If your memory serves you well ...

Fisting im Alltag

Das Wort ist nie der Sache gleich: Das gilt selbst für ein ‚Buh-Wort‘ wie Fisten, das brave Bürger eher der Welt der Darkrooms und Domina-Studios zurechnen. Denn bei näherer Überlegung habe auch ich einen anderen Menschen schon ‚gefistet‘ – und ich bin auch schon ‚gefistet worden‘. Und das, obwohl ich meine Methodik der Triebabfuhr eher der biederen Welt des heterosexuellen Gänseblümchen-Sex zurechnen würde. Hier der Beweis …

Lang, lang ist’s her – da gab es unter jungen, gebildeten Menschen eine wahre Blütezeit beim ‚ökologischen Lebensstil‘. Aufgeklärte Frauen nahmen keine Pille mehr, auch das Kondom mitsamt seiner Chemie war verhasst, folglich kam nur ein Diaphragma in Frage. Denn der Trieb, der blieb. Meine Freundin seinerzeit und ich kauften uns ein solches Ding und übten die „partnerorientierte Anwendung“, so wie die Gebrauchsanleitung dies befahl. Schließlich konnte das wabblige Gummi-UFO nur unter akrobatischen Verrenkungen von der Frau selbst implementiert werden. Auf diese Weise lernte ich die Besonderheiten der weiblichen Anatomie näher kennen, während ich ‚tongue in cheek‘ versuchte, dort in den Tiefen mit einer eingecremten Schale aus Naturkautschuk den Muttermund zu angeln. Der Effekt war geradezu anti-erotisch: Oft tranken wir, weil das flutschige Ding unter großem Hallo wieder quer durchs Zimmer gesegelt war, zunächst einen Tee, um die verflogene Stimmung wiederaufzubauen.

Mit 40 Jahren ging ich dann zum Urologen, zur ersten Routine-Untersuchung meiner Prostata, weil mir der Hausarzt dies mit eindringlichen Worten empfohlen hatte. Der folgende ‚Eingriff‘ lief exakt so ab, wie ihn Witz und Zote zeichnen: Ich beugte mich auf einem eisig kalten Blechtisch vor und der Handschuh des Herrn Dottore verschwand in meinen Kaldaunen, um dort die intimste Stelle des Mannes ausgiebig zu knuffen und zu knautschen. Drei Tage lief ich wie John Wayne herum.

Nicht der Vorgang ist es also, der das Wort ‚Fisten‘ zum No-Go in guter Gesellschaft macht. Es sind die Konnotationen, die jedes Wort unweigerlich mit sich schleift, wie das Schiff sein Kielwasser. Der Vorgang selbst aber ist zumindest der Hälfte aller Männer in den besten Jahren wohlbekannt. Sie nennen es nur nicht ‚Fisten‘, weil dies ihr sexuelles Selbstbild doch arg lädieren würde. Sie nennen es wahlweise ‚Vorsorgeuntersuchung‘ oder ‚partnerorientierte Anwendung‘ – womit sie gewissermaßen eine PR-Technik aus dem Euphemismus-Genre anwenden. Was an dem Vorgang allerdings angenehm oder gar erotisch sein soll, das muss mir erst einmal jemand erklären.

2 Kommentare

  1. Mrs. Mop

    Guten Abend.

    Der Satz im letzten Absatz “Was an dem Vorgang allerdings angenehm oder gar erotisch sein soll…” – welchen Vorgang meinten Sie jetzt? Den beim Urologen oder den, nun ja, jenen anderen “Vorgang”, Sie wissen schon?

    Weil, der Vorgang beim Urologen ist natürlich genauso wenig angenehm oder gar erotisch wie der entsprechende Vorgang beim Gynäkologen. Hat das gar irgend jemand behauptet? Wer, um Himmels willen?

    Bin leicht verwirrt ;).

  2. Klaus Jarchow

    Ich auch.

    😉

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