischen Menschen existiert, das ist Kommunikation, was aber noch lange kein ‘Informationsaustausch’ ist, wie das Geschehen oft so schlicht heißt, es gleicht eher einem laut- oder schriftgestützten Hantieren mit Symbolen.

So gesehen sind Zeitungen, von denen dort im Manifest so viel die Rede ist, nur massenhaft verbreitete Sinnbildungsangebote, Köder fürs Hirn, ‘Medien’ eben, die versuchen zwischen halbwegs Gleichgesinnten, zwischen ihrem Publikum also, kohärente Argumentationsweisen oder Sprachmuster herzustellen. Sie formen damit Gruppen oder eine ‘Öffentlichkeit’. Wenn zum Beispiel der Westerwelle verkündet, dass die Steuern gerade in der Finanzkrise gesenkt werden müssten, damit es so lustig und spekulativ weitergehen kann wie in der guten alten Zeit, dann nimmt ihn der überzeugte Ordoliberale absolut ernst, während ich mich innerlich eher scheckig lache. Gleiche Sprachsymbole, grundverschiedene Informationswirkung.

Nur da also, wo Informationen in Köpfen kompatibel sind, wo es ‘Gleichgesinnte’ gibt, bilden sich auch gemeinsame Überzeugungen, ein gleicher Sinn. Wo nicht, bildet die ein- und dieselbe ‘Nachricht’, das gleiche ‘Zitat’, ganz andere Informationen aus, weil Köpfe eben unterschiedlich sind. Informationen sind strikt niemals für alle gleich. Selbst bei den sachlichsten Lexikonbeiträgen in der Wikipedia entbrennen die Debatten, und was ein korangläubiger Fundamentalist ‘informationell’ aus Freud oder Darwin machen würde, das wage ich mir gar nicht vorzustellen. Auch Wissenschaft ist Information nur für die Wissenschaftler, für die jeweilige Glaubensgemeinde also.

Streng genommen gibt uns das Internet also nicht mehr Informationen an die Hand, wir nehmen nur sehr viel mehr von dem Lärm und von all dem kommunikativen Chaos wahr, das dort draußen in der Realität aus jedem Fenster krakeelt, wovor uns die guten alten Holzmedien mit ihrer gesellschaftlichen Filterfunktion zugegebenermaßen bisher einigermaßen bewahrt haben. Ob das gesellschaftliche Experiment ‘Web 2.0’ zum Guten oder Schlechten ausgeht, das ist noch sehr die Frage, und kein Grund gleich Hohelieder auf das Internet zu singen. Der mediale Umbruch kommt ohne unser Zutun so oder so.

Was passiert bspw., wenn sich alle mit Hilfe anderer und völlig widersprüchlicher Perturbationen aus den Weiten des Internet mental ‘in Form’ bringen oder ‘informieren’? Steigt dann das Maß an Sinnvollen in der Gesellschaft an oder nimmt bloß der Unsinn zu – immer in den Augen der jeweils anderen?  Das Web 2.0 stellt gesellschaftlich an uns tausend Fragen, es ist aber nicht die Antwort. Schon gar nicht ist es eine Berliner Antwort …


2 Kommentare

  1. Kalonis

    Zwar nicht von den “korangläubigen Fundamentalisten”, aber von ihren amerikanischen Brüdern im Geiste stammen folgende Lexikon-Einträge zu Freud und Darwin:

    http://www.conservapedia.com/Freud
    http://www.conservapedia.com/Charles_Darwin

  2. Dierk

    Solange Daten mit Informationen verwechselt …

    Schöner Text, Herr Jarchow!

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