Stilstand

If your memory serves you well ...

In der Nazi-Waschstraße

 

„Ich dachte immer, hier in der Rethemer Gegend hätte es kaum Nationalsozialisten gegeben? Jedenfalls brachte man uns das auf der Londy-Schule so bei.“

„Ab Mai 1945 mag das so gewesen sein. Damals hatten die Deutschen unter persönlichem Einsatz angeblich mehr Juden gerettet, als je im deutschen Reich gelebt hatten.“

Die beiden Männer saßen auf ihren Klappstühlen im Schilf der Aller und schauten auf die Korken an ihren Angeln.

„Von meinem Vadder jedenfalls haben wir monatelang nichts mehr gehört, nachdem ihn die Briten einkassiert hatten“, sagte der ältere von beiden, den wir hier Knut nennen wollen. Er köpfte sich eine Flasche Bier, die er aus dem Weidenkörbchen nahm, das neben ihnen im kühlen Wasser stand: „Der war nämlich hier vor Ort NS-Ortsgruppenleiter gewesen, faktisch also eine Art Bürgermeister. Weil die Partei ja damals mit dem Staat absolut gleichzusetzen war.“

„Deine Familie in Ehren, aber das klingt doch nicht so, als hätten die Briten da den Falschen am Kragen gepackt?“ Horst, der andere also, schaute Knut fragend an.

„Naja, Vaddern war wohl stolz auf all die vielen Titel und Beförderungen gewesen, die ihm, dem einstmals kleinen Handwerksmeister, unversehens in den Schoß fielen. 1945 hatte er aber dann mit Gülle gehandelt.“

„Selbst schuld – oder?“

„In gewisser Weise schon. Als wir rausgekriegt hatten, wo er einsaß, fuhr meine Schwester jedenfalls mit ihrem klapprigen Fahrrad wöchentlich die dreißig Kilometer raus zum Lager Fallingbostel, um ihm Fresspakete über den Zaun zu werfen. Die Ernährung war nicht nur dort miserabel, eigentlich schoben hier alle Kohldampf. Solche Aktionen waren nicht ganz ungefährlich, nicht nur wegen der britischen Bewacher, sondern auch wegen der marodierenden Fremdarbeiter, die als ‚Displaced Persons‘ mit Rachegelüsten durch die Landschaft zogen. Du musst dir das mal vorstellen – im Landkreis Fallingbostel hatten wir damals, bei einer Zählung im November 1945, 58,6 Prozent Ausländer hier in der Pampa. Die Vertriebenen noch gar nicht mitgezählt. Während ganz Niedersachsen nur auf 7,6 Prozent Ausländeranteil kam. Angesichts dieser Zahlen würde so ein Heini von der AfD heute einen Schreikrampf kriegen und entsetzt etwas von ‚Umvolkung‘ stammeln.“

Displaced Person: Einer von 7 Millionen in den Westzonen
(Imperial War Museum, London)

„Wo kamen die denn alle her?“

„Zum größten Teil aus den großen Lagern – ringsum war doch alles voll damit. Bergen-Belsen war nur die Spitze des Eisbergs. Jedes bessere Dorf hatte unter den Nazis sein Stalag eingerichtet, um Sklavenarbeiter für die Landwirtschaft zu haben. Die also wurden alle damals befreit – und wussten dann lange nicht, wohin. Einige zogen gen Osten, die Franzosen gen Westen, und die meisten blieben erst einmal dort, wo sie waren. Fakt ist, dass wir nie so viele Ausländer im Land gehabt hatten, wie damals unter Adolfs Regiment. Obwohl doch diese Goldfasane ständig von ethnisch reinen Gebieten faselten. Ein Bericht vom 24. August 1945 erwähnt 145 sogenannte ‚Polenplünderungen‘ für den Raum Fallingbostel. Wobei man sagen muss, dass all die ausgemergelten Figuren aus Lagern wie Bergen, Wietzendorf, Fallingbostel und den zahllosen Außenkommandos auch nur äußerst mangelhaft versorgt wurden und Kohldampf schoben. Damals hatten wir hier sogar eine polnische Polizei mit mehreren Dienststellen.“

„Was genau wurde deinem Vater denn vorgeworfen?“ Horst griff sich auch eine frische Buddel aus dem Korb.

„Naja, vor allem seine Funktion. Als Ortsgruppenleiter warst du ja nicht irgendwer, sondern unter anderem auch zuständig für diese Fremdarbeiter, die auf den Feldern ringsum das deutsche Kanonenfutter an der Ostfront zu ersetzen hatten. Nach allem, was man hört, hat sich Vaddern da aber halbwegs menschlich verhalten. Selbst Fälle von Rassenschande – so hieß das damals – verpetzte er wohl nicht an die Gestapo. Jedenfalls ist mir über Hinrichtungen von Fremdarbeitern nichts bekannt. Das wäre aber bei einer Anzeige wegen Liebelei wohl die unausweichliche Folge gewesen.“

Horst breitete die Hände aus: „Der August Jahns vom Stadtarchiv hat mir damals auf die Frage nach Nazis in Rethem mit einer rhetorischen Gegenfrage geantwortet: ‚Ja, wer hatte denn damals hier kein Parteibuch?‘ Wer also war denn alles von diesen Verfahren und dieser Entnazifizierung betroffen?

‚Wer hatte damals keins?‘

Knut grinste: „Die Liste ist schier endlos. Als verdächtiges Mitglied einer verbrecherischen Organisation galt zum Beispiel, wer für das Kreispersonalamt, als Mitglied des Kreisparteigerichts, als Kreiswirtschaftsberater, als Angestellter im Kreisamt für das Landvolk, im Kreisamt für Kommunalpolitik oder im Gauamt für Erzieher, bei der Gestapo oder in der Nachrichtendienstzentrale der Gestapo, dem SD, gearbeitet hatte. Wer eine tätowierte SS-Nummer auf dem Unterarm trug, war eh fällig. Das aber war noch nicht alles: Ein ‚Entnazifizierungsverfahren‘ mussten ferner alle durchlaufen, die als Richter, Staatsanwälte, Beamte, Lehrer, Bankangestellte, Notare, Rechtsanwälte oder Steuerberater gearbeitet hatten. Wir standen damals institutionell geköpft und ohne Führungspersonal da, in einer völlig chaotischen Zeit, wo wir eine funktionierende Verwaltung mehr als alles andere gebraucht hätten. Alles lastete auf den Schultern der britischen Militärs, weil die ehemalige Verwaltung so ziemlich geschlossen in den Lagern einsaß“.

Waren die Parteigenossen denn alle gleich schlimm?“ Horst nahm einen tiefen Schluck aus der Pulle.

Knut grinste: „Ich trenne die immer so in drei Schübe. Vornweg die, welche schon vor der sogenannten Machtergreifung in der Partei waren, die ‚Überzeugten‘ also. 1933 kamen dann die ‚Märzgefallenen‘ hinzu. Die schwappten millionenfach in die NSDAP, bis der Führer selbst dem Ansturm einen Riegel vorschob. Es gab eine Aufnahmesperre, weil seine Partei eine elitäre Mafia-Truppe mit niedrigen Parteinummern bleiben sollte. Ab dem Jahr 1937 konnte man dann wieder eintreten. Diejenigen, die jetzt kamen, nenne ich die ‚Muss-Nazis‘: Wer als Rechtsanwalt, als Arzt oder als Beamter in einer Führungsposition weiterarbeiten wollte, der musste auch in der Partei sein. Die traten also ein, weil es um ihren Lebensunterhalt ging. Drei Wellen gab‘s also: Erstens die Verbrecher, zweitens die Karrieristen, drittens diejenigen, die notgedrungen eintraten. Und nach dem Krieg wollte dann keiner einer gewesen sein. Ein britischer Major, der hier im Frühjahr 1945 durchzog, sagte: ‚Die Deutschen tun alle so, als seien die Nazis eine fremde Rasse von Eskimos gewesen, die vom Nordpol kamen und irgendwie nach Deutschland eingedrungen sind‘.“

Und zu welcher der drei Gruppen zählst du deinen Vater?

„Der gehörte eindeutig zu den ‚Überzeugten‘. Er hatte die Lauscher aufgestellt, spürte früh, dass der Wind sich drehte, und trat schon 1931 in die Partei ein. Dass er ein ‚Mann der ersten Stunde‘ war, wie es damals hieß, dürfte dazu beigetragen haben, dass er Ortsgruppenleiter wurde. Leider ist das wohl so …“. Knut holte die Angel ein, um einen neuen Köder zu befestigen.

Und wie ging es dann weiter?“ Horst steckte sich eine Zigarette an.

„Zunächst einmal ging gar nichts weiter. Die Alliierten hatten sich zwar diese ‚Entnazifizierung‘ des Reichsgebiets auf die Fahnen geschrieben, die praktische Umsetzung in einem eroberten Land, wo acht Millionen Menschen in der Partei waren, die hatten sie praktisch jedoch nicht bedacht. In unserer britischen Besatzungszone wurden am Ende 2,1 Millionen Fälle entschieden, 23.000 Personen wurden als belastet eingestuft, mehr als eine Million als sogenannte ‚Mitläufer‘. Bis es soweit war, ging aber viel Zeit ins Land. Anfangs waren ein paar Dutzend britischer Offiziere für die Verwaltung zuständig, die zunächst im Siegesrausch aber mehr an Wein, Weib und Gesang interessiert waren als an Arbeit. Dann kamen die Tommies auf die gloriose Idee, dass doch deutsche Richter selbst über ihre Volksgenossen urteilen sollten. Woher aber deutsche Richter nehmen? Wenn irgendwelche Berufe komplett naziverseucht waren, dann vor allem Juristen, Polizisten und Lehrer. Diese Figuren waren fast geschlossen also auch Parteimitglieder. Deshalb mussten zunächst einmal die Juristen entnazifiziert werden, bevor die dann wiederum andere entnazifizieren durften. Hinzu kamen die Transportprobleme.“

Wie meinst du das denn? Die mussten doch nur von ihrer Baracke ins Gericht latschen.“

„Ja, das glaubst du!“ Knut lachte bitter: „Die Verfahren fanden anderswo statt, in Bomlitz-Benefeld, auf dem ehemaligen Eibia-Gelände. Dort, wo zuvor die große Munitionsfabrik stand. In diesem damaligen Gerichtsgebäude befindet sich heute die Waldorf-Schule. Zwischen dem Gericht und dem Lager lagen zerstörte Straßen und Brücken, der Treibstoff war knapp, ebenso die Transportmöglichkeiten. Mein Vater saß mehr als zwei Jahre in diesem Internierungslager fest. Am 12. Mai 1945 stieg er in einen Jeep der Briten, am 17. November 1947 wurde er aus der Haft nach Zahlung einer Geldstrafe von 200 Reichsmark entlassen. Was übrigens lächerlich war. Für diese Summe einer völlig entwerteten Reichsmark bekamst du damals noch nicht einmal eine Zigarette.“

Horst warf ein ausgerupftes Büschel Gras in den Fluss: „Und deine Schwester fuhr die ganze Zeit weiter mit ihren Fresspaketen zum Lager?

„So war das!“ Knut nickte ihm zu: „Die Ration im Lager lag damals bei 900 Kalorien für jeden. Das reichte im Prinzip nicht zum Leben, aber auch nicht zum Sterben. Freilaufende Hühner wie wir fanden immer auch in der Umgebung noch etwas zum Picken. Aber die im Lager konnten sich nicht frei bewegen. Daher war die Versorgung von außerhalb ebenso verboten wie überlebenswichtig. Ich will den Briten noch nicht einmal bösen Willen unterstellen. Die waren einfach logistisch überfordert. In Hannover tobten damals große Hungerrevolten.“

„Fühlte sich dein Vater denn schuldig? Und was sagten die Freunde und Nachbarn zu den Vorgängen?“

„Zunächst waren alle wohl wie betäubt. Als sich die Bilder aus Bergen-Belsen verbreiteten, waren viele wohl auch moralisch angeknackst. Die meisten aber schoben diese Verbrechen auf die Führungsschicht, während derweil der deutsche Soldat an der Front verheizt worden sei. Es wurde massig über Hitler geschimpft, der sich feige seiner Verantwortung entzogen hätte, aber der deutsche Soldat sei anständig geblieben. Wenn die Heimkehrer später andere Dinge erzählten, kehrte die Familie solche Erinnerungen unter den Teppich. Auch der Dicke, also der Hermann Göring, war bei allen unten durch.“

„Also keinerlei Schuldbewusstein?“ Horst schüttelte den Kopf.

„Nö. Die waren alle derart lange dem Trommelfeuer der Goebbels’schen Propaganda ausgesetzt gewesen, dass sie die neuen Nachrichten auch bloß wieder für Propaganda hielten. Einer persönlichen Schuld war sich kaum jemand bewusst. Noch nicht einmal Josef Kramer aus Hameln, der Kommandant des KZ Bergen-Belsen also, jener Mann, der für die meterhohen Leichenberge und für die Todesrationen an Lebensmitteln dort verantwortlich war. Der schrieb winselnd kurz vor seiner Hinrichtung an seine Frau: „Womit habe ich das verdient? Was habe ich getan, dass man mich wie einen Kriminellen behandelt? Dass so viele Menschen in Belsen starben – das konnte ich nicht ändern.“ Ein wahres Unschuldslamm also – wobei wir nicht vergessen wollen, dass diese Heulsuse kurz zuvor noch der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gewesen war. Ziemlich eklig das alles, finde ich. Bis in die höchsten Ränge hinein gab es kaum ein Unrechtsbewusstsein, alle Schuld lud man jetzt beim Führer ab, der das deutsche Volk arglistig getäuscht hätte. – Willst du auch ‘nen Schnaps?“

Horst schüttelte den Kopf: „Nee, danke. Das also war die Anfangszeit. Änderte sich das dann?

Rheinwiesenlager in Remagen

„Ziemlich schnell fühlte sich die Bevölkerung hier nicht nur hinters Licht geführt, sondern sogar als Opfer – und das ziemlich früh. Dazu trugen erheblich durchsickernde Berichte aus den Rheinwiesen-Lagern bei. Seither fühlten sich die Deutschen nicht mehr als Täter. Zumindest in ihren eigenen Augen.“

Horst guckte Knut groß an: „Was waren das denn nun wieder für Lager?

„Naja, die Briten, auch die Amerikaner, hatten von Anfang an ein riesiges logistisches Problem. Da waren Millionen von Menschen, die ohne Arbeit und Nahrung in Millionenstädten festsaßen, in Köln, in Düsseldorf, in Frankfurt usw. Die sie aber nach der Haager Kriegsrechtskonvention zu versorgen hatten. Dazu kamen Millionen von Vertriebenen, nicht zu vergessen die ‚Displaced Persons‘, also die ehemaligen Zwangsarbeiter. Die alle mussten ernährt und versorgt werden, in einem Land, wo es nur noch zertrümmerte Brücken und gesprengte Gleise gab – und dementsprechend keine Transportmöglichkeiten. Und das, während selbst im siegreichen Großbritannien die Lebensmittel streng rationiert werden mussten, wodurch auch dort die Bereitschaft, den ‚Hunnen‘ zu helfen, denkbar gering war. Auf diese fast unlösbare Aufgabe waren die Truppen überhaupt nicht vorbereitet. Als dann noch die Heeresgruppe B im Ruhrgebiet im März 1945 kapitulierte, war endgültig Schicht im Schacht. 3,5 Millionen Kriegsgefangene auf einen Schlag, so viele hatte es selbst in den großen russischen Kesselschlachten nie gegeben. Die Briten und Amerikaner errichteten damals entlang des Rheins, quasi von Wesel bis Mainz, im sumpfigen Rheintal große Stacheldraht-Verhaue für die Kriegsgefangenen, die sogenannten Rheinwiesen-Lager. Die abgekämpften Soldaten dort hatten keine Zelte, kaum etwas zu fressen, und keine Toiletten oder Waschgelegenheiten. Sie gruben sich Löcher in den Boden, um Schlaf zu finden. Als dann der große Regen einsetzte, kannst du dir vorstellen, wie es dort zuging. Viele deutsche Soldaten starben dahin, an Hunger, an Typhus, an Lungenentzündung.“

Jetzt will ich doch ‘nen Schnaps“, sagte Horst: „Die demokratischen Eroberer schufen sich also selbst ein Klein-Auschwitz?

„Nun mach mal halblang!“ Knut stöhnte entnervt auf: „Statistisch ist das überhaupt nicht vergleichbar. Von russischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand starben 57,5 Prozent, von deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand erwartete 35,8 Prozent der Tod, von amerikanischen Kriegsgefangenen in japanischer Hand kamen 33 Prozent nicht mehr zurück. Deutsche Gefangene in amerikanischer Gefangenschaft starben aber nur zu 0,15 Prozent, in britischem Gewahrsam nur 0,03 Prozent. Das heißt, von zehntausend Menschen kamen gerade mal drei um. Diese Rheinwiesen-Lager sind daher mit Sobibor, Belzec oder auch nur mit den deutschen Stalags überhaupt nicht zu vergleichen. Sie erzielten aber mental eine überaus große Wirkung auf die Bevölkerung. Hinzu kam dann noch der große Hunger.“

Hunger und Krieg gehören doch zusammen?“ Horst grub mit dem Fangmesser ein kleines Loch in die Erde.

„Nicht für die deutsche Bevölkerung. Für die Zivilisten hatte es fast bis hin zum Kriegsende keine Entbehrungen gegeben, abgesehen von den Bombenangriffen natürlich. Hitler, der größte Schwätzer aller Zeiten, fürchtete nichts so sehr, wie einen erneuten ‚Steckrübenwinter‘, der damals, am Ende des ersten Weltkriegs, die Moral im Inland zusammenbrechen ließ. So zumindest sah er die Dinge. Also galt es, um jeden Preis die Lebensmittelversorgung in den deutschen Gauen sicherzustellen.“

Die Nazis ließen die Leute also anderswo verhungern?

Knut schnaubte durch die Nase: „Genauso ist das. Das greife ich mir auch nicht aus der Luft. SS-Chef Himmler verkündete vor der Operation Barbarossa schon, was die Folge sein würde: „In dem kommenden Volkstumskampf von unerbittlicher Härte werden durch die Kriegshandlungen und die Ernährungsschwierigkeiten 20 bis 30 Millionen Slawen und Juden umkommen“. Das waren für ihn dann wohl ‚Peanuts‘, obwohl seine Schätzung in etwa stimmte. Allein in der damaligen Sowjetunion starben 25 Millionen Menschen, davon nur fünf Millionen bei Kampfhandlungen. Der dicke Göring stieß ins gleiche Horn: „Die Schlacht um Russland wird das größte Sterben seit dem Dreißigjährigen Krieg mit sich bringen“. Auch Leningrad, das sagen Militärhistoriker, wurde von den Nazis wohl nur deshalb nicht erobert, weil man sich nicht noch weitere 3,5 Millionen ‚unnütze Fresser‘ auf den Hals laden wollte. Wie gesagt, alles geschah nur zu dem einen Zweck, den deutschen Soldaten an der Front und den deutschen Zivilisten daheim immer genügend Brot und Mettwurst für den Frühstückstisch zu liefern. Hunger war für die Bevölkerung hier nach 1945 jedenfalls eine ganz neue Erfahrung.“

Horst lachte bitter: „Und daran hatten dann natürlich wieder die Besatzungstruppen Schuld?

Knut nickte ihm zu: „So in etwa. Die Stimmung drehte sich jedenfalls rapide. Unter Hitler mussten wir wenigstens nicht hungern, das war so das Gerede auf den Straßen. Man stahl sich geistig aus der Verantwortung, weil jetzt ja alles noch viel schlimmer geworden sei. Zusammen mit dem knurrenden Magen schrumpfte auch das Schuldbewusstsein. Kurzum – in einer solchen Atmosphäre begann jetzt die Entnazifizierung, die schon bald als ‚Siegerjustiz‘ betrachtet wurde.“

Befreite britische Kriegsgefangene im Stalag 11B in Fallingbostel
(Imperial War Museum)

Ein wahrhaft großer Selbstbetrug!“ Horst befestigte einen neuen Köder an der Angel: „Wie ging es für deinen Vater denn dann weiter?

„Nun ja – Vaddern sagte vorm Spruchgericht Benefeld-Bomlitz damals aus, er sei 1931 nur deshalb in die NSDAP eingetreten, „weil die damaligen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse offenbar einer Katastrophe zutrieben und daraus hervorging, dass die von den alten Parteien bisher beschrittenen Wege nicht zu einer Behebung der allgemeinen Not führen könnten“. Von Gräueltaten habe er erst sehr spät etwas erfahren: Als er nach den Dresdner Bombennächten seinen gehörlosen Sohn aus Sachsen abholte, um ihn nach Rethem zu bringen, seien sie auf dem zerstörten Schienennetz nur sehr stockend vorangekommen. Immer wieder seien sie dort auch überfüllten Häftlingszügen begegnet. Erst, als er die Hungergestalten sah, habe er begriffen, was in den Lagern vor sich ging. Auch Mitreisende hätte dort ihr Wissen mit ihm geteilt. Innerlich hätte er zu dem Zeitpunkt dann mit dem Nationalsozialismus gebrochen. Solche Akten des Spruchgerichts verstauben heute übrigens – nahezu unausgewertet – in der Außenstelle Pattensen des Landesarchivs Hannover.“

Diese Aussage genügte also, damit er so glimpflich davonkam?“ Horst grinste.

Knut gönnte sich noch einen Schluck: „Nicht ganz. Hinzu kamen ja noch die ‚Persilscheine‘, die sich eine fest verbandelte Einwohnerschaft gegenseitig ausstellte, um sich möglichst weiß zu waschen. Das Gericht hörte also Zeugen an, die dann aussagten, dass sich mein Vater immer sehr menschlich verhalten hätte: Die Fremdarbeiter hätten sich frei bewegen dürfen, sie seien alle gut genährt gewesen, und konnten sogar das Kino im Rethemer Ratskeller besuchen. Außerdem hätte der Ortsgruppenleiter mehrfach Bürgern beigestanden, die wegen vorlauter Sprüche ins Visier der Gestapo geraten seien. Das alles führte dann zu diesem milden Urteil, auch wenn mein Vater kein öffentliches Amt mehr ausüben durfte.“

Wer regierte unter den Briten eigentlich die Stadt?“ Horst drückte seine Zigarette im Uferschlamm aus.

Knut grinste: „Naja, regieren? Das war eher ein betreutes Verwalten. Sahlberger hieß der Mann. Er hatte ‚geeignete Persönlichkeiten‘ auszuwählen, die „in allen Gemeinden ein Verwaltungssystem auf demokratischer Grundlage“ bilden sollten. Was nicht ganz einfach war, denn die Bevölkerung wurde durch die Entnazifizierung überall in fünf Kategorien eingeteilt: Erstens Kriegsverbrecher, zweitens belastete Nazis, drittens minderbelastete Nazis, viertens die Mitläufer und fünftens Entlastete. Die ersten vier Kategorien verloren zunächst das aktive und das passive Wahlrecht, kamen also als Gemeinde- und Stadträte nicht mehr in Frage. Und selbst, wenn man diese Klippe umschifft hatte, fand die britische Militärverwaltung immer noch Grund zum Meckern. Bei der Begrüßung des Fallingbosteler Kreistages am 15. 12. 1945 kritisierte der britische Militärkommandant, Oberstleutnant Carr, dass weder Frauen noch Flüchtlinge für den Rat ernannt worden seien. Mein Vater jedenfalls kehrte in die Politik nicht mehr zurück. Anderswo, in Nachbargemeinden, wurde mangels Personal schon mal getrickst. Da wurde die unbelastete Ehefrau zur neuen Bürgermeisterin gekürt, im Hintergrund aber versah der belastete Ehemann die Amtsgeschäfte wie einst im Mai. Die Briten waren in solchen Fällen froh, dass überhaupt etwas klappte, und ließen schon mal Fünfe gerade sein. Je länger, je mehr.“ Knut höögte sich.

Wie lange zog sich das Gewürge denn hin?“ Horst nahm jetzt auch einen Schluck.

„Nun ja“, Knut stand auf und reckte sich ausgiebig: „Die Alliierten hatten immer wieder die Schaffung eines Entnazifizierungsgesetzes angemahnt, das aber nie geschaffen wurde. Also vollzog sich alles auf der Basis von Verordnungen, die oft in sich widersprüchlich waren. Im Februar 1950 waren in den Westzonen 1.667 Personen als Hauptschuldige ermittelt worden, 23.060 galten als belastet, 150.425 als minderbelastet, 1.005.854 als Mitläufer. Hinzu kamen ungefähr 4 Mio. Menschen, für die eine Jugendamnestie galt. Seit dem 1. Januar 1948 gab es dann keine verfahrensbedingten Entlassungen mehr. Das ‚Gesetz zum Abschluss der Entnazifizierung im Lande Niedersachsen‘ trat wenig später, am 18. Dezember 1951, in Kraft. Seither gab es keine neu eingeleiteten Verfahren mehr. Am 1. Juni 1952 wurden auch die Minderbelasteten und Mitläufer nachträglich rehabilitiert.“

Und wie muss ich mir den Übergang zu demokratischen Verhältnissen jetzt vorstellen?“ Horst schaute ratlos.

„Tscha, mit viel Anpassung und Mimikri. Viele wechselten ihre Farbe wie Chamäleons. Alte unverbesserliche Parteigenossen fanden in Parteien wie dem ‚Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten‘ (BHE) oder in der ‚Sozialistischen Reichspartei‘ (SP) Unterschlupf. Die letzteren versuchten sich an den guten alten SA-Methoden und sorgten hier im Ratskeller bei ihren Veranstaltungen für viel Radau. Auch die ‚Deutsche Partei‘ roch anfangs arg bräunlich. Eigentlich aber war es erst das Wirtschaftswunder, die Zeit nach ‚der Währung‘, welche einen Wandel bewirkte und aus führertreuen Menschen wohlgenährte Demokraten machte. Wie sang Wolfgang Neuss damals? ‚Jetzt kommt das Wirtschaftswunder! Der Bauch erholt sich, ist schon sehr viel runder. Jetzt kommt das Eisbein in Aspik. Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg‘.“

Horst lachte laut auf: „Nun ist aber genug mit dem Gedöns. Kommen wir packen jetzt zusammen und trollen uns nach Hause …

 

Dieser Text verdankt viele Daten und Fakten den folgenden zwei Büchern:

1. Hans-Jürgen Lueken ‚April 45: Ein Anfang. Britische Militärverwaltung und Militärjustiz. Spruchgericht Bomlitz-Benefeld. Entnazifizierung im Landkreis Fallingbostel. Stiftung Geschichtshaus Bomlitz, Mai 2012

2. Frederick Taylor: Zwischen Krieg und Frieden. Die Besetzung und Entnazifizierung Deutschlands 1944 – 1946. Berlin 2011

3 Kommentare

  1. Bevor Ihr lange suchen müßt:
    höögen => erhöhen, anhöhen, steigern; steigen
    (http://neon.niederlandistik.fu-berlin.de/de/plattdeutsch/wb?such=h%C3%B6%C3%B6gen)

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