If your memory serves you well ...

Die Medialkonservativen

Interessant sind für mich vor allem jene Blogs, die mich zum Widerspruch reizen. Je haarsträubender, desto besser. Im Rahmen der blogger.de-Community zählt dazu der Verfasser von ‘Klartext’, der sich als Ex-Readers-Digest-Redakteur höchstselbst und dankenswerterweise in das Getümmel der Blogosphäre gestürzt hat. Dieser Markus Reiter veröffentlichte zuletzt unter dem Titel ‘Dumm 3.0’ ein voluminöses Buch, in dem er die ‘Social Media’ als veritable Kulturbedrohung inszeniert. Ich will mich hier gar nicht auf diesen Text kaprizieren, sondern auf seine Blog-Artikel, also auf seine ganz persönlichen Beiträge zum ‘Dumm 3.0’.

Zunächst einmal ist der Herr Reiter in höchst antiquierten Vorstellungen befangen, darin, dass es überhaupt eine Trennung zwischen ‘Nachricht’ und ‘Meinung’ gäbe beispielsweise:

“Viele Blogger scheinen ja zu glauben, Journalisten machen im Prinzip das selbe wie sie – herumsitzen und vor sich hinmeinen. Wenn sie ihren Job ernst nehmen, sollten Journalisten aber vor allem recherchieren und Fakten prüfen. Qualitätsnachrichten heranschaffen also, auf deren Grundlage sich dann der Einzelne seine Meinung bilden kann.”

Einer solchen Ansicht zugrunde liegt die reichlich naive Vorstellung fern aller Kognitionsforschung, dass ‘dort draußen’ die Fakten herumflögen, die ein professioneller Beobachter registriert und dann ‘eins zu eins’ zu Papier bringt, ohne dass sie zuvor das meinungsbildende Organ des Menschen, sein Gehirn also, durchlaufen hätten. Selbst dem unverdächtigsten Text aber ist immer die Meinung von Geburt an eingeprägt. Nehmen wir einfach diese vollkommen redaktionskonforme Spiegel-Nachricht vom heutigen Tag:

“Am Karfreitag thematisiert die katholische Kirche den Missbrauchsskandal in ihren Reihen, den Anfang macht Erzbischof Robert Zollitsch. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz hat Fehler eingeräumt: Die Kirche habe Opfern zu wenig geholfen – “aus falsch verstandener Sorge um ihr Ansehen”.

Zunächst einmal muss der Verfasser dieses Textes annehmen, um überhaupt darüber schreiben zu können, dass der Sachverhalt Relevanz besitzt. Er rekurriert schlicht auf ein gut vorgewärmtes mediales Umfeld, er beteiligt sich an einem ‘Thema’, und er ist damit schon mal der MEINUNG, dass jene katholische Sauherde, die derzeit durch das altmediale Dorf getrieben wird, öffentlich deshalb interessant für den Leser wäre, weil der Sachverhalt ja noch nicht totgeritten sei. Was ja auch durchaus der Fall sein mag.

Zweitens bringt der Schreiber auf subtile Weise den Karfreitag ins Spiel, jenen höchsten Feiertag kirchlicher Zerknirschung, so der Subtext des Verfassers, der doch hervorragend zu jener Demutsgeste passen würde, die jetzt nach seiner unmaßgeblichen medialen MEINUNG von der Kirche zu erwarten sei. Und zwar sollte dies auch gleich ‘reihenweise’ geschehen, der Bischof Zollitsch wäre damit nur ein Präludium.

Drittens zitiert der Redakteur in seiner vorgeblichen ‘Nachricht’ aus einer vermutlich längeren Einlassung des Herrn Zollitsch ausgerechnet diesen Halbsatz – und eben keinen anderen: “aus falsch verstandener Sorge um ihr Ansehen“. Er trifft also für den Leser bereits eine Vorauswahl, er hat wiederum eine MEINUNG, nämlich darüber, was denn in seinen Augen aus dem vorliegenden Gallimatthias wichtig sei für die ‘Meinungsbildung’ des Lesers. So ließe sich diese Reihe endlos durch Textexegese fortsetzen. Buchstäblich jede ‘Nachricht’ enthält immer auch eine Meinung, sie soll immer etwas sein, ‘wonach sich zu richten’ sei.

Das, was der Herr Reiter uns hier auftischt als Unterschied zwischen den infantil dahermeinenden und -möhrenden Bloggern und den objektiven Journalisten ist damit wiederum nichts als eine Meinung, ein konstruierter Unterschied, der dazu noch auf tönernen Füßen steht. Auf jenen des Medialkonservatismus nämlich …

Worum es ihm Kern geht, lässt sich aus einem weiteren Text erschließen. Es geht darum, den Journalismus als pädagogische Provinz zu erhalten, als Lehrstuhl und Katheder einer ordnungsbildenden Instanz im geistigen Raum, die besser als der Leser weiß, welche Meinung diesem am besten frommt. Denn der Mensch an sich sei von Grund auf schlecht, es gilt, ihn in den Bahnen der zivilisierten Ordnung zu halten statt auf den freien Wildbahnen des Web 2.0. Die Deutungshoheit des journalistischen Wegweisers für die infantile Masse muss bewahrt werden:

“Ich habe auch nie behauptet, dass einzelne Menschen sich nicht ändern. Sondern dass “der Mensch” sich nicht ändert. Dafür ist dem homo sapiens sein evolutionäres Programm viel zu sehr eingeschrieben.”

Prompt stellt sich die Frage der Selbstanwendung – wie bei allen Konservativen, die so gern auf einem statischen Menschenbild beharren: Weshalb dieses Menschenbild nicht auch für die Journalisten selbst gelten soll? Stehen die etwa außerhalb der Biologie und ihrer eingeschriebenen Programme? Wer eine Universalie behauptet, kann sich fortan nicht mehr als Anomalie behaupten. Letztlich läuft bei Markus Reiter alles auf eine konstruierte Zweiteilung der Welt in mediale Eliten einerseits und ein unaufgeklärtes Publikum andererseits hinaus. Kulturkonservatismus par excellence …

Und ach, wenn es doch nur noch mehr Meinungen gäbe! Hier sitzt dann der Markus Reiter förmlich einem Trugbild auf, wenn er glaubt, dass es ein Übermaß an Meinungen gäbe:

Meinungen haben wir wie Sand am mehr [sic!] – und ob Journalisten noch mehr hinzufügen sollten, das hängt in der Tat von der Räsonierfähigkeit des einzelnen Kollegen ab. Wenn ich morgens im Deutschlandfunk die Pressestimmen höre, habe ich in sehr vielen Fällen nicht das Gefühl, dass mir etwas verloren ginge, wenn diese Meinungen nicht mehr artikuliert würden.

Weithin ist das Netz doch durch ein Ungenügen an der Rumford’schen Einheitssuppe geprägt, dadurch, dass eben nicht mehr viele Meinungen nebeneinander existieren, sondern die Landschaft der Altmedien durch eine große Uniformität des Meinens und Sprechens geprägt ist. In jedem besseren Blog klagt dieser Frust aus allen Ritzen. Die Menschen im Netz haben die Nase voll von jener neoliberalen Einheitssoße, mit der unterschiedslos alle Artikel in den Altmedien getränkt wurden. Durch das Netz erst kehrt die Freiheit des Meinens zurück – und damit auch die besser lesbaren Texte. Was natürlich Folgen haben wird – zumal für die medialkonservative Fraktion.

Ach ja – euch allen ein frohes Osterfest!


13 Kommentare

  1. Morla

    Genauso ist es, verehrter Klaus Jarchow. Auf diese Weise kommen wir in den Genuss Ihrer Texte.

    Ich werd´über Ostern mal ein wenig üben, schon um auch diesen Herrn Reiter ad absurdum zu führen.

    Angenehme Oster-Frühlingstage!

    Nicht schimpfen, aber der “Bindestrich” musste sein, weil nicht immer, so wie hier in diesem Jahr, diese Osterfeiertage tatsächlich den Frühling “einzuläuten” scheinen.

  2. Dyyck

    “Einer solchen Ansicht zugrunde liegt die reichlich naive Vorstellung fern aller Kognitionsforschung, dass ‘dort draußen’ die Fakten herumflögen, die ein professioneller Beobachter registriert und dann ‘eins zu eins’ zu Papier bringt, ohne dass sie zuvor das meinungsbildende Organ des Menschen, sein Gehirn also, durchlaufen hätten. Selbst dem unverdächtigsten Text aber ist immer die Meinung von Geburt an eingeprägt.”

    Es gibt aber immer noch einen Unterschied zwischen dem Streben nach Objektivität/Professionalität und hemmungsloser Meinungsäußerung. Nur weil eine Person von ihrem Text nicht zu trennen ist, können wir das Konzept der objektiven Nachricht nicht aufgeben.

  3. Dierk

    Die Lösung für das Problem individueller Wahrnehmung heißt: Bibliothek.

    Der einzelne Mensch, ob Journalist oder Wissenschaftler oder Fernfahrer, nimmt die Welt immer nur in Ausschnitten wahr, er filtert neue Erlebnisse bewusst und unbewusst durch bereits vorhandene Erkenntnisse. Das ist weder besonders neu noch besonders originell. Auch nicht mehr ganz neu, aber offenbar immer noch originell ist Karl Poppers auf Kant und Hume rückzuführende Idee, dass die Akkumulation unterschiedlicher Wahrnehmungen uns zu objektivem Wissen führt.

    Das ist verkürzt gesagt, natürlich gehören auch hier Filterkriterien dazu, z.B. die Frage, ob eine These überhaupt wissenschaftlich sein kann, außerdem das grundsätzlich mindestens zwei unabhängige Quellen benutzt werden oder natürlich die rigiden Gerüste, die Experimente und kontrollierte Beobachtungen ermöglichen. Der Journalismus von heute krankt u.a. daran, dass viele dieser Heinis meinen, sie seien so toll, dass sie sich um die üblichen Methoden herumlavieren können. Ein gutes Besipiel ist Herr Reite, ein anderes Herr Schirrmacher – nicht das viele Verteidiger der neuen kommunikativen Freiheiten sehr viel besser wären, sie stehen nur zufällig auf der richtigen Seite.

  4. Dyyck

    @Dierk: Der Journalismus von heute krankt vor allem an einem Umfeld, das keinen Journalismus mehr möglich macht.

  5. MartinM

    Liber Dyyck,

    grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, es gibt einen Unterschied zwischen dem Streben nach Objektivität/Professionalität und hemmungsloser Meinungsäußerung.
    Meiner Ansicht nach hat aber dieses Streben im professionellen Journalismus in den letzten Jahrzehnten, seit etwa Mitte der 1980er Jahre, deutlich nachgelassen. Zugespitzt gesagt: der Unsinn, der früher nur in der “Bild” stand, schafft es heute auch in den “Spiegel” oder in die “FAZ”.
    Die mutmaßliche Ursache für diese Entwicklung hat Klaus Jarchow ja schon einige Male ausführlich dargelegt; nur wenige haben mit dem “bösen Internet” zu tun, gar nicht zu reden von den Bloggern.
    Unnötig zu erwähnen, dass es gar nicht so wenige Blogger gibt, die nach Objektivität streben (es ist ein Ideal, dem man sich annähern kann, aber erreichbar ist es nicht) und sich mit Meinungsäußerungen zurück halten. Selbst wenn ein Blogger sehr meinungsfreudig ist, muss das noch lange nicht heißen, dass sie oder er einfach “vor sich hin meinen” – jedenfalls dann nicht, wenn hinter der Meinung auch Überlegung, Wissen und Erfahrung stecken. “Vor sich hin meinen” kann ich auch, wenn ich wenig oder gar keine Ahnung habe. Aber es würde vielen meinungsfreudigen Bloggern – darunter auch Klaus Jarchow – unrecht tun, ihnen Überlegung, Wissen und Erfahrung über die Dinge, die sie kommentieren, abzusprechen.

    Der Wahrnehmung Reiters über die morgens im “Deutschlandfunk” wiedergegebenen Pressekommentare mag ich nicht widersprechen, denn mache Kommentatoren dreschen wirklich leeres Stroh oder meinen heftig und ohne Sachkenntnis vor sich hin. Allerdings: die Kommentatoren sind professionelle Journalisten, und Kommentare auf Seite 1 oder 2 einer überregionalen oder wenigstens einer wichtigen Regionalzeitung werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von Anfängern, sondern von gestandenen Redakteuren geschrieben. Das heißt, die Grenze verläuft nicht zwischen “Professioneller” und “Amateur”, sondern zwischen “sorgfältig” und “schlampig”, zwischen “überlegt” und “gedankenlos”, zwischen “hat was zu sagen” oder “sagt etwas dazu, weil gerade alle etwas dazu sagen”.

    Die “objektive Nachricht” ist, wie Sie richtig schreiben, ein Konzept. Wobei es meiner Ansicht nach klar sein muss, dass dieses Konzept im realen journalistischen Alltag ebenso wenig verwirklicht ist, wie das Konzept der “objektiven Erkenntnis” in der Wissenschaft. Ein Wissenschaftler weiß (oder sollte wenigstens wissen), dass der “Stand des Wissenschaft” immer vorläufig und unvollständig ist. Beim Journalismus – egal ob professionell oder als Amateur – sollte das genau so sein. Auch eine nüchterne Meldung ist notwendigerweise subjektiv gefärbt, unvollständig und vorläufig. Sorgfalt, Fairness und das Vermeiden von Lügen, Verzerrungen und Sensationsmache sollten bei der Berichterstattung selbstverständlich sei. So objektiv und genau wie möglich berichten – aber immer im Bewusstsein, nicht alles Wichtige zu wissen, den eigenen Standpunkt nie ganz herausnehmen zu können, und vor allem. irren zu können.
    Und das gilt nur für einen Teil des Journalismus, die Nachrichten / Meldungen. Kommentare, Leitartikel, Essays, Glossen usw. müssen sogar von “meinungsstark” sein – sonst sind sie belanglos. Schon eine Reportage ist ohne den besonderen Standpunkt des Reporters wie Suppe ohne Salz – Extrembeispiel: ein Sportreporter, der nicht “mitfiebert”, hat seinen Beruf verfehlt. Zu viel “eigener Standpunkt” versalzt allerdings die spannendste Reportage.

    Zu Reiter selbst:
    Er meint, dass “der Mensch” sich nicht ändern würde, denn dafür sei dem homo sapiens sein evolutionäres Programm viel zu sehr eingeschrieben. Das ist eine sehr verkürzte Wahrnehmung der Erkenntnisse der Evolutionsbiologie. Dieses “Programm” ist nämlich äußerst flexibel (sonst hätten wir, als Spezies. z. B. schwerlich die letzte Eiszeit überlebt). “Der Mensch”. oder besser, die Menschheit, hat sich sehr wohl geändert, auch wenn sich das nicht unbedingt im Genpool niederschlägt. Selbst Konrad Lorenz (der meines Erachtens ein ziemlich übler Biologist mit starkem Hang zur Eugenik war) sagte: “Der Mensch ist von Natur aus Kulturwesen”. Zu unserem evolutionären Programm gehört es also, nicht in allem und jedem durch unser evolutionäres Programm beschränkt zu sein.
    (Außerdem winkt beim Rückgriff auf das “evolutionäre Programm”, um ein konservatives Menschenbild zu begründen, der “naturalistische Fehlschluss” mit einem ganzen Zaun … )

  6. Dyyck

    “Meiner Ansicht nach hat aber dieses Streben im professionellen Journalismus in den letzten Jahrzehnten, seit etwa Mitte der 1980er Jahre, deutlich nachgelassen. Zugespitzt gesagt: der Unsinn, der früher nur in der “Bild” stand, schafft es heute auch in den “Spiegel” oder in die “FAZ”.”

    Warum? Weil sich damit Geld verdienen lässt. Als Betreiber einer lokalen Nachrichtenplattform kann ich Ihnen sagen: Ohne Mord, Unfälle und Gossip könnte ich meine Sachen gleich wieder packen. Sie haben Recht, das hat rein gar nichts mit Bloggern und dem bösen Internet zu tun.

    Internet und Blogger haben nur die Zahl und Vielfalt der Informationen massiv nach oben katapultiert, ebenso das Tempo, mit dem diese uns erreichen – was uns vor zwei zentrale Aufgaben stellt. Und hier bin ich so weit weg von Reiter wie es geht. Hier gibt es keine Unterscheidung zwischen on- und offline.

    1. brauchen wir eine Infrastruktur, die es uns möglich macht, uns in der Info-Landschaft zurecht zu finden und unterscheiden zu können zwischen recherchierter und verifizierter Information auf der einen und hemmungsloser Meinung auf der anderen.

    2. brauchen wir Finanzierungsmodelle. Denn zum Recherchieren müssen oft weite Wege in Kauf genommen, Zeit aufgebracht und Geld ausgegeben werden. Und Leute, die das können, wachsen auch nicht auf Bäumen. Weil das nötige Geld von Verlegern nicht mehr zur Verfügung gestellt wird, ist der (hehre) Journalismus in der Krise und macht einen guten Teil seines Geldes mit Tricks und Schmutz.

    Wenn diese Probleme behoben sind, haben wir einen exzellenten Kern, um den sich Millionen Meinungen scharen können. Je mehr, desto besser.

  7. Klaus Jarchow

    @ Dyyck: Beruht nicht der ‘recherchierende Journalismus’ immer auch auf ‘Quellen’, also sekundär auf der mehr oder minder wissenschaftlichen Expertise von Instituten und von ‘Öchs-‘ und ‘Experten’? Die Journalisten sind doch oft genug nur ‘Medium’ oder zumindest Angestellte eines solchen. Sie bringen dann in den existierenden Zahlen- und Faktenwust eine oder ‘ihre’ Ordnung, sie sind Menschen, die eine Sachlage als Geschichte ‘aufbereiten’ können. Heute aber hat prinzipiell jeder via Internet den Zugang zu diesen Quellen, zum Beispiel zum Statistischen Bundesamt usw. Das vor allem, der privilegierte Zugang, hat sich geändert.

    Damit will ich nichts sagen gegen jene ‘Mud-Raker’, die den Flick-Skandal oder die Barschel-Affäre ins Rollen brachten. Wie selten aber sind solche Stories und Skandale! Zum Vergleich – beim bislang letzten dieser Aufreger: Die Querverbindungen und Nebeneinkünfte Westerwelles waren längst frei zugänglich in den Veröffentlichungen des Deutschen Bundestages und an anderen Stellen im Netz. Nur hat dies zuvor niemand aufgedröselt. Ebenso zentral wie die Recherche ist damit auch die ‘Themenfindung’ …

  8. Dyyck

    @ Klaus Jarchow: Schon richtig, zu vielen Quellen gibt es keinen privilegierten Zugang mehr. Aber noch lange nicht zu allen.

    Außerdem: Wer gewährleistet, dass die Quellen auch genutzt werden und Ergebnisse ausgewertet? Wer stellt sicher, dass es Leute gibt, die sich da reinknien und versuchen, Sachverhalte verständlich aufzubereiten oder Zusammenhänge aufzuzeigen? Soll das alles zufällig und freiwillig passieren? Ist jetzt bis auf die “Mud-Raker” der komplette Journalismus obsolet? Was für eine Diskussionsgrundlage.

    Der erleichterte Zugang zu vielen Quellen sorgt nicht für mehr Klarheit, sondern im Gegenteil für mehr Verwirrung. Ich sähe schon gerne noch einen Berufsstand, der hier aufklärend aktiv bleibt.

  9. Dierk

    Klaus, grundsätzlich ist das schon richtig, heute kann jeder an alle Quellen rankommen, sehr viel leichter als viele Journalisten in der Vergangenheit rankamen. Das alleine hilft aber nichts, wenn den Menschen nie beigebracht worden ist, wie mit Quellen umzugehen ist.

    Nur einige Beispiele:

    – Klima”skepsis”; es gibt immer noch Dutzende seriös erscheinende Gruppen und Websites, die behaupten, es gäbe überhaupt keinen Klimawandel [ob Menschen gemacht oder nicht].
    – Nazi-Apologeten; und ich spreche hier nicht von gewalttätigen Blankbirnen, sondern angeblichen Historikern.
    – Roswell
    – Birthers, Death Panels, Obama = Kommunist
    – Benzinpreisverschwörung

    Meiner Erfahrung nach fallen selbst Menschen mit wissenschaftlicher Ausbildung auf so etwas herein [Linus Paulings Vitamin C-Nummer ist kaum besser], weil sie dem Taumel der Zahl verfallen. Die Menschen glauben, das Wissenschaft, genau ist, auf immer gültige Antworten liefert, schwer verständlich ist. Das haben bereits die Nazis genutzt, als sie ihren kruden rassischen Sozialdarwinismus “wissenschaftlich” machten. Kommunisten glauben bis heute, ihres sei das einzig wahre wissenschaftliche Gesellschaftssystem – ohne zu bemerken, wie unwissenschaftlich bereits diese Behauptung ist.

    Seit Markwort seinen dummen Marketingspruch ‘Fakten, Fakten, Fakten’ gebracht hat, wird der Journalismus daran gemessen. Grundsätzlich ja auch nicht falsch, Fakten sind nun einmal das Brot des Journalisten. Nur, die Butter ist nicht die verkaufte Auflage, sondern die luzide Bewertung – genau das, was Markwort [und einige andere Großjournalisten] offen ablehnen: ‘Wir zeigen beide Seiten der Medaille, wir sind neutral, bei uns zählen nur die Fakten.’

    Das ist natürlich Quatsch UND verlogen.

    Journalisten müssen einsehen, dass sie Persönlichkeit haben, dass sie eigene Erfahrungs- und Meinungshorizonte besitzen, die immer zu berücksichtigen sind. Leser wollen das auch. Das kann grob eingeteilt werden – FR für Linke, FAZ für Rechte, SZ für Liberale -, oder sehr viel feiner, wie wir es in der Blogosphäre erleben.

  10. Jens Best

    @Dyyck

    Zitat “Der erleichterte Zugang zu vielen Quellen sorgt nicht für mehr Klarheit, sondern im Gegenteil für mehr Verwirrung. Ich sähe schon gerne noch einen Berufsstand, der hier aufklärend aktiv bleibt.”

    Ich sehe es sowohl als Aufgabe eines Berufsstandes als auch – viel grundlegender – als eine Aufgabe der Bildung, dass die Informationen aus all den Quellen eine neue allgemeine Fähigkeit des Filterns dazu beitragen menschliches Miteinander zu organisieren.

    Fast alle Veröffentlichungen in Altmedien dienen nicht dem investigativem Aufdecken bisher unbekannten (skandalösen) Vorgängen, sondern sind Vermittler von Meinungen, im positiven Fall angereichert durch ein wenig Fakt und Wertung durch den Schreiber.

    Oftmals ist dieses Schreiben geprägt von einer Obrigkeitshörigkeit, die es einfach gelernt hat Parteinahme möglichst “objektiv” zu verdecken. Wenn ich z.B. eine CDU-Meinung mit einer Studie eines arbeitgebernahen Wirtschaftsinstituts “anreichere” und dann noch einen durch die neoliberale Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft “Experten” zu Wort kommen lasse, habe ich zwar drei(!) Quellen zitiert, aber eigentlich nur die Meinung meiner Lieblingsmannschaft zu den nächsten Spielzügen übermittelt. Und natürlich kann ich mir das auch alles zusammen-googlen und bin genauso dummschlau wie auf Papier.
    Um dies in “internet-sprech” zu kommentieren: #fail.

    Wir brauchen also neben obengenanntem ein neues Verständnis vom Menschen und Menschlichen Miteinander und deswegen will ich mit einem Zitat aus jenem von progressiven Netzaktiven leider zu unrecht missachteten aktuellem Werk Schirrmachers enden, dass um Äonen besser ist als Reiters argumentfreie Unterrichtsstunde in manipulativer Rhetorik:

    [wir brauchen]”…Institutionen, in denen Denken gelehrt wird und nicht Gedanken, indem wir lehren, in Zeiten der Suchmaschine den Wert der richtigen Frage zu erkennen.”

  11. damals

    Vielen Dank, dass Sie es hier zum Thema machen – dieses Blog ist mir auch schon übel aufgestoßen! Allein der Titel ist ja schon entlarvend: “Klardeutsch”. Die Behauptung, klar, objektiv, wissenschaftlich usw. aufzutreten, ist ja derzeit das beste Erkennungszeichen von fehlender Seriosität im Medienbereich (auch wenn wie immer Ausnahmen die Regel bestätigen mögen). So wie früher in der DDR die devise galt: “Wenn es heißt: ‘Jetzt wollen wir mal ganz offen und ehrlich reden.’ – dann gilt: Vorsicht! Klappe halten! und ganz genau gucken, was die von einem wollen.”

  12. Jeeves

    Immerhin steht er zu seiner mehr als obskuren Vergangenheit: “Reader’s Digest”. Ausgerechnet.

  13. Jeeves

    Ja, mit Apostroph. Den “Reader’s” mein’ ich.

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