If your memory serves you well ...

An der Oder-Grenze

Die stille, ausschließende Gewalt des Wörtchens ‘oder’ wird oft unterschätzt. Oettingers Expertenrunde aus Pädagogen, Püschologen und noch so allerlei kam nach dem Amoklauf von Winnenden jetzt zu folgendem Schluss:

Außerdem verfügten Amoktäter “zum Teil über enorme Treffsicherheit durch Einübung mit scharfen Waffen ODER bestimmten Computerspielen”.

Es gibt dort also eine ‘Einübung mit scharfen Waffen’, die sich gar nicht auf der Festplatte abspielt, sondern ganz konkret mit Smith & Wesson und Luger hantiert. Hierdurch – durch das intensive Training an realen Waffen also – würden die Opferzahlen bei der Tat enorm in die Höhe schnellen. Gemeint sind natürlich die Sportschützen- und Schützenvereine, wo nahezu alle Amokläufer ein Combat-Training absolvieren durften. Die Experten setzen diesen Faktor zu recht an die erste Stelle relevanter Tatfaktoren – und sie stellten durch das ‘oder’ auch klar, dass die beiden Faktoren nicht unbedingt ‘arm in arms‘ auftreten, denn dieses ‘oder’ weist grammatisch glasklar auf eine Alternative hin, es ist keine Summierung, wie sie durch ein ‘und’ signalisiert worden wäre: Das eine allein ist möglich, das andere allein ist möglich, aber auch beides zusammen ist möglich.

Was aber macht die Politik aus der grammatisch ziemlich eindeutigen Empfehlung ihrer selbsteingesetzten Experten: Sie lässt die Hauptverantwortlichen in den Honoratioren-Ballervereinen mal wieder ungeschoren davon kommen: Sie fordert inkonsequenterweise NUR das Verbot von ‘Killerspielen’, obwohl doch – wenn schon, denn schon! – zu einer wirklich durchgreifenden Vorbeugung BEIDE Faktoren sanktioniert werden müssten. So ist das eben, wenn man wiedergewählt werden möchte … und der nächste Amoklauf ist damit vorprogrammiert. Auch dann, wenn weit und breit kein Killerspiel mehr in Sicht sein sollte.

*Disclaimer*: Ich habe schon ‘Wizardry’, ‘Ultima’, ‘Might & Magic’ und andere ‘Killerspiele’ gespielt, als ein Oettinger noch gar nicht wusste, wie er einen Computer bedient. Ich bin gewissermaßen das Gegenbeispiel dafür, dass das Monstermetzeln und Orkschlachten eben nicht auf geradem Weg zur Amoktat führt. Nimmt man seine ‘Experten’ aber ernst, dann sollten die politischen Entscheider zumindest auch deren Empfehlungen ernst nehmen, und keine populistische Rosinenpickerei betreiben …*

3 Kommentare

  1. Dierk

    Ich lasse mal die Diskussion um “Killer”-Spiele außen vor [einfach weil jeder wissen kann, dass Studien bis heute keinerlei Zusammenhang mit irgendeinem Medienkonsum gefunden haben*]. Es gibt allerdings eine Kleinigkeit zur Grammatik …

    ‘Oder’ ist einschließend, es bedeutet, das Auftauchen mindestens eines der Aufzählungsbestandteile muss erfüllt sein. ‘Und’ wiederum verlangt das Auftauchen aller Bestandteile eine Aufzählung [genau genommen natürlich nur zweier, nämlich der beiden durch ‘und’ verbundenen].

    Möchte ich ausdrücken, dass nur eines der Bestandteile wahr sein darf, benutze ich in der deutschen Sprache ‘entweder-oder’, auch bekannt als ‘ausschließendes Oder’.

    Der erste Satz des Artikels widerspricht ja auch prompt der Schlussfolgerung am Ende, in der gefordert wird, beides – Waffenzugang und Computerspielezugang – stärker zu regulieren.

    *Ansonsten verweise ich auf irgendeine gute Einführung in die Statistik, dort das Kapitel über Korrelationskoeffizienten. Außerdem dies: http://www.amazon.com/Myth-Media-Violence-Critical-Introduction/dp/1405133856/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1254389066&sr=1-1

  2. Klaus Jarchow

    @ Dierk: Eben – wenn die Täter typischerweise über Training an realen Waffen ODER über über Erfahrung mit ‘Killer-Spielen’ verfügen, müsste folgerichtig – nach der guten, alten Wenn-schon-denn-schon-Regel – auch BEIDES verboten werden. Die Konsequenz muss also dual sein – ODER sie ist gar keine. Insofern sehe ich einen Widerspruch nicht.

    Die Lösung aber, die unsere Politiker jetzt favorisieren, will nur eine der möglichen Ursachen bekämpfen, weil sie sich an die andere gesellschaftspolitisch nicht herantrauen. Sie ignorieren dieses ‘oder’, und sie betreiben damit die Exklusion eines Faktors. Sie nehmen den Expertenbericht nicht zur Kenntnis und glauben, sie hätten weiterhin die Wahl zwischen Schützenverein und Ballerspiel als Verbotsobjekte, und wenn sie nur das eine verbieten würden, dann hätten sie auch das andere Problem irgendwie im Griff. Was ein Irrtum ist, ursächlich ist beides.

    Natürlich gilt dies nur, sofern man sich diese Sicht auf die Ursachen überhaupt zu eigen macht. Vereinsamung, Mobbing, Versagensängste, Kommunikationsunfähigkeit, auch Größenwahn sind für mich sehr viel entscheidendere Ursachen für Amokläufe als eine gelegentliche Runde ‘Mortal Combat’. Dann aber käme man mit der populistisch-hilflosen Alles-Verbieten-Politik nicht weiter, schließlich lässt sich ein ‘Unverstandensein’ schlecht gesetzlich untersagen …

  3. Dierk

    Klar, inhaltlich weitgehend d’accord, ich hatte vermutlich nur auf das ‘ausschließende’ etwas heftiger reagiert – pet peeve. Da habe ich so ein oder zwei Handvoll von, sprachliche Auslöser von allergischen Reaktionen. Zum Beispiel der Hang, das ausschließende Oder zu vergessen, das einschließende zum ausschließenden zu machen und dann die hässliche ‘und/oder’-Konstruktion zu benutzen. So etwas darf man im Gespräch oder meinetwegen im informellen Blog-Kommentarbereich, aber so manch ein Journalist nutzt das bei geschriebenen Texten!

    Die Idee, unappetitliche aber harmlose Spiele und Filme als ursächlich für zig Tote eines durchgeknallten zu sehen, aber das Werkzeug, das ihm überhaupt erst das große Morden erlaubt, als unschädlich ungeschoren davonkommen zu lassen … Da kann ich nur den Kopf schütteln. Das ist der Auswuchs der seit dem Fehlenden Glied existierenden Generationenschelte* gepaart mit üblem Lobbyismus.

    *Bereits der letzte Noch-nicht-Mensch hat auf die Kinder herabgesehen und gewaldorfstatlert, dass ‘die Jugend von heute immer auf zwei Beinen rumlaufen muss, hätt’s bei uns nicht gegeben; das verdirbt doch nur die Sitte und Moral, führt zu mehr Krieg, denn was sollen die mit den freien Händen sonst anfangen.’ Ich sehe gerade, dass er recht hatte.

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