If your memory serves you well ...

Die rhetorische Frage

Um ein Nachdenken über das Offensichtliche zu verhindern, ist oft die rhetorische Frage probat, so wie es hier Malte Lehming unternimmt. Allerdings ist diese Scheinfrage ein zweischneidiges Schwert – sobald ein Hörer anfängt, ernsthaft über das Gefragte nachzudenken, erreicht der gewiefte Rhetoriker oft das Gegenteil dessen, was er beabsichtigte:

“Deutsche Politiker werden regelmäßig bestochen und erwidern das durch Entscheidungen zugunsten der Bestechenden: Dieses Vorurteil wird gehegt und gepflegt und dermaßen oft transportiert, dass es nicht überrascht, warum niemand mehr nach einem Grund dafür fragt. Oder nach einem Beispiel. Überlegen Sie selbst (und ganz spontan): An welchen Fall von Korruption in der deutschen Politik – sagen wir: in den vergangenen zwanzig Jahren – können Sie sich erinnern?”

Kurzum, Malte Lehming, unser Dreisterne-Meinungskoch vom ‘Tagesspiegel’, der vertraut darauf, dass niemand nachzudenken beginnt, fordert er sein tumbes Publikum derart frageweise zum Gehirn-Jogging auf. Dabei ergibt sich von Schäubles Aktentaschen über FDP-initiierte Hotelierssteuern nebst Mövenpick-Spende bis hin zu Guttis Patchwork-Promotion, um auch mal einen Fall geistiger Korruption hier zu nennen, doch mühelos so allerlei, was uns von einer korruptiven Welle in der Politik zu sprechen berechtigte. Nicht ohne Grund sackt Deutschland jährlich auf der Korruptionskala weiter ab, so dass längst auch die konservative FAZ über die zunehmende Korruption lauthals zetert:

“Deutschland hat weiterhin ein ernsthaftes Korruptionsproblem: Im jährlich veröffentlichten Index der Organisation Transparency International rutscht die Bundesrepublik vom 14. auf den 15. Platz ab – vor allem Politiker machten es korrupten Kräften zu leicht.”

Und – nicht wahr, Herr Lehming? – zahlreiche ‘Fälle’ und ‘Vorfälle’ dürfte es dann ja wohl auch gegeben haben. Ihr Herr Wulff hat also eine ganz erlauchte Ahnenreihe. Das angestrengte Gesundbeten, auch mit rhetorischen Stilmitteln, zeichnet zwar neoliberal Gläubige und andere Evangelikale oftmals aus, trotzdem steht dies Verfahren in diametralem Gegensatz zum modernen Qualitätsjournalismus …

2 Kommentare

  1. Jeeves

    Viele Kommentare im Tagesspiegel zeigen: zumindest die Leser erinnern sich durchaus an die Fälle von Korruption.

  2. Klaus Jarchow

    Tscha – ich weiß oft beim Malte Lehming auch nicht, ist es Chuzpe, ist es Blödheit, wenn er als besonders windschnittiger Vertreter seiner Zunft in einem solchen (Über-)Rumpelstil daherschwadroniert. Einige Leser fallen auf seine rhetorischen Bauerntricks nicht mehr rein, ob’s aber schon die Mehrheit ist?

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