If your memory serves you well ...

Einfach mal was behaupten!

Rechtsintellektualität ist bekanntlich eine ‘contradictio in adiecto’, ein Widerspruch in sich. Und so sehen die dazugehörigen Zentralorgane auch aus. Trotzdem versuchen manche Magazine aus Gründen publizistischer Ausgewogenheit mit noch mehr Urinbeschau und Pendelei auch ein steuerbordseitiges Publikum kontinuierlich zu bedienen. Eines dieser verlegerischen Projekte, das aus Gründen des Attention-Phishing dann gern auf Autoren aus dem Umfeld der ‘Achse des Guten’ oder der Schweizer ‘Weltwoche’ zurückgreift, heißt in Deutschland ‘Cicero’.

Regelmäßig muss dort an Bord dann wohl konservativ induzierter Vernunftalarm herrschen. Denn von den üblichen Positionen bis zur Wand ganz rechts ist es nicht weit, wenn man auch sonst ein elitäres Selbstverständnis pflegt und bedient – der ganze Dampfer krängt dann unversehens weit hinüber zur Wasserlinie, was nicht nur das Flanieren, sondern auch das Ablassen der argumentativen Rettungsboote stark gefährdet. Trotzdem – gegen intellektuelle Notfallübungen der Upperclass wäre aus Gründen der allgemeinen Verkehrssicherheit gar nichts einzuwenden, sofern die dort vertretenen Ansichten rational verhandelbar wären. Was sie oft genug aber nicht sind.

So stellt in dieser Woche ein gewisser Beda M. Stadler aus dem Dunstkreis der Blocherschen Köppelschen ‘Weltwoche’ in seinem Sandkasten die Schlachten von gestern nach, indem er sich – nachdem der Zug längst abgefahren ist – für die Atomkraft in die Bresche schlägt: „Wenn Deutschland aussteigt, sind wir alle verloren“, lautet der Titel des Elaborats, dem gleich anfangs ein gewisser Wachtturm- und Kassandraton damit kaum abzusprechen ist.

Wie aber begründet unser flinker Schreibfinger jetzt seine steile These? Nun, mit Argumenten, die mit ‘hanebüchen’ noch zu euphemistisch beschrieben wären. So heißt es dort doch allen Ernstes:

“Allerdings steht fest, noch nie ist es einem Wissenschaftler gelungen in die Zukunft zu schauen und mit Kristallkugeln sollte man eher kegeln.”

Insofern seien auch alle Vorhersagen über Klimaveränderung usw. in die Tonne zu treten, wie schon die Zeichensetzung dieses Artikels, die Gesellschaft dürfe unbesorgt und -verantwortlich weiterhin in eine strahlende Zukunft hinein leben und auf Wissenschaft pfeifen.

Tscha, schön wär’s, wenn’s so wär’. Wenn es aber “noch nie” einem Wissenschaftler gelungen wäre, in die Zukunft zu schauen, woher wissen wir dann, wann in drei Jahren der Mond über München aufgehen wird? Und nach wieviel Jahren exakt die Hälfte aller Isotopen eines bestimmten Typs zerfallen sein wird? Um wie viele Zentimeter sich diese oder jene Kontinentalscholle verschoben haben wird? Wann welcher Komet in welchem Abstand am Saturn vorbeirasen wird?

Kurzum – die Wissenschaft steckt voll mit exakten Prognosen, die weit in die Zukunft weisen. Prognosen, die auch noch die Eigenschaft haben, dass sie zumeist absolut zutreffend sind. Stadlers im ‘Cicero’ ausgebreitete Rabulistik entpuppt sich damit, als das, was sie ist: als Korf’sche Lampe in einem derart höchst erleuchteten Kopf. Wollen wir hoffen, dass der Konservatismus nicht diesem Pfad der Korf’schen Aufklärung folgt …

3 Kommentare

  1. jeeves

    Schön, dass in diesem Zusammenhang Daniel Düsentriebs wunderbare Erfindung erwähnt wird: die ist pfiff- und lustig. Was man von dem beschriebenen Blatt nicht behaupten kann.

  2. Georg Wolf

    Danke für diesen Text. Ich für meine Person gehe sogar noch weiter und habe immer Mühe, an mich zu halten, wenn ich nur die Zusammenstellung “konservativer Denker” sehe. Man braucht dann oft ein sehr großes Wohlwollen. Was das von Ihnen erwähnte Presseerzeugnis anbelangt, so dürfte es nach Aufmachung und Ausrichtung hauptsächlich die Distinktionsbedürfnisse einer Subklasse von Möchtegerns befriedigen. Talmi wie ihn der Pöbel goutiert, aber veredelisiert. Übersichten über die wichtigsten Soundsos mit Ranking, auf dass das Urteil für den Leser gabelfertig sei. Stichworte fürs Gesellige unter unkonventionellen Meutenheulern. Ganz im breiten Strom der Querschwimmer. Halt ein Blatt für Aristopetale & Aristokratinos.

  3. Klaus Jarchow

    Das ist naturnotwendig so, weil du als Konservativer bestenfalls ein mentaler Wiederkäuer werden kannst. Würdest du auf neuen Bahnen denken, wärst du ja schon nicht mehr ‘konservativ’, denn dann dürftest du nur auf den ausgetrampelten Pfaden der Vorväter wandeln. Du wärst also bestenfalls ‘Nachdenker’ statt Denker …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2020 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑