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Es rumort im Journalismus

Tausendfach schreiben sie’s hin – und sie meinen allemal, dass es im Hintergrund ein vernehmliches Murren und Munkeln gegeben hätte – eine gewisse Unruhe. Dabei ist die Wortbedeutung des ‘Rumors’ eine andere. Der Rumor erzeugt einen infernalischen Krach, als wenn ein fluchender Alkoholiker in einer gekachelten Großküche tausend gußeiserne Kochtöpfe umtreten würde. Lärm, Getöse – das ist in etwa die Wortbedeutung des ‘Rumors’. Ramentern, rumbollern, krakeelen, vandalieren – das wären Verben, die sich halbwegs synonym einsetzen ließen.

So aber meint’s der deutsche Journalist heute nicht mehr – bei ihm gibt es allenfalls ein “Rumoren hinter den Kulissen”, was höchstens den Theatervorhang in sanfte Wallung versetzen kann. Weit abseits der Wortbedeutung züchteten sie sich aus altem Kraut ein neues Pflänzchen, das für den Gebrauch im ‘modernen Qualitätsjournalismus’ wie geschaffen schien, auch wenn alter Sinn und Verstand den Texten entfleuchte:

Hier zunächst der Hä-Fall: “Die Sektflaschen sind längst im Altglascontainer, das Orakelblei ist vom Parkettboden abgekratzt, aber in den Knallblättern rumoren immer noch die Ausläufer des Jahresendgewitters.”

Hier die ‘produktive Unruhe’, in klerikalen Kreisen sehr beliebt: “Wir wollen, dass es rumort”, sagt Bernhard Fritzenschaft. Und zwar im besten Sinn. Die konstruktive Unruhe halte die Kirche lebendig.”

Prompt wackeln die Heiligenfiguren mit den Köpfen: “Die U-Bahntrasse in Köln stört nicht nur in der Philharmonie, auch im Wahrzeichen der Stadt ist ihr Rumoren zu hören.”

Die FDP, der Ort, wo das Tuscheln Krach macht: “Rumoren in der FDP: Verliert Rösler bald seinen Job?”

Pelzigs Patchwork-Seele kriegt auf der Stelle die Motten: “Sätze wie dieser rumoren durch die hellwache Bürgerseele eines Erwin Pelzig, die noch von antiken Werten wie Gerechtigkeit und Redlichkeit zusammengehalten wird.”

Der Jahresendzeit-Blues ertönt: “Immer, wenn die Weihnachtsfeiertage vorüber sind, spürt man in schwäbisch-alemannischen Landen ein geheimnisvolles Rumoren.”

Daraufhin räumt Rennie den Magen auf: “Die Spannung war nun greifbar und setzte sich in der Magengegend als angenehmes Rumoren fest.”

In der Werbepause machen Marketing-Leute mit dem Wörtchen ein wenig Klingeling: “Die Gerüchte um biegsame Displays für Smartphones rumoren schon länger.”

Wenn’s im Hintergrund grummelt, wenn die Erwartung froh brummt, dem Pressmensch ‘rumoren’ in die Tippfinger kummt …

4 Kommentare

  1. Die Hinschreiber meinen wohl, es komme aus dem Angloamerikanischen und das ist doch schick!
    = rumour
    …à la: Sale!, Togo, outdoor usw.
    Und im Englisches ist es tatsächlich schlicht ein Gerücht (als Verb: munkeln)

  2. Volker Strunk

    15. Januar 2013 at 2:24

    Ich glaube hier wölfft etwas, wie in: was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch herum. Was der Wolf wirklich meinte war: was rumort mir, usw. Denn wie so viele Journalisten hatte er Wackersteine im Bauch

  3. Ich denke, es ist die klassische Droge des Journalisten, die da eine hochprozentige Rolle spielt: Rum.

  4. Rum? Wegen der allgemeinen Themenpiraterie im deutschen Qualitätsjournalismus?

    “Fuffzehn Mann auf des toten Manns Kiste,
    Ho ho ho und ‘ne Buddel mit Rum!
    Fuffzehn Mann schrieb der Teufel auf die Liste,
    Schnaps und Teufel brachten alle um! Ja!

    Ich denke, da passt eher Grappa:

    “Fuffzehn Mann auf des toten Manns Kiste,
    Ho ho ho und ‘ne Buddel Grappa!
    Fuffzehn Mann hielt der Teufel auf der Piste,
    Schnaps fraß Hirn – happahappa!”

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