Stilstand

If your memory serves you well ...

Du Schönschreiber!

Ein Schimpfwort war dies unter den Redakteuren in den 90er Jahren. Ein echter Kerl, der ging auf Recherche, er telefonierte herum, nahm an konspirativen Hintergrundgesprächen teil und haute dann seine Story aufs Papier, ohne groß auf die gequälte Orthographie zu achten. Weshalb lange ausformulieren? Und wozu gab es eine Schlussredaktion?

Auch mir pappte dieses Etikett an, sobald ich ungewöhnliche Sprachbilder suchte oder nach einer unerhörten Formulierung fahndete, statt lieber dem neuesten Klinikskandal auf die Schliche zu kommen. Ein Redakteur von echtem Schrot und Korn hatte – nach dem Selbstverständnis solcher Leute – eigentlich gar keine Zeit zum Schreiben. Markworts ‘Fakten, Fakten, Fakten!’ war zum Credo einer ganzen Journalistengeneration geworden – und der ‘Focus’, dieses Zentralorgan aller Instant-Worte, der große ‘Markterfolg’, der aus dem Nichts heraus sogar dem ‘Spiegel’ Angst machte, der war der angebetete Götze aller Schreiber, die mit dem Konjunktiv auf Kriegsfuß standen.

Jetzt aber stellen die Jäger der schnellen Rendite, die smarten Jungs aus den Controlling-Abteilungen, ganzen Redaktionsstäben den Stuhl vor die Tür. Prompt kommt alles so, wie es kommen muss: Für Recherche ist keine Zeit mehr, man nimmt das, was kostenlos oder preiswert geliefert wird, PR und Agenturmeldungen also, und stoppelt daraus den täglichen Grauwert zusammen. Das Schreiben aber, das ja mit ein wenig Stilwillen den Geschmack selbst dieses redaktionellen Eintopfs verkäuflicher würzen könnte, das haben sie gar nicht mehr gelernt. Selbst der einst so große Focus ist in der Krise.

Mit anderen Worten: Das Elend der deutschen Zeitungen ist zumeist hausgemacht – und es beruht zu einem Gutteil darauf, dass jenes Metier vernachlässigt wurde, das doch der Lebenssinn jeder Zeitung sein sollte: das Schreiben in einem weitgefasst schriftstellerischen Sinn nämlich, das Bewusstsein dafür, dass die Schreiber auch etwas zu erzählen haben sollten, statt bloß dürftige Infos herunterzuplärren.

Um auf den Anfang zurückzukommen: Nicht die ‘Schönschreiber’ sind ‘old school’, die Zeit der taffen Jungs mit den vielen Telefonnummern scheint mir vorbei. Die Zeit derjenigen, die noch aus der Hüfte schreiben konnten – und zwar nur aus der Hüfte. Sollten Zeitungen heute eine Zukunft haben, dann sind es mit Sicherheit diejenigen, die über ‘Schönschreiber’ verfügen.

1 Kommentar

  1. Die “taffen Jungs mit den vielen Telefonnummern” im letzten Absatz haben google-ads wohl überzeugt, unter diesem Eintrag Werbung für parship.de zu schalten. Gesegnet sei die Computerlinguistik!

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