If your memory serves you well ...

Fakten vs. Erzählung

Auch große Sprachmeister liegen gelegentlich neben der Spur mit ihrem Gespür. So steht bei Helmut Heißenbüttel eine Goethe-Parodie am Anfang seiner Erzählung von ‘D’Alemberts Ende’: “Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München-Hamburg …“. Das ist natürlich bis zur Namensgleichheit hin eine Parodie auf diesen berühmten Beginn der ‘Wahlverwandtschaften’:

“Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stämme zu bringen”.

Wo aber bei Goethe alles im Ungefähren verbleibt – wir erfahren zum Beispiel nicht, welche Stunde an einem beliebigen Aprilnachmittag denn wohl die schönste sei, wo die Handlung überhaupt spielt etc. – da geht es bei Heißenbüttel viel präziser zu. Und es ist wiederum diese Faktizität, die den Text erzählerisch in meinen Augen schon von der Startlinie weg lahmen lässt:

“Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter – Eduard hatte im D-Zug München Hamburg (Ankunft Hauptbahnhof 21.19) die schönsten Stunden eines Julinachmittags (25. 7. 1968) zugebracht und betrachtete mit Vergnügen die Gegend zwischen Lüneburg und Harburg”.

Ankunftszeiten, der Ort, das exakte Datum – Heißenbüttel flutet seinen Text geradezu mit journalistischen Tatsachen. Wir erfahren sogar von einem allwissenden Verfasser, dass sein Held ‘mit Vergnügen’ aus dem Fenster schaut. Zugleich zerbröselt unter dem informationellen Störfeuer all dieser Fakten unsere Teilnahme am Text. Weshalb ist das so?

Meiner Meinung nach deshalb, weil die ‘Teilnahme’ des Lesers zu einem guten Teil aus ‘Mitarbeit’ bestehen muss: Er ‘erfindet’ sich seinen Teil der Erzählung hinzu, er ‘malt sich eine Geschichte aus’ – und er fühlt sich auch nur wohl, wenn er das kann. Solche Ko-Architektur des Lesers wird aber nur funktionieren, wenn die Textur der Geschichte ihm dafür genügend Raum lässt. Ein narrativer Ort, wo jeder Winkel schon vom Autor höchstselbst vollgestellt wurde, der lässt einem Leser keine Entfaltungsmöglichkeit für dessen Imagination.

Anders ausgedrückt: Zu viele Fakten stören die Kommunikation zwischen Autor und Leser – zumindest kann dies manchmal der Fall sein. Wie in diesem Beispiel. Im Grunde beruht der literarische Rang eines Textes unter anderem darauf, mit wie wenig Fakten ein Autor im Leser das Gefühl von ‘Wirklichkeit’ erwecken kann.

3 Kommentare

  1. Mike

    Sehr guter Tipp, danke. Kann ich gerade gut gebrauchen.

  2. MartinM

    Das ist nach meiner Beobachtung typisch für viele Science Fiction- und Fantasy-Romane – die Phantasie des Lesers wird in Details regelrecht ertränkt. Allerdings kann man den Schreibern von SF und Fantasy noch zugute halten, dass sie exotische Schauplätze und ungewöhnliche Situationen schildern – ähnlich wie es die Schreiber der Abenteueromane des 19. Jahrhunderts taten. Und in der Tat gibt es in diesen Genres Autoren, die es mit geschickten Schilderungen schaffen, exotische Szenarien vor dem inneren Auge des Betrachters entstehen zu lassen. Leider gibt es in Abenteuerliteratur (im weiteren Sinne) zu viele schlechte Vorbilder, denen zu vielen Schreiber nacheifern. Ich denke da zum Beispiel an Karl May und seine endlosen Schilderungen, wie wer und wieso gekleidet ist.
    Im Kriminalroman gibt es die Faustregel: “Wenn ein Revolver beschrieben wird, dann muss mit ihm auch geschossen werden”. Zumindest habe ich als Leser die Erwartung, dass diese Details irgendwann einmal wichtig werden könnten. Hätte Heißenbüttel einen Krimi verfasst, dann “wüsste” ich als Leser, dass die vielen journalistischen Details entweder für die Ermittlungen wichtig sein werden – oder ein billiger Trick sind, um einen “mitfahndenden” Leser hinters Licht zu führen.
    Dass Dumme ist nur: Heißenbüttel schreibt weder einen Abenteuerroman noch einen Krimi.

  3. Klaus Jarchow

    Klar – statt uns die genaue Funktionsweise eines “Neutrino-Hyperlaser-Antriebs” im Sternschiff ‘Heureka’ pseudo-physikalisch zu erläutern, würden sich viele SF-Autoren besser auf Fragen des kulturellen Aufeinandertreffens oder der Fortschreibung aktueller Fehlentwicklungen in die Zukunft hinein beschäftigen.

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