Grammatisch scheint der Imperativ der glasklare Ausdruck eines Machtverhältnisses: “Tu dies und das!” sagt der höherrangige Kommunikationspartner, der andere sagt “Jawoll!” und tut’s. Soweit die Theorie.

In der Realität – mal abgesehen vom Militär – drücken sich Machtstrukturen zumeist nicht im Imperativ aus, zumindest habe ich regelhaft erlebt, dass dort, wo ein Mächtiger zur Befehlsform greifen musste, seine Machtposition zugleich auch schon schwach und wackelig war. Sei’s, weil er sich noch nicht lange im Amt befand, sei’s, weil ihn die Untergebenen längst als substanzloses Windei durchschaut hatten, dem auf der dahinschmelzenden Eisscholle seiner Autorität nur die Kollerkommunikation geblieben war.

Der wahrhaft und unwidersprochen Mächtige dagegen setzt seine Pläne nur selten als Befehle um. Das hat er gar nicht nötig. Der Wunsch, die Frage oder die Bitte sind viel angemessenere grammatische Formen, dort, wo Autoritäten und Hierachien noch intakt und unhinterfragt sind: “Müller, könnten Sie nicht bitte dies oder das mal veranlassen?” Müller hört’s und verfährt wie gewünscht, ohne dass bestehende Machtverhältnisse explizit hervorgekramt und zur Schau gestellt werden müssten. Was beiderseits die Nerven schont.

Diejenigen dienstbereiten Geister, die von Karriere und Partizipation träumen, können sogar dem Chef unausgesprochene Wünsche von den Lippen ablesen, sie antezipieren den Willen des Vorgesetzten. Der Chef residiert im Kopf des Untergebenen. Letzteres passt übrigens auch gut zu Ian Kershaws Analyse der ungenügend bürokratisierten Machtstrukturen im Dritten Reich: Massenhaft handelten die Befehlsempfänger des Führerstaats vorausschauend so, wie es der Führer vermutlich befohlen hätte. Sie wussten oft besser als der Machthaber selbst, was der Führer wünscht.

Die Befehlsform, der Imperativ, ist hingegen ein kommunikatives Lila, so etwas wie der letzte Versuch, wenn sprachlich andere Möglichkeiten der verbalen Machtausübung nicht länger gelingen.