If your memory serves you well ...

Der radikale Mittelstand

Große Teile der bürgerlichen Mittelschicht sind dabei, sozial zu verrohen.”

Ein zutreffende Analyse. Ich kann den ideologischen Wirkungsmechanismus sogar verstehen, akzeptieren kann ich den Verlust aller moralischen Standards nicht. Man sollte den Kopf schon oben behalten, und nicht aus anderen Löchern heraus argumentieren.

Politisch wird die ‘Mittelschicht’ nur noch in den Sonntagsreden gebauchpinselt. Faktisch aber ist es so, dass man ‘der Mitte der Gesellschaft’ alle Lasten aufbürdet, weil unten längst nichts mehr zu holen ist, während man zugleich die so genannten ‘Eliten’ und die Oberschicht konsequent schont – und zwar parteiübergreifend. Der Krakeel ist daher unausweichlich, alle Foren sind übervoll davon. Nur dass diese Denkbefreiten immer nur nach unten treten – und dabei von gewissen ‘Qualitätsmedien’ auch noch angefeuert werden, mittels der alten Ganovenweisheit ‘Haltet den Dieb!’ …

9 Kommentare

  1. sol1

    Allerdings trägt Frau Ditfurth mit ihrem vulgärmarxistischem Dummquatsch dazu bei, diese Verhältnisse zu betonieren:

    Mir wird übel, wenn heute eine Vertreterin der Linken die “soziale Marktwirtschaft” der alten BRD lobt. (…) “Soziale Marktwirtschaft” für etwas Besseres als den hundsordinären Kapitalismus auszugeben, ist ein ähnlicher Betrug wie die sachfremde und strukturell antisemitische Trennung von Produktiv- und Finanzkapital. Da wird dann vom internationalen “Turbo- oder Casino-Kapitalismus” geschwätzt und der vom angeblich guten deutschen produktiven Kapitalismus unterschieden.

    Es hat nichts mit Antisemitismus und Nationalismus zu tun, wenn man untersucht, wie der Finanzsektor den Rest der Wirtschaft destabilisiert.

  2. Klaus Jarchow

    Ja, die gute Jutta – die ist ganz brauchbar, wenn es bspw. darum geht, den Glorienschein vom verklärten Bild deutscher Adelssippen zu schrubben, in diesen Familiengeschichten kennt sie sich tatsächlich aus.

    Aber politisch befindet sie sich unverändert auf dem Standpunkt der Audimax-Debatten meiner Studentenzeit. Eine solche Petrifizierung ihrer Ansichten ist schon bemerkenswert. Die ‘strukturell antisemitische Trennung von Industrie- und Finanzkapital’ bspw. wurde vom ollen Kalle Marx persönlich kreiiert, in den ‘Klassenkämpfen in Frankreich’. Auch der Egon Friedell, sicherlich kein Antisemit, schrieb in seiner Kulturgeschichte ähnliches. Aber man muss ja nicht alles wissen, merkbefreit ‘dittfurthet’ es sich gleich viel angenehmer.

    Der Faschismus in der Weimarer Republik, samt seinem ‘Antisemitismus’, der war ganz wesentlich eine Bewegung der ‘radikalisierten Mitte’, die mit ihren Abstiegsängsten heute wiederum massiv nach rechts driftet. Gut – einige Oberschichtler (namentlich der bajuwarische Wagner-Clan), die nahmen den ‘Führer’ nach Versailles dann unter ihre Fittiche und machten den Wirrkopf überhaupt erst präsentabel, weil sie in ihm aus obskuren Gründen den ‘Jung-Siegfried’ aus den Nibelungen sahen. Der Rest von dem Banker- und Trust-Milieu aber wählte bis 33 wohl eher DNVP oder DVP, was nicht heißt, dass nicht auch dort der ‘Antisemitismus’ grassierte. Dort gingen aber Geschäftsinteressen vor, man lud sich nur keine Juden zum Diner. Der Antisemitismus, dieser ‘Sozialismus der dummen Jungs’ (Bebel), spielte damals wohl nur in der Arbeiterschaft kaum eine Rolle …

  3. ernte23

    Ditfurths Hinweis in dem Interview, aus dem das Zitat stammt, auf die historischen Bedingungen unter denen das sog. Wirtschaftswunder zustande kam, halte ich für vollkommen gerechtfertigt. Ohne den Nachhall des zweiten Weltkriegs und ohne den Ostblock hätte es viele soziale Wohltaten nicht gegeben. Ich sehe auch nicht, was daran marxistisch ist. Gut, für viele Ökonomen ist man schon Marxist, wenn man annimmt, dass die Unternehmen selbst den Produktivitätszuwachs vorantreiben.

    Der Sinn des Begriffs des strukturellen Antisemitismus ist mir hingegen schleierhaft.

  4. Klaus Jarchow

    Ich sage ja auch nicht, dass alles unzutreffend ist, was sie sagt. Sie mischt nur so vieles bunt zusammen, zumeist, bis sie ganz allein noch recht hat.

    Struktureller Antisemitismus meint in etwa (in der Wissenschaft, nicht bei der Jutta): Es gibt in bestimmten Köpfen eine düstere Rasse/Klasse/Macht, die im Hintergrund immer die Fäden zieht und alles insgeheim beherrscht. Das wäre dann die Struktur dieses Denkens. Die Leerstellen besetzt du dann mit ‘die Juden’, ‘die Templer’, ‘die Fremden’, ‘die Muslime’, ‘der Kapitalismus’, ‘der Sozialismus’, ‘die da oben’ usw. Die Feinde wechseln, die grundlegende Struktur bleibt immer erhalten. PI wäre demnach ‘strukturell antisemitisch’, obwohl sie doch die lautesten Hallelujah-Trompeten des Staates Israel sind, und es bei ihnen doch immer nur gegen die muslimische Weltverschwörung geht. Im Grunde ist jeder Verschwörungstheoretiker dann auch gleich ein ‘struktureller Antisemit’. Was Frau Ditfurth allerdings dort genau meinte, entzieht sich meiner Kenntnis. Zwischen Industrie- und Finanzkapital zu unterscheiden, wie der Karl Marx das als erster machte, setzt ja eher eine neue Differenz. Historisch erlebte der wohl, wie die Finanzoligarchie während der bankergesteuerten Julimonarchie von 1830/31 die Industrie ganz schön schikanierte, weshalb auch die Industriellen in der nachfolgenden Revolution von 1848 dann ‘revolutionär’ wurden, sich also gegen das übermächtige Finanzkapital wandten. Das war faktisch so, das ist nicht alles ‘eine Soße’ wie die Jutta das suggeriert …

  5. ernte23

    Zwischen Finanz- und Industriekapital zu unterscheiden, kann aber bedeuten, beide unter den Begriff Kapitalismus zu fassen. Andernfalls landet man eventuell bei den Vorstellungen, die “gutes” und “böses” Kapital unterscheiden. Beide zielen letztlich auf Gewinnmaximierung, in Form von Geld.

  6. Klaus Jarchow

    Richtig – es wären dann innere Gegensätze innerhalb eines Gesamtsystems ‘Kapitalismus’. Das heißt aber noch nicht, dass die beiden Interessen identisch sind. Die Industrie immerhin produziert etwas, Güter oder Waren, die einen mehr oder minderen gesellschaftlichen Nutzen haben. Der Finanzkapitalismus reproduziert nur sich selbst, er erzeugt ein schlichtes ‘Mehr’. Von Nutzen lässt sich dort schlecht reden.

  7. ernte23

    Industrie- und Finanzkapital sind aber schon miteinander verwoben, denn die Liquidität auf den Finanzmärkten muss schließlich irgendwo hergekommen sein.

  8. Klaus Jarchow

    Die ‘Liquidität’ kommt primär von den Zentralbanken, allein die ‘Bonität’ ist das, was Privatbanken auf ihre Kappe nehmen. Solltest du bspw. 100.000 Euro als Kredit für den Kauf einer Wohnung aufnehmen, dann ist die falsche Vorstellung die, dass der Banker jetzt an seinen Tresor geht, um dir das Geld aufs Konto zu transferieren. In Wirklichkeit meldet er nur eine Kreditvergabe bei der Zentralbank an, und er erhält dafür ‘Giralgeld’ überwiesen – virtuelles Geld also. Sein Geschäftsvolumen wächst, der Kapitalbestand der Bank schrumpft aber nicht. Für dieses ‘frische’ Geld bezahlt die Bank dann die niedrigen Zentralbankzinsen – haut aber dir einen weitaus höheren Zinssatz drauf. Das ist der ‘Gewinn’ der Bank. Nur, wenn du als Schuldner ‘ausfällst’, guckt die Bank in die Röhre. Die Liquidität auf den Märkten hängt heute also allein davon ab, ob die Banken noch Geld herausrücken, oder ob sie mit der Giralgeld-Flutung lieber allein und anderswo herumspekulieren. Sie sind gewissermaßen institutionalisierte Makler. Im Prinzip aber würde das Modell auch ohne zwischengeschaltete Banken laufen. Was aber sagen dann die Aktionäre?

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