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Halbseitig reden

Drei Qualitäten, die jeder Personaler an Bewerbern sucht – aber nie darüber spricht” – mit dieser grammatisch leicht fragwürdigen Headline eröffnet die ‘Karrierebibel’ derzeit ihren Blog. Im Text folgen dann drei höchst geheime Ingredenzien namens ‘Integrität’, ‘Sympathie’ und ‘Courage’. Näheres möge jeder an Ort und Stelle selbst nachlesen.

Was mich frappiert, ist das übliche Paradox hierarchischen Denkens, die unausgesprochene Differenz zwischen denen ‘drinnen’ und denen (noch) ‘draußen’: Jeder Personaler suche demnach angeblich etwas, was er selbst noch nicht einmal im Ansatz und schon gar nicht vom Charakter her erfüllen darf. Solange er bspw. “nie darüber spricht”, erfüllt er weder die beschriebenen Kriterien der ‘Integrität’, noch diejenigen der ‘Courage’, und ‘sympathischer’ macht ihn sein doppeltes Spiel auch nicht gerade.

Der ganze Text ist mal wieder restlos schizophren – ein typischer Fall für das halbseitige Denken unserer Lebenshelfer in der ‘Personalberatung’. Für die Machtlosen gelten demnach andere Regeln als für die etablierten Machthaber hoch oben auf der Karriereleiter. Es mag ja sein, dass solche Regeln im Berufsalltag und bei der Personalauswahl höchst hinderlich wären – aber warum verlangen Personaler diese Eigenschaften dann angeblich von Bewerbern, die gleich ihnen im Unternehmen später auch Karriere machen und ebenfalls gottgleich werden sollen?

Naja, vielleicht kommt ja noch mal ein Text zu jenen Qualitäten, die ein Bewerber von einem Personaler erwartet …

6 Kommentare

  1. Jochen

    Das ist aber eine reichlich hanebüchene Analyse.

    Gleich zu Beginn werden Klischees geritten und verallgemeinernde Unterstellung gepflegt, was Personaler alle nicht sind. Du scheinst sie ja alle zu kennen. Chapeau.

    Dann der Kurzschluss, wer nicht drüber spricht, erfüllt die Kriterien nicht. Wunderbar eindimensional. Womöglich spricht derjenige nicht darüber, weil er es stillschweigend voraussetzt, oder weil das unter AGG-Gesichtspunkten problematisch wäre zuzugeben, oder…

    Aber gut, Schreiben ohne nachzudenken, ist einfacher. Und nur weil man das im Internet kann, heißt das noch lange nicht, dass es klug wäre.

  2. Klaus Jarchow

    Na, na, na, Jochen, du sprichst doch gleich schon in der Headline von “jedem Personaler”, also von ‘allen’ – und gar nicht ich. Demnach kennst eher du sie alle, schwingst dich höchstselbst aufs Klischee und reitest es dann, in meinen Augen, logisch zuschanden.

    So beißen sich Kriterium eins und zwei satzlogisch nun mal in den Schwanz: Da ist der Personaler, der angeblich ‘offene’ Menschen präferiert, selbst aber nicht ‘darüber spricht’, wie du verkündest, ein Mann also, der selbst nicht ‘offen’ ist. Weshalb er – unter 2. – dann ‘seinesgleichen’ sucht. Merkst du was? Oder aber er meint, dass ein Bewerber diese bei der Einstellung noch höchst erwünschten Eigenschaften auf dem weiteren Berufsweg dann schnellstmöglich wieder ablegen soll, damit er zu den anderen kompatibel und damit ‘seinesgleichen’ wird. Und warum unterliegt ein Bewerber eigentlich nicht diesen “AGG-Empfehlungen”?

  3. Jochen

    Naja, die Überschrift ist ja nun mal eine Zuspitzung, die neugierig machen soll. Da sind Verallgemeinerungen üblich und für den intelligenten Leser auch als solche erkennbar. Damit zu argumentieren ist allerdings etwas anderes.

    Ich weiß auch nicht, was das für eine seltsame Logik sein soll, dass jemand der über etwas nicht spricht automatisch nicht offen ist? Sprichst du hier über dein Sexualleben? Aha, du bist also logischerweise ein total verklemmter Mensch und Sexmuffel! Jedenfalls nach deiner “Logik”. Merkst du was? Genau: Das ist digitales Denken – zwischen Null und Eins.

    Fakt ist: Das Eine hat mit dem anderen aber nichts zu tun. Es sei den man liebt es, sich was zusammen zu konstruieren.

  4. Jeeves

    “Irgendwie” muss ich Jochen Recht geben. Die kleine “Halbseitig”-Glosse erscheint mir etwas konstruiert oder gar hanebüchen.
    Dass “Personaler” (heißen die wirklich so? Ich bin selbständig und deshalb ohne Erfahrung) oft unsympathisch sind oder sich manchmal gottgleich benehmen, kann ich mir allerdings vorstellen. Gibt’s auch andere? Viele? Ich hoffe doch.

  5. Klaus Jarchow

    @ Jochen: Der ‘verschlossene Mensch’, was ja ein Quasi-Synonym für den schweigsamen Typus wäre, gilt (neben dem gleißnerischen Schwatzberger à la Guttenberg) als der Prototyp für Nichtoffenheit und Undurchschaubarkeit schlechthin. Er ist ein Agent, aber kein Akteur. Wer nicht kommuniziert, kann grundsätzlich nicht offen sein. Deswegen überreichen Journalisten gewissen Presseabteilungen ja auch die “verschlossene Auster”. Wer allerdings kommuniziert, könnte ebenfalls ‘nicht offen’ sein, was zum Exempel für den Lügner zuträfe. Um deine situative Logik mal umzukehren: Wenn der Kandidat bspw. ‘Lücken’ in seiner Biographie nicht aufklärt, sondern ihre Ursache bewusst beschweigt, dann wäre er trotzdem ein offener Mensch? Ich weiß ja nicht …

    Für die Headline gilt: Sie ist keineswegs nur für den ‘intelligenten Leser’ da, sie muss auf dem Sinn des Textes ‘sitzen’ wie der Schuh am Fuß, sie darf ruhig mal witzig oder wortspielerisch sein, sie darf auch die These zuspitzen, sie darf sie aber nicht verfälschen, die Aussage muss also weiterhin ‘richtig’ sein und die Sache treffen …

  6. Dierk

    @Jochen

    Transparenz und Offenheit bedeuten nicht, IMMER über ALLES zu reden. Die Frage ist, ob ich in einem gegebenen Kontext notwendige und hinreichende Informationen weitergebe.

    Die besprochene Situation – Bewerbungen und Vorstellungsgespräche – ist eine unsymmetrische, in der einer relativ viel Macht hat, die andere so gut wie gar keine.* Da ist es schon i.O. dem Bewerber gewisse Freiheiten zuzugestehen, z.B. nichts über mögliche Schwangerschaften oder Krankheiten sagen zu müssen, während der Personaler eigentlich jede Frage ZUM UNTERNEHMEN offen und ehrlich beantworten sollte.

    In der Praxis dürfte das ganz anders aussehen.

    *Da kann man sich sicherlich viel schön reden und über vage Pseudophilosophie belegen, dass dies nicht stimmt oder sogar umgekehrt ist. ‘Newspeak’ nannte George Orwell das.

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