Abends, vor dem Einschlafen, ziehe ich mir oft noch ein Buch aus dem Regal und lese darin ein paar Seiten. Zur Gänze lesen muss ich solche Texte nicht mehr, weil ich die Handlung bereits kenne. Gestern traf es Charles Dickens’ ‘Harte Zeiten’, seine gnadenlose Abrechnung mit dem Empirismus, mit den ‘Nutzenfanatikern’ und den Statistikern der viktorianischen Zeit.

Der Text beginnt mit einer Schulsituation. Dort steht Thomas Gradgrind, der Utilitarismus-Prediger, vor seinen Eleven und verkündet das Heiligtum der Fakten:

“Was ich verlange sind Tatsachen. … Sie können den Geist denkender Lebewesen nur durch Tatsachen bilden; nichts sonst wird ihnen je von geringstem Nutzen sein.”

Der folgende Roman falsifiziert dann diese Eingangsthese natürlich aufs Eindrücklichste. Es sind die kleinen ‘Ponytricks’ der Literatur, die diesen Roman zu einer lohnenswerten Lektüre machen.

Zwei Antagonismen sind es, die hier gleich anfangs ‘symbolisch’ illustriert werden. Da ist die phantasievolle Schülerin Sissy, die beim Wort ‘Pferd’ vom Zirkus redet oder ans Kunstreiten denkt. Sie gewinnt im Sonnenschein, der durch Fenster ins düstere Klassenzimer fällt, “tiefere und reichere Farben”, während der knochentrockene Bitzer, des Lehrers Liebling, unter der gleichen Sonne in völliger Farblosigkeit verschwindet. Dieser Bitzer definiert das Pferd dann zur vollen Zufriedenheit des Lehrers:

“Vierfüßler. Grasfressend. Vierzig Zähne. Nämlich vierundzwanzig Backen-, vier Augen- und zwölf Schneidezähne. Verliert die Haare im Frühjahr, in sumpfigen Gegenden auch die Hufe. Harte Hufe, die aber mit Eisen beschlagen werden müssen. Das Alter an den Zähnen erkennbar. / Mädchen Nummer 20”, sagte Mr. Gradgrind, “jetzt weißt du, was ein Pferd ist.”

Ach, wissen wir das? Was auffällt, ist die fast völlige Verblosigkeit derart empirischer Auflistungen. Substantive allein sind sprachlich wertlos, setzt man sie nicht mit Hilfe von Verben in Bewegung. Auch sie wollen traben und galoppieren, oder argumentativ über Hindernisse setzen. Bloße Fakten ohne Handlungsbezug klötern wie Alteisen im Sack eines Hökers oder Faktenhubers. Pferde sind sehr viel mehr, als es sich der beschränkte Geist eines ‘Empiristen’ ausmalen kann: Sie schuften – blind geworden – in den Schächten der englischen Bergwerke, sie ziehen die Kutschen der hohen Herrschaften, die durch Dickens’ Elendsviertel rollen, und am Ende ihres Daseins holt sie dann der Rossschlachter. Pferde leben also, die bloße Faktenhuberei dagegen nicht, Pferde haben eben nicht nur vier Füße und fressen Gras.

Natürlich ist solcher Empirismus auch heute noch zu finden, der Blick in eine beliebige Zeitung genügt: “BIP 23.100 Euro/Kopf, indexierter Kaufkraftstandard 93, Arbeitslosenquote 17 Prozent, Exportwert 1.835 Mio Euro, Korruptionsindex hoch.” Das wäre nach Ansicht unserer zahlengläubigen Utilitaristen dann bspw. ‘Griechenland’ …

Kurzum – man macht sich so seinen Reim, wenn man, angeregt durch ein scheinbar angestaubtes Buch, beim Einschlafen noch ein wenig mit seinen Gedanken bastelt. Es genüge, sagt Lichtenberg, einen Text an beliebiger Stelle aufzuschlagen und mit dem Finger auf einen Absatz zu tippen, um einen Roman darüber schreiben zu können … wohl wahr. Und ‘harte Zeiten’ entstehen regelhaft dann, wenn die excel-gesteuerten Empiriker regieren. Siehe McKinsey … die Welt bildet sich eben nicht in Zahlen ab.