If your memory serves you well ...

Die Kulturfernen

Fritz J. Raddatz, der große Schmerzensmann des deutschen Feuilletons, wurde ständig hypochondrisch geplagt von realer Migräne, vermuteten Magengeschwüren, geahntem Alzheimer und unbegründeten Todesängsten. Früh widmete er sich daher Nachlassfragen. Zusammen mit Günter Grass, Paul Wunderlich, Rolf Hochhuth und noch einigen anderen machte er der Stadt Hamburg im Jahr 1984 das Angebot, die Nachlässe der Zuvorgenannten unentgeltlich in eine hansestädtische Stiftung einzubringen. Was keine Petitesse war, angesichts der wertvollen Kunstsammlung, die allein ein Raddatz aufbieten würde.

Um das Projekt voranzubringen, luden sie Helga Schuchardt (SPD) in Raddatz’ Hamburger Wohnung ein. Die war damals Kultursenatorin unter Ulrich Klose. Dort durften sich die Gäste folgenden abschlägigen Zustandsbericht über die ‘höheren Interessen’ deutscher Politiker anhören:

“Wenn ich im Senat Ihre Namen nenne, dann – das verspreche ich Ihnen – weiß NIEMAND, wer sie sind; ausgenommen eventuell Grass – und von dem weiß man nur, daß er gegen die Pershing II ist” (FJR: Tagebücher, 51).

Was mich zu meiner alten These bringt, dass die Kultur nirgends einsamer ist als dort, wo ständig lauthals von ‘deutscher Leitkultur’, ‘kultureller Assimilation’ oder ‘kulturellen Aufträgen’ staatstragend dahergeknödelt wird. Das obige Zitat mag hier zwar auf SPD-Hanseln gemünzt sein, dass es in der CDU und anderen Parteien besser aussieht, das glaube ich deswegen bestimmt nicht. In meinen Augen ist auch ein Roland Pofalla literarisch nie über den Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch hinausgekommen – und Philipp ‘Bärchenwurst’ Rösler dürfte allenfalls mal den ‘Medicus’ oder ‘Die Akte’ durchblättert haben …

6 Kommentare

  1. Rainer Wolf

    Hahahahaha- danke für solch nettes Schmankerl, ich schwimme im Fett!

  2. Dierk

    Könnte auch ein typischer Hamburger sein, Kultur interessiert die Pfeffersäcke traditionell nicht. Alle paar Jahre, wenn irgendjemand viel Geld übrig hat, wird versucht ein kulturelles Aushängeschild an die Tür zu hängen – Brahms, Kunsthalle, der Bau daneben für moderne Kunst, jetzt die Elbphilharmonie -, aber das geht fast immer schief, weil schnell wieder gespart wird.

  3. Klaus Jarchow

    Tscha – die wunnebaare Elbphilharmonie! Wenn endlich die Hamburger Pfeffersäcke “mal was in Kultur machen”, dann beauftragen sie bloß Architekten, Ingenieure, PR-Berater und Banken, aber niemals Künstler – und prompt kommt der blanke Größenwahn dabei heraus. Gegönnt sei’s ihnen …

    Der Reemtsma muss da wohl eher ein Hamburger Kuckuckskind sein.

  4. paul pretzel

    “In meinen Augen ist auch ein Roland Pofalla literarisch nie über den Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch hinausgekommen”

    glaube ich nicht. die sprache der zivilrechtler ist zwar trocken, aber sehr präzise.

    herr pofalla gibt die rampensau, weil er reden will, aber nichts zu sagen hat, mehr ist da nicht.

  5. paul pretzel

    “Fritz J. Raddatz, der große Schmerzensmann des deutschen Feuilletons…”

    war das nicht der, von dem Uwe Nettelbeck gesagt hat, er sit der dümmsten eienr und dazu noch frech.

    wers nicht glaubt, lese das werk kuhauge, von fritz jotz r. himself. so hat sich selten ein kritiker selstgemordet. aber was erwartet man von leuten, die im alter in springers welt schreiben.

  6. Klaus Jarchow

    @ paul pretzel: Uwe wer? Man mag ja gegen Raddatz haben, was man will, gegen seine Arroganz, seine Larmoyanz, seinen Schickimicki-Lebensstil usw., wer ihm aber ‘Dummheit’ zum Vorwurf macht, der verfällt so ziemlich auf das dümmste Argument, das sich ihm gegenüber denken lässt: Von der DDR-Literatur über Tucholsky bis hin zu Beckett, Hubert Fichte und Genet hat Raddatz so ziemlich alles erst durchgepeitscht, was gegen die Sofakissen-Literatur der Adenauer-Zeit Anspruch auf Modernität machen durfte. Er war ‘a man on a mission’, dabei aber keine krakeelende Ich-Ich-Ich-Figur wie Reich-Ranitzki, der im Grunde ja von Literatur wenig Ahnung hat.

    Der Skandal um ‘Kuhauge’ war ja auch eher ein Streit um die Homosexualität (genauer: Bisexualität) des Verfassers. Diese öffentlich bekannte Veranlagung wiederum stand später beim Zeit-Rausschmiss Pate, als ihm ein eher lässlicher Lapsus bei der Goethe-Exegese zum Verhängnis wurde. Dönhoff und Bucerius in ihrem Spießertum fanden ‘Schwule’ nämlich ähbäh, aber so was von! Ein Bekennender als Chef des Feuilletons, das ging nun wirklich nicht, mit ‘Goethe und der Bundesbahn’ hatten sie dann den gewünschten Anlass gefunden. Das Buch ‘Kuhauge’ selbst habe ich übrigens nie gelesen. Ich schätze Raddatz als Kritiker, als Schriftsteller graste er m. E. doch immer eher auf fremdem Terrain …

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