Stilstand

If your memory serves you well ...

Flüchtig und irrelevant?

Ha – diese Blogtexte, die seien doch schnell hingehuscht und bloß für den Moment geschrieben! So lautet ein gängiges Vorurteil, vor allem derjenigen, die sich diesem fuuuchbaa’n Netz nur von Journalisten am Patschehändchen geführt nähern mögen. Die Zeitung dagegen, öhem! die sei dagegen – – – hmmm! die sei dagegen? – – – nun eigentlich sei die ja auch bloß für den Papierkorb geschrieben. Jedenfalls dann, wenn einer dieser hochverehrten Vorurteilsträger mal kurz seine holzfarbene Brille abnehmen möchte, um auf die Realien zu blicken: Die Zeitung wandert am nächsten Tag schon ins Altpapier und ab ins Nirwana, Blog- und Online-Texte erscheinen dagegen nach Jahren noch auf dem Bildschirm, weil die große Gurgelmaschine einfach nichts vergisst. Google hat nämlich den Papierkorb zu seinem Archiv ernannt – und leert ihn niemals aus …

Das Dahinsterben der Holzmedien führt daher keineswegs zu mehr Huschhusch- oder Wie-gerülpst-so-geschrieben-Texten. Genau andersherum wird ein Schuh daraus. Nur hat sich das noch nicht recht herumgesprochen: Während ein Holzjournalist sich um sein Elaborat keinen großen Kopp machen muss, weil für ihn am nächsten Tag immer Aschermittwoch ist, da sind online alle Texte ein Produkt wie Rotwein – sie reifen im Netz. Ein Roman Libbertz kriegt dann nach Jahren plötzlich erneut eine höchst fragwürdige Publicity, weil ein anderes Blog neu auf einen älteren Beitrag anderswo verlinkte. Kurzum: Blog-Content never dies …

Phänomene wie das Reputation Management schießen unter diesen Umständen nicht ohne Grund ins Kraut: Es geht darum, jene unangenehmen Informationen wieder aus dem Netz herauszukicken, die sonst unverrückbar und ewig dort stünden. Information im Netz – sagen wir’s norddeutsch derb – die ‘klebt an den Hacken wie Schifferscheiße‘.

Damit erhöhen sich für alle Schreiber die Sorgfaltspflicht wie auch das Risiko. Einerseits. Zugleich wächst andererseits der ästhetische Anspruch an jeden Text. Ein Schreiber konkurriert nicht nur mit anderen tagesaktuellen Texten, in gewisser Weise konkurriert er immer auch mit der gesamten literarischen Netzvergangenheit. Information altert einfach nicht mehr – zumindest nicht in jenem Bereich jenseits der eventbezogenen Hechelberichterstattung und des PR-Gedudels unserer redaktionellen Monosynapsen.

Was wiederum bei Verlegers unterm Sofa sich nur ganz allmählich herumspricht – die möchten im Netz weiterhin ihren billig produzierten Content verwursten, während sie ihre medialen Edelholz-Transporter für qualitativ hochwertige Essais, aufwendige Fotostrecken, für Reportagen und Features reservieren. Das aber ist ein verdrehtes Denken, das dem gesunden Menschenverstand und den Fakten schlicht Hohn spricht!

Als Beispiel nehme ich hier die neuen FAZ-Blogs, wo immerhin – wie beim Freitag auch – ein wenig frisches Denken Einzug hielt, wo die Redaktion also mit einer Mischung aus Journalisten und Bloggern herumexperimentiert: Während der Gewohnheitsjournalist in diesen FAZ-Blogs mit ein, zwei Kommentaren vorlieb nehmen muss, räumt ein ausgewiesener Blogger wie Don Alphonso mit seinen wenigen Beiträgen in der Tausenderliga mördermäßig ab – während das FAZ-Blogsystem unter dem Leseransturm ächzt und nach einem vierspurigen Ausbau quakt. Weshalb? Weil der Mann schreiben kann, was zugleich heißt, dass er anders denken kann, dass er anders formulieren kann, dass er gern Vorurteile provoziert, dass er selbst in seinen Texten zu entdecken ist, dass er dem FAZ-Gewohnheitspublikum auf die Hühneraugen tritt … und und und.

Anders ausgedrückt: Wer beabsichtigt, ins Web 2.0 zu schreiben, der schreibt für die Ewigkeit – im Grunde so wie ein Schriftsteller auch. Oder aber, er schreibt daher wie der Kalle Krawunkel auf seiner mentalen NSU Quickly. Dann wirkt er aber auch genau so. Wer wiederum – dank der großen Gurgel-Maschine – automatisch für die Ewigkeit zu schreiben gezwungen ist, der darf nicht mehr für den Tag daherlabern und in Sprachstanzen wühlen wie irgendein gewöhnlicher dpa-Journalist auf seinem Holzmedium, dieser alten Rosinante.

Hoam’s mi?

10 Kommentare

  1. Oder auch nicht. Gegen die bleibenden Spuren steht die Flüchtigkeit des Elektronischen. Beide haben ihre Rechte. Viel ist heute für die Ewigkeit – klein ist sie geworden.

    In Sachen Zeitung bereiten wir (Franziska und ich) uns auf das Ende vor: wir suchen Ersatz für den Boden des Meerschweinchenkäfigs.

  2. Nachtrag. a) Eingelagert: ein Uraltcomputer für die Textadventures. b) Über einen Bewerber fand ich heraus, dass er Leute beleidigt hatte, via CompuServe, 1992. Das Datum war viel wichtiger als der Inhalt.

  3. Nun ja, ich hoffe, dass mir meine eigene Blödheit in 20 Jahren nicht mehr unerwartet begegnet. Ich bin ja schon mit meinen Texten von vor fünf Jahren nicht mehr (stilistisch) einverstanden. Das geht den Journalisten (ohne Gänsefüßchen diesmal, denn es gibt auch gute), sicherlich (hoffentlich) ähnlich.
    Das Thema ist aber zu gut, um es so salopp zu behandeln, desdawegen gehe ich noch mal in mich. Hoffentlich finde ich da was …

  4. @ dirk: Für Meerschweinchen dann nur feinste Satin-Bettwäsche, die Viecher brauchen einfach Qualitätsmedien!

    @ Mike: Vor allen Dingen – wie sprichst du sie an, deine eigene Blödheit, wenn sie dir unerwartet begegnen sollte. Nach immerhin zwanzig Jahren! “Hallo, du – dumm gelaufen damals … aber schön war’s doch!”

  5. Na ja,
    ob der real realisierter Ewigkeitsanspruch wirklich zu mehr Qualität zwingt?
    Als ich zur Jahrtausendwende entdecken musste, dass so was wie die Wayback-Machine sogar längst vollständig vernichtet geglaubte Ergüsse inklusive Genese konserviert, da habe ich mich einfach zur Schamlosigkeit entschlossen. Was blieb mir anderes, es war zu spät.

  6. Und ist der Ruf erst ruiniert,
    dann schreibt’s sich vollends inspiriert …

    😉

  7. Diese Art ‘Ewigkeitsgarantie’ hilft einem aber auch, hilft jedem Interessierten, sich der eigenen Entwicklung zu versichern. Leicht lässt sich so erkennen, welche Fortschritte man als Schreiber gemacht hat – oder eben nicht. Und die Jugendsünden verlieren mit größerem zeitlichem Abstand doch immer mehr an Relevanz. Jedoch sollte man sie im Auge behalten, um nicht übermütig zu werden.

    Mich begeistert dieses Medium mit all seinen Tücken immer wieder, auch weil es so leicht ist, sich mit seinen altbackenen Produkten zu konfrontieren: Texte die ich vor fast vierzig Jahren in Print geschrieben habe, sind inzwischen nur noch mit erheblichem Aufwand zugänglich (oder zerkrümeln mir zwischen den Fingern). Hier reichen einige Mausklicks…

    Natürlich gibt es auch jene, die sich weder um den Tag, noch um die Vergangenheit scheren.

  8. Also ich habe nichts gegen Zeitungen. Eben sind die Handwerker gekommen, müssten Bad der Reparatur unterziehen. So habe ich den kompletten Flurboden mit Zeitungen belegt, damit Parkett nicht beschädigt wird. Also, Zeitungen machen das Leben einfacher: Parkettboden bleibt (dank Zeitungen) unbeschädigt, die Handwerker reparieren das Bad, ich lese in Zwischenzeit Blogs – also locus amoenus hoch zwei.

    Ich habe sogar einen neuen Verb von Handwerker gelernt: flexen.

  9. @ Merzmensch:
    Für den Klempner ist das Flexen
    das, was einst dem Magier das Hexen …

    @ Xiongshui: Nicht nur der Schreiber kann sich der Fortschritte vergewissern, dummerweise auch jeder andere. Die Leute werden daher lernen müssen, sich offensiv zu ihrer Biographie zu verhalten, ja, sich überhaupt erst einmal eine Biographie zuzulegen. Und das ist nun mal kein ‘Paint by Numbers’. Alles ‘Reputation Management’ ist dagegen nur ein Notbehelf für Leute mit einem Putzfimmel …

  10. :-))
    Ich glaube wir steuern überhaupt auf eine Aera des öffentlichen Lebens zu – die Jugend hat schon keinerlei Bedenken mehr, alles in der Öffentlichkeit abzuhandeln – in Asien ist so etwas wie ‘Privatsphäre’ seit jeher unbekannt. Vielleicht werden auch so die Schnüffler matt gesetzt, die heute noch Kapital aus den ‘kleinen Geheimnissen’ ihrer Mitmenschen schlagen. Dort wo alles öffentlich ist, gibt es keinen Raum für Erpresssung.

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