If your memory serves you well ...

Dialogführung

In meinem allmählich heranwachsenden Bauernroman aus der Jetztzeit habe ich das Problem der Dialogführung für mich inzwischen gelöst. Keine indirekte Rede, kein ‘sagte, sagte, sagte’, nur ein paar dazwischen gestreute Handlungen, sonst nur das, was auch tatsächlich geredet wird, wobei sich (hoffentlich) die Frage, wer dort gerade spricht, aus dem Kontext ergibt. Hier ein Beispiel – der ‘Maisbaron’ ist gerade aufs Revier gestürmt:

„Ist das mein Sohn, den sie dort aus der Aller gezogen haben?“. Fritz Riethmüller kannte weder ‚Guten Tag‘ noch ‚Guten Morgen‘, er beherrschte einzig den Befehlston.

„Wir wissen es nicht.“ Karshüsing war um den Erhalt seiner morgendlichen Ruhe bemüht: „Sie sind Friedrich Riethmüller der ältere, nehme ich an?“

„Jawoll. Und während Sie sich hier tatenlos im Büro die Nüsse schaukeln, bin ich frühmorgens schon quer durch den Landkreis geheizt.“ Das grüngraue Jackett mit den Hornknöpfen bebte: „Ich will ihn sehen. Dann sage ich Ihnen, ob das mein Sohn ist.“

Karshüsing musterte den hageren Achtziger: „Besser nicht. Viel zu sehen gibt‘s da nämlich nicht. Wir wissen bisher nur, dass dieser Leichnam drei Messerstiche im Rücken aufweist. Es geht folglich um Mord – und ihr Sohn ist seit einigen Wochen vermisst gemeldet. Hatte er denn Feinde?“

Riethmüller rückte sich zurecht: „Wer hat die nicht? Es gab immer schon die Erfolgreicheren – und diejenigen, die mit der Zeit nicht Schritt halten können und sich dann das Maul zerreißen.“

„Aber dass sich deswegen gleich ein ganzes Dorf in zwei Hälften zerlegt …“

„Hören Sie doch auf: Dass der Kienacker und seine Mischpoke von den ‚Bäuerlichen‘ uns den Erfolg neiden, ist klar. Das sind Habenichtse und Öko-Terroristen, die lassen sich vor jeden Karren spannen, auf dem die Grünen und anderes ideologisiertes Pack hocken. Wenn’s nach denen geht, sind wir Bauern alle bloß noch Bambi-Mörder und Maisbarone. Mit jedem Jahr wird das schlimmer. Als jetzt, übrigens gesetzlich und streng legal, die Ergebnisse der Flurbereinigung bekannt gegeben worden sind, rasteten einige im Dorf vollends aus, bloß weil sie ein paar Äcker tauschen sollen.“

„Wer hat da denn was gemacht?“, Jenny hatte den Raum betreten.

„Na, protestiert haben die, Petitionen geschrieben, Widersprüche eingelegt – und mir dann Steine ins Gülleschott geworfen. Die Polizei aber ist etepetete – die mochte da nicht lange dran riechen. Drei Tage stand meine Anlage still. Und in der Einfahrt zu meinem Hof lag vor vier Wochen morgens ein Schweinskopf.“

„Was wollten die ihnen denn damit bloß sagen? – Woher wollen sie eigentlich wissen, dass ‚die‘ das waren? Wer sind überhaupt ‚die‘? Haben Sie jemand gesehen?“

„Wer sonst soll das denn gewesen sein? In Völlersode wohnen doch nur ich, der Klaasmann – und dann eben all die anderen. Sonst weit und breit niemand.“ Riethmüller hatte sich Schweiß geredet und fuhr mit dem Ärmel über die Stirn.

„Ganz schön einsam, so’n Bauernleben!“ Der Sarkasmus in Karshüsings Stimme troff: „Was kam bei den Ermittlungen denn heraus?“

„Gar nix kam dabei heraus: Ermittlungen gegen Unbekannt mangels Erfolgsaussicht eingestellt. Punkt. Die ganze Bande hält ja zusammen wie Pech und Schwefel. Wenn‘s eng wird, bauen sie sich eine Wagenburg aus Alibis. Am schlimmsten aber ist dieses dämliche Grinsen, wenn sie mich sehen.“

„Das ist ja nicht verboten.“

„Aber das macht ein Dorf kaputt. Früher wurden wir großen Bauern geachtet – und die anderen zogen die Mütze.“

„Nun ja, das alte System kenne ich auch, schließlich bin ich auch auf einem Dorf aufgewachsen. Das geschah, weil man die Großen brauchte. Wozu braucht man Sie heute noch, lautet da doch die Frage.“

„Kommen Sie mir nicht komisch.“ Riethmüller war ehrlich empört: „Ich verschaffe den bäuerlichen Anliegen eine Stimme im Landtag, ich sitze in den Aufsichtsräten von Saatgutfirmen und Fleischverwertern, ich kenne die entscheidender Männer in den Verbänden.“

„Komisch, dass ihre Dorfgenossen Ihr segensreiches Wirken wohl anders erleben. Vielleicht sind ihre Anliegen ja nicht mehr deren Anliegen. Ging ihr Sohn eigentlich oft in den Puff?“ Jenny wechselte das Thema.

„Wer tut das denn nicht?“

„Naja – mein Mann zum Beispiel.“

Riethmüller musterte Jenny von oben bis unten – und zurück: „Warten Sie mal, bis Sie Falten kriegen. Karl war schließlich Witwer – und durch die Rippen schwitzen kann er sich das ja nicht.“

Inzwischen gibt’s noch diverse andere Vernehmungen zur Erläuterung der neuen dörflichen Sozioökonomie, ein Mechaniker verklogfidelt uns auf Platt die Funktionsweise und die Gewinnchancen einer Biogasanlage, eine deftige Keilerei mit Auftrags-Rockern im Gasthof kommt hinzu (1:0 für die Arbeitsgemeinschaft übrigens), der Vertreter der Regionalpresse heult sich über ideologische Zwänge bei der Berichterstattung aus, ein versprengter Dorfphilosoph wandert auf den Spuren von Arno Schmidt, eine schwangere Bäuerin muss am Saustein lecken, ein Vertreter der Flurbereinigung wird aus dem Saal gebrüllt, der Gastwirt hat auch was zu melden, als nächstes reisen chinesische Investoren mit ordentlich Ballyhoo in der Kleinstadt an, und der Kommissar muss morgen ins Bordell. Derweil wird die Lage auf den Dörfern explosiv: In allen Schuppen lagert säckeweise das hochgefährliche Ammoniumnitrat …

10 Kommentare

  1. NichtImmerNurBöserKritiker

    Wann ganz zu lesen?

  2. NichtImmerNurBöserKritiker

    wiescho verschluckt das System mein “sabber” in spitzen Klammern? Ist das jetzt ein valides HTML-Tag?

  3. Klaus Jarchow

    Naja, zur Zeit machen sich die Figuren zunehmend selbstständig – und ich schreibe ihnen bloß hinterher. Nach wie viel Seiten das endet, weiß ich absolut nicht.

    Wegen Tags musst du WordPress fragen. Ich nehme immer Asterikse * …

  4. lupe

    “Das grüngraue Jackett mit den Hornknöpfen bebte: „Ich will ihn sehen. Dann sage ich Ihnen, ob das mein Sohn ist.“”

    Das geht nicht, denn es würde bedeuten, dass das Jackett etwas bebte im Sinn von sagte, also dass das Jackett den Herausgezogenen sehen will. Also weg mit den Doppelpunkten, auch in den andere Absätzen.

  5. Jeeves

    “durch den Landkreis geheizt” =
    Nicht “gehetzt”?
    Aber vermutlich ist das lokaler Jargon.

  6. NichtImmerNurBöserKritiker

    “heizen” für “schnell fahren” kommt noch von den Dampfloks. Ebenso wie das nur im Ruhrpott überlebende “stochen” (von (im Feuer unter dem Heizkessel) stocheRn um größere Hitze zu erzeugen).

  7. St. Bob

    Sehr schön.
    Gegen die sporadische Verwendung von etwa
    “Davon wussten wir nichts.” log Hans-Peter
    wäre aber stilistisch auch nichts einzuwenden.

  8. Klaus Jarchow

    Riethmüller ist 81 Jahre alt, ‘geheizt’ passt da schon. Ich kenne den Ausdruck aber auch von Jüngeren als stehende Redenart (“der ist geheizt wie ein Irrer”), Worte leben ja fort, auch wenn der metaphorische Anlass längst auf dem Schrottplatz liegt. Siehe ‘Steigbügelhalter’, ‘brandschatzen’ usw. …

    Den Einwurf mit dem Doppelpunkt zu generalisieren, zögere ich noch. An der Stelle aber ist es höherer Blödsinn, klar …

  9. AlterBolschewik

    Ich kenne ja nur die oberschwäbischen Bauern, unter denen ich aufgewachsen bin – aber “etepetete” hätten die nicht im aktiven Wortschatz gehabt, wahrscheinlich noch nicht mal im passiven. Selbst wenn es sich um “Honoratioren” handelte.

    Ansonsten: Wirklich überzeugende Dialogführung; nur durch die vorherige Ankündigung wirkt sie etwas maniriert, ansonsten wäre mir das nicht aufgefallen.

  10. Klaus Jarchow

    Erstmal, merci.

    Dass ihr ‘etepetete’ nicht im Wortschatz habt, mag daran liegen, dass ihr in Schwaben nicht von den Franzosen besetzt wurdet. ‘Etre, peut-etre’, das ‘Mag sein oder auch nicht sein’, zielte zunächst auf die hohlen Versprechungen der hohen Besatzungsoffiziere während Jeromes ‘Westfälischem Königreich’ und wurde später generell zu einem Kennzeichen für bessere Leute aus der Verwaltung und ihre Unfähigkeit, feste Zusagen zu machen. Die Wortbedeutung hat sich bis heute allerdings verschoben, etepetete ist jemand, der sich für so ‘fein’ hält, dass er sich an die niederen Sitten des Volkes nicht anpassen kann.

    In Norddeutschland gibt es noch zahlreiche Übernahmen ‘ut de Franzosentid’, zum Beispiel auch die ‘Fisimatenten’, das Töchterchen sollte also nicht fraternisieren, und kein ‘Visite ma tente’ machen …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2020 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑