Journalisten, insbesondere wenn sie über das Ausland schreiben, denen geht es oft wie mir: Sie sitzen daheim oder in der Redaktion vor ihrem knarzenden Schreibtisch und sollen dennoch den Leser ‘hautnah’ packen. Das Substantiv allein genügt ihnen dann nicht mehr, nahezu unvermeidlich wird jedes Hauptwort mit einer Charakterisierung und Wertung verbandelt. Wenn’s wenigstens noch ungleiche Ehen wären – zumeist aber sind sie so vorhersagbar wie der Sonnenaufgang: Müllers Heidi heiratet Meiers Krischan …

Im Fall des Irak wären also die Klerikofaschisten der Isis keineswegs nur ‘Kämpfer’, nein, es sind allemal “brutale Kämpfer”, obwohl doch auch der Philipp aus Dinslaken dort herumirrt, dem in einer Moschee das Hirn gewaschen wurde. Und wenn ich mit dem Zählen eingenommener Städte nicht mehr nachkomme, dann wurden allemal “zahlreiche Städte” erobert, ein kleiner Zusatz, der bei aller Unbestimmtheit doch die Größe der Bedrohung maximiert, obwohl es faktisch in diesem Zeitraum nur zwei oder drei Städtchen waren. Und die Regierungstruppen kämpfen niemals bloß gegen all diese Söldner, nein, sie kämpfen stets unter “härtesten Bedingungen”. Wie auch sonst, Herr Superlativus?

Ähnlich geht’s im Sportteil zu: Das Wörtchen ‘Fußballstar’ wäre ja eigentlich kaum zu überbieten, aber dort im Hurra-Ressort werden diese Millionarios adjektivisch immer noch ein wenig mehr aufgebrezelt: Es sind natürlich “große Fußballstars” – wahrscheinlich alle mit einem Gardemaß von zwei Metern. Und es handelt sich im Sport auch nicht schnöderdings um ‘Profis’, der gewiefte Sportreporter verwandelt sie gewohnheitsmäßig in “echte Profis”. Alle anderen dagegen sind bloß “normale Spieler”, also ‘falsche Profis’, die nur Geld abstauben, statt auf dem Platz um ihr Leben zu dribbeln, als wären sie nicht mehr ‘normal’.

Wechseln wir zum Wirtschaftsteil, wo die Manager nicht einfach nur irgendwohin fliegen, nein, sie sind allemal “persönlich nach Paris geflogen”. ‘Unpersönlich’ wäre wohl auch ein Unding. Konzerne, die sich vermählen wollen, schließen nie bloß eine ‘Allianz’, eine “umfassende Allianz” sollte es in Deutschlands Redaktionen schon sein. Und ‘Arbeitsplätze’ sind zwar wichtig, noch schöner aber wirken allemal “zusätzliche Arbeitsplätze”. Tscha, was ein Adjektiv doch ausmacht … ich könnte diese Reihung ohne Ende fortführen.

Diese Zwangskombiniererei trifft natürlich nicht nur auf Redakteure zu, sondern bspw. ebenso auf das Kommentariat der Putin-Fanboys: Wer die Kiewer Regierung nicht flugs mit dem Beiwort ‘faschistisch’ bedenkt, wer jedwede Propaganda nicht als ‘westlich’ charakterisiert, wer nicht jeden Beitrag, der ihm nicht passt, mit dem Etikett ‘unseriös’ versieht, der ist auch kein ‘wahrer’ Troll. An ihren Adjektiven könnt ihr sie erkennen …

Um nicht missverstanden zu werden: Ich eifere hier nicht gegen Adjektive und Adverbien generell. Die dritthäufigste Wortart im Deutschen darf man nicht in die Tonne treten. Mich langweilen aber diese vorhersagbaren Kombinationen, dieses journalistische Pret-à-porter. Wobei wiederum mein ‘journalistisches Pret-à-porter’ zeigt, worauf ich ziele: Ein Wort aus dem Textilgewerbe wurde mit einem Adjektiv aus der Tastatur-Zunft verkoppelt. Mit der Garantie, durch Entlegenes und Unerwartetes mehr Leseanreiz zu schaffen …