Stilstand

If your memory serves you well ...

Für den Zettelkasten (36)

Anfang Juni 1911 erwähnten die Italiener gegenüber der britischen Regierung die “Schikanen”, denen italienische Untertanen in Tripolis angeblich durch die osmanischen Behörden ausgesetzt waren (es war Standard, dass die europäischen Mächte ihre kolonialen Eroberungen und Raubzüge mit der Behauptung rechtfertigten, ihre Anwesenheit sei notwendig, um Staatsangehörige vor Misshandlungen zu schützen).”
Christopher Clark: Die Schlafwandler, 322

Irgendwie kommt mir das Muster bekannt und höchst aktuell vor …

9 Kommentare

  1. yiha!

    ein tolles buch, isn’t it?

    in meinem lieblingszitat weist er darauf hin, daß das alles männr und ihre ehrpuseligkeit waren, die uns dahin führt (gegen ende, wenn er resümiert)

  2. Nö, ein ziemlich öder Schinken für die Doofen, die glauben, Geschichte würde »durch Männer« gemacht. Theoretisch sollten diese Anschauungen seit dem 19. Jahrhundert aus der Mode gekommen sein. Das sie es nicht sind, ist eine Frage des Publikums, nicht der historischen Wissenschaften an sich. Clark als schönes Beispiel eines glänzenden Schriftstellers und lausigen Analysten bezaubert sein reaktionäres Publikum – und das schreit Hurra – durch die Zeit des Kaiserreiches als Kostümprobe. Das geht als Erkenntnis gerade noch durch und verschont den Leser mit komplexen Zusammenhängen.

    Seine Thesen der unschuldigen Schlafwandler: Widerlegt seit Ende des ersten Weltkrieges. Und zwar so gründlich widerlegt, daß man schon die Dolchstoßlegende als historische Wahrheit akzeptieren muß, um solchen Gedankenspielereien irgend einen Nutzen abzugewinnen. Der Nutzen freilich ist da: Kriege als gottgewollte, unvermeidliche »Schliddereien«, bei denen am Ende niemand die Verantwortung tragen muß. Man schlafwandelte. Das ist die Botschaft, die in ihrer Primitivität zum Erfolg dieses Buches führte.

    Ein tolles Buch. Es funktioniert.

  3. @panty

    gäääähn ….

  4. alles hier gesagt, den autor mochte ich schon mitte letzten jahres, als die englische verson rauskam und er in interviews im dlf auftauchte, da war an einen erfolg in deutschland noch nicht zu denken und … davon einmal abgesehen, interessiert mich deine wirre sicht auf die dinge recht wenig, die im grunde nicht das ergebniss von so etwas wie “wissen” oder “kenntnis” ist. halt so eine von diesen “meinungen” und das ist langweilig.

    hast du es überhaupt gelesen oder gehört?

    ich befürchte nein.

  5. @pantoufle

    Schade nur, dass die Botschaft des Buches alles andere als primitiv oder simpel ist. Natürlich müsste man es dazu gelesen haben – was vermutlich nicht einmal die feuilletonistischen Kasper Deutschlands taten, auf deren Bleiwüsten offenbar ihre Einschätzung basiert.

  6. @ pantoufle: Ein ‘Schinken für die Doofen’ kann es schon deshalb nicht sein, weil ein Doofer das Buch nicht anfangen, geschweige denn durchlesen könnte. Von Heinrich von Tratschkes These und seiner Bismarck-Lobhudelei, wonach ‘Männer Geschichte machen’, ist darin nicht ein Hauch zu finden. Schon eher: ‘Flächendeckender Zwergwuchs versaubeutelte die Geschichte’. Es handelt sich – wenn überhaupt ein Nenner gefunden werden kann – um eine überfällige Ausweitung der Fischer-These … klar ist nur, dass du es auch nicht gelesen hast.

  7. @klaus

    [..] Ausweitung der Fischer-These

    ich weiss nicht, ob man das _so_ sagen kann.

    fischer hebt ja, ohne daß er das beabsichtigt, durch seine “griff nach der weltmacht”-these den teutonen doch wieder an die “weltspitze”: wenn wir schon nicht durch kultur und produkte die “besten” sein können, dann sind wir wenigstens die schlimmsten verbrecher – und das sehe ich durchaus problematisch, nicht weil ich auch nur ein gran ausschwitz oder metzelei in belgien zu anfang von WK1 abstreichen möchte, sondern weil mir die (hier negative) geltungssucht gehörig gegen den strich geht.

    das eigentliche “vergehen” clarkes ist, daß er uns teile dieser attitüde aus den händen schlägt und einordnet in eine welt, in der _männer_ eben in ihren ritualen und bildern baden, weil sie es nicht besser wissen. deshalb finde ich ja seinen expliziten verweis auf diesen aspekt so stark.

    aber, daß panty das buch nicht gelesen hat und sich bloß aus den rezensionen, die ihm wiederum ins bild passen, eine ihn sich selbst affirmierende “meinung” konstruiert hat, dürfte offensichtlich sein.

    ich jedenfalls bin froh, daß die gerade agierenden zwerge dieses buch wohl (fast) alle gelesen haben, das dürfte einiges zu der vorherrschenden ruhe angesichts doch durchaus dramatischer umstände erklären: keiner will einen schritt zu weit gehen und alle ins chaos stürzen – nur zu dumm, daß auf der anderen seite einer sitzt, der wie der gröfaz austestet, wie weit er gehen kann.

    was panty und die putinisten nicht zu verstehen scheinen: man muss immer beide seiten oder eben (nach clarke) alle seiten mit der selben skepsis beäugen.

  8. Naja – Clark hat ja nur die Vorgeschichte des Krieges im Auge. Und Fischers ‘Alldeutschen Verband’ und den anderen Imperialisten bei uns stellt er bspw. die serbische Militärmafia und die russischen Panslawisten zur Seite, den Trotteln bei uns wie Willem Zwo und Bülow dann den Grey, den Poincaré etc. anderswo. Von den Kriegsgräueln ist in seinem Buch gar nicht mehr die Rede. Dazu muss man anschließend Leonhards ‘Büchse der Pandora’ lesen.

    Insofern war der ‘Griff nach der Weltmacht’ schon ein paneuropäisches Vorkriegsphänomen … jeder wollte sich vom ‘kranken Mann am Bosporus’ ein Filetstück zur Arrondierung herausschneiden, und man schloss unkluge Bündnisse, die den Bündnisfall bei jedem Trallafitti für alle nahezu unausweichlich machten. Dass der erste Weltkrieg als “dritter Balkankrieg” begann, wie Clark schreibt, ist insofern schon richtig. Man könnte auch sagen, alles begann vielleicht schon 1911, als Italien in Libyen zu metzeln begann. Falsch finde ich eigentlich nur den Titel seines Buches, das waren keine ‘Schlafwandler’, die waren hellwach, nur eben alle ein wenig unterbemittelt.

  9. @klaus

    darüber, daß man münkler und leonhard ebenso berücksichtigen sollte, um sich einen gesamteindruck zu verschaffen, sind wir uns wohl einig. leonhard wird ja in dem bereich der kritik, den ich ernst nehme, begeistert gefeiert und münkler hat eine veritable fleissarbeit abgeliefert – afaik, ich kenne nur ausschnitte und eben die (seriöse) rezeption, während ich mir clarke mehrfach “zu gemüthe” geführt habe – mit wachsender begeisterung.

    als ich deine antwort las, dachte ich: lustige parallele, heute starren auch alle auf unsere berichterstattung … und nicht auf die in den russischen medien zb. es ist so – und panty kann hier ja als glorioses beispiel gelten – daß “wir” unbedingt die schlimmsten, bösesten, schrecklichsten hunnen von allen sein müssen, damit “wir” uns “wohl” fühlen, masochismus pur.

    ds mit den “schlafwandlern” finde ich schon okay. sieht man mal von poincare ab erkenne ich da ein “halb zog er sie halb sank sie herab”. so frankophil ich sein mag, mich hat diese geschichte mit der reise samt ministerpräsidenten (der vor ort einen nervenzusammenbruch erleidet, als ihm klar wird, was gespielt wird) ziemlich erschüttert und an meinem verständnis der dinge genagt. rachsucht pur.

    auf welchem level die dinge passierten, sieht man am besten an greys “die wollen uns ins wasser schubsen und die klamotten klauen” – das ist die atmo eines dorfplatzes, auf dem sich jugendliche schläger versammeln und … schlafwandlerisch … nicht wirklich ahnen, wohin sie das führen wird: am ende sind alle imperien zertrümmert (zu unser aller nutzen “über die bande”?)

    aber okay, das ist jetzt “verhandlungssache” und ich würde mich da nicht streiten wollen. oder gar die notwendigkeit, mir bei gelegenheit leonhard zuzuführen 😉

    panty braucht das nicht, er weiss ja bescheid …

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