If your memory serves you well ...

Der Kindermord zu Freising

Oft war ‚Aberglaube‘ bloß ‚Anderglaube‘. Die Beschreibung des Teufels durch die Delinquenten gleicht dann oft dem Bild der ‘High Society’, in der Neuzeit also dem von Priestern und Bischöfen, von adligen und patrizischen Würdenträgern. Das war Anfang des 18. Jahrhunderts auch in der Fürstbischofsstadt Freising vor den Toren Münchens der Fall, einer Stadt, die solchen Opfern des örtlichen Honoratiorentums als eine ‚verkehrte Welt‘ erschien: „Ein Herr im schwarzen Habit mit großem Hut, der in einer unverständlichen Sprache gesprochen habe“ sei der ‚Deifl’ dort gewesen. Er trat also ganz so auf, wie der Herr Pfarrer auf der Kanzel.

Jene Verbrechen, die in dieser Gegend nicht ‚weisen Frauen‘, sondern kleinen Jungen und Heranwachsenden zur Last gelegt wurden, die bestanden in ‚Verhohnepiepelungen‘ einer offiziellen Liturgie, wie beispielsweise im benachbarten Erding, wo fünf Buben zwischen zehn und vierzehn Jahren pubertäre ‚Gossenpoesie’ von sich gaben, wie sie zu unserer Zeit auch der frühe Peter Rühmkorf sammelte: „Vater unser, der Du bist, die Mutter lieget auf dem Tisch, der Vater lieget oben drauf, macht der Mutter einen großen Bauch“. Zotige Albernheiten, welche den zuständigen Bannrichter Johann Georg Golling nicht daran hinderten, diese Kinder vom Scharfrichter erbarmungslos foltern, köpfen und verbrennen zu lassen.

Die Religion, so wie sie die katholische Kirche damals verstand, war wahrlich keine Angelegenheit des Landvolkes. Sie war zwischen Hopfen und Malz überhaupt noch nicht fest verankert. Zwischen Stadt und Land gab es einen tiefen kulturellen Graben. „Ich glaube“, das lässt Ulrich Bräker, der schreibende Schweizer Zeitgenosse dieser Inquisitoren, einen seiner archetypischen Bauern lästern, „daß mich die Erde hervorgebracht hat wie ein andere Thier und daß ich wieder in ihrem Schooß vermodere wie eben dieselben“. Religion war primär eine städtisch-akademische Veranstaltung, dazu in lateinischer Sprache gehalten, selbst die Dorfkirche war bloß der einsame Vorposten der Aufklärung auf dem Land.

Von den vielen Hexerei-Fällen jener Zeit ist der Freisinger Hexenprozess (1715 – 1723) besonders gut dokumentiert. Im Hauptstaatsarchiv München hat der umfangreiche Aktenbestand die Wirren der Zeiten überdauert. Der Konstanzer Historiker Rainer Beck hat den Fall neu aufgerollt – der uns in der Folge nicht durch seine mittelalterliche Exotik, sondern durch seine ungeahnte Modernität in den Bann zieht: Zu sehr erinnern die Verhörmethoden der Inquisitoren an diejenigen heutiger Sachverständiger und Gutachter, die ja auch auf der ständigen Jagd nach Widersprüchen und Inkonsistenzen in der Argumentation sind, die als ‚Profiler‘ der abartigen Geistesverfassung ihrer Täter nachsteigen müssen. Wie sehr glauben denn sie an das, was sie für ‚widernatürlich‘ halten? Jeder Hexenjäger muss zumindest die Existenz von Teufeln und Hexen für möglich halten, und sei es als ‚Konstrukt‘.

Begonnen hatte alles in Freising, einer betulichen Kirchstadt, mit einem Fall von „Mäusemacherei“. Fünf verwaiste Bettelbuben, die damals die Behörden von tugendhafteren ‚Stadtbuben‘ zu unterscheiden begannen, bezichtigten sich aus wechselseitigem Hörensagen, dass bei Zusammenkünften unter Isarbrücken und anderswo lebende Mäuse und Ferkel aus Lehm geformt worden seien, ganz so, wie einst Gott den Menschen schuf. Hierin, in diesem lebensschöpferischen Akt, lag die Blasphemie. Unter dem Druck der Inquisitoren, nach Wochen dunkler Kerkerhaft, fiel erstmals ein Achtjähriger um, er bestätigte die Anschuldigungen seiner ehrwürdigen kirchlichen Richter, der Prozess begann. Teufelstänze in Vötting kamen bald hinzu, die üblichen Buhlschaften mit dem Teufel, schwüle homoerotische Erlebnisse, und Pakte, die mit Blut unterzeichnet wurden. Nur dass niemand zu sagen wusste, was in dem Pakt gestanden hätte.

An dieser Stelle ist nicht der Raum, die Argumentationen, Wendungen, Rechtsverrenkungen und die bemühte Rabulistik nachzuzeichnen, die dieser tausendseitige historische Kriminalroman bietet. Wesentlich ist, dass all dieser Aberglaube ‚von weit oben‘ ausging, dass der ‘Hexenglaube’ – zumindest in den hier genannten Fällen – keinerlei feministische Wurzeln hatte, dass er uns eine Welt zeigt, die zwar noch nicht aufgeklärt war, aber sich auf dem Weg zur Aufklärung befand. Denn die Rechtfertigungen und Schriftsätze zeigen allesamt schon das Bemühen um Wahrheit und Widerspruchsfreiheit, allerdings in einer hoffnungslosen Sache, die mangels Fakten auf dem Boden des Katholizismus nicht zu bewahrheiten war.

Wer glaubt, er sei als aufgeklärter Mensch von solchem Aberglauben heute frei, der möge an die „unsichtbare Hand des Marktes“ denken, an „selbstregulierende Prozesse“, an den „Urknall“ oder an die „große Liebe“, bevor er sich so unvorsichtig äußert. Sicher ist nur, dass die unschuldigen Freisinger Kinder massiv gefoltert wurden, dass die grausamen Richter kleine Kinder jahrelang ‚im Dunkeln‘ ließen, dass der Selbstmord eines inzwischen Dreizehnjährigen die leerdrehende Mühle des Prozessgeschehens fast außer Kraft gesetzt hat. Trotzdem, am 12. November 1717 im Morgengrauen, wurden drei der Bettelkinder, der Balthasar, der Lorenz und der Michael, hingerichtet. Ihre Namen mögen hier als katholische Religionsopfer ehrenvoll Erwähnung finden.

Als wäre dieses Urteil nicht schon erschreckend genug, folgt vier Jahre später noch ein Folgeprozess, der dann halb Freising in den Kerker bringt. Alle Gefängnisse quellen über, jeder Angeklagte kann nur auf Wohlwollen zählen, wenn er möglichst viele neue Angeklagte ins Geschehen integriert, die Justiz wird zum Selbstläufer, Stalin lässt grüßen, auf dem Freisinger Domberg ist im wahrsten Sinne des Wortes der Teufel los. Die Sodomie kommt als neues Delikt hinzu, ein Vergehen, das der katholischen Kirche bisher eher nicht fremd war, in einer Zeit, wo es Schwulenbars nicht gab. Selbst der „Bannrichter“, der die Todesurteile verkünden sollte, verfällt in offene Renitenz gegen seine kirchliche Obrigkeit, die sich systematisch unfähig zeigt, einen ‚Justizirrtum‘ auch nur in Betracht zu ziehen.

Trotz der ungeheuren Materialfülle, die Rainer Beck vor uns ausbreitet, hat das Buch Schwächen. Vor allem das Fehlen sozialer und wirtschaftsgeschichtlicher Faktoren irritiert. Die ländliche Welt jener Zeit befand sich im Umbruch, die Unterscheidung zwischen ländlichen und ‚gemeindeeigenen‘ städtischen Betteljungen ist ein erstes Indiz für eine Diskriminierung, die nicht länger den Gesetzen christlicher Pietas gehorcht. Überall hatte unter dem Einfluss der Kameralistik die ‚Rationalisierung‘ ländlicher Lebensverhältnisse begonnen. Ehemaliges Gemeinland wurde aufgeteilt und fiel an Großgrundbesitzer und besitzende Bauern, überlieferte Gerechtsame – Holzschlag etc. – wurden den besitzlosen Unterschichten amtlicherseits ohne Kompensation entzogen. Der Pauperismus wuchs nicht aus Gründen der Demographie zum ‚vagirenden Bettel‘ heran, hier schloss er nur ansatzweise die Lücken, die der Dreißigjährige Krieg gerissen hatte. Vielmehr waren damals ‚Mäusemacher‘ in ganz anderer Gestalt unterwegs, zum Teil trugen sie schon ein aufgeklärtes, nahezu Rürup’sches Habit, wo alles gut gemeint war, was sich verderblich auswirkte. Die Freisinger Hexenprozesse betrafen die Hartz-IV-Opfer jener Zeit, es ist der ländliche Strukturwandel, der einen höchst eigenen Aberglauben bewirkte. Mit Hilfe des Teufels wurde lästiger ländlicher Bettel ausradiert, die ‘Wissenschaft’ instrumentierte den Aberglauben als Büttel. Von solchen ökonomischen Hintergründen, die durch ein wenig Agrargeschichte ‘aufzuklären’ gewesen wären, schweigt Becks Buch.

Trotzdem handelt es sich bei diesem 1000-Seiten-Wälzer um eine fesselnde und lohnende Lektüre. Weil das Buch anhand einer Materialfülle ohnegleichen zeigt, wie durch ein wenig Religion und Afterglaube eine ganze Stadt in kollektive Hysterie zu versetzen ist. Wer den ‚Medicus‘ mag oder auch den Stieg Larsson, der möge sich auch mal am realen Horror der Historie versuchen …

[Rainer Beck: Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen.
Ein Hexenprozess 1715 – 1723.
C. H. Beck, München 2011, 1008 S.]

5 Kommentare

  1. Georg Wolf

    Dass die Hexenverfolgung, wie Sie richtig schreiben, keineswegs nur Frauen traf, ist lange bekannt. So las ich kürzlich im Vorwort einer Ausgabe der „Trutz-Nachtigall“ des Friederich von Spee, Coesfeld, bei B. Wittneven. Münster, in der Theissingschen Buchhandlung,1841, das Folgende, und das nur als Beispiel:

    „Grade in den Jahren 1627, 1628 bis Februar 1629 wurden in Würzburg allein in 29 Bränden 158 Hexen verbrannt. Unter diesen befanden sich ein Rathsherr mit seiner Frau, 8 Vikarien im neuen Münster, 4 Chorherren, ein geistlicher Doktor, eine Edelfrau, 18 Knaben von zehn bis vierzehn Jahren, unter den Mädchen ein blindes und eines von 9 Jahren mit ihrem noch jüngeren Schwesterlein.“

  2. Klaus Jarchow

    Jaja – es ist noch nicht einmal sicher, ob nun mehr Männer oder mehr Frauen den Hexer- oder Hexenverfolgungen zum Opfer fielen. Nur habe ich zu einer Zeit studiert, wo laut akademisch-ideologischer Halbbildung damals ‘der Patriarchalismus’ das überlegene feministische Wissen ‘weiser Frauen’ ausrotten wollte. Bei der Hexenverfolgung sei es im Kern darum gegangen, dass Wissen gebenedeiter Weiber um Schwangerschaftsverhütung, Mondtanz und Eurythmie usw. zu eliminieren – oder so ähnlich. War schon ‘ne dolle Zeit!

  3. Ludwig Trepl

    Nur eine Kleinigkeit, aber das da:
    “„Ein Herr im schwarzen Habit mit großem Hut …” Er trat also ganz so auf, wie der Herr Pfarrer auf der Kanzel”
    ist falsch. Katholische Priester waren und sind auf der Kanzel nicht schwarz, sondern bunt wie Papageien.

  4. Klaus Jarchow

    Bist du sicher? Freising war eine Klosterstadt mit sehr vielen Ordensleuten. Wenn die Magnifizenz also direkt aus der Klosterzelle kam? Wie dem auch sei, andernfalls sah der Leibhaftige dann eben so aus, wie einer der Richter oder Ratsherrn.

  5. Ludwig Trepl

    Na, ganz sicher bin ich nicht. Es gab in Freising i. w. Benediktiner und Franziskaner (ich weiß das, ich habe lange dort gelebt). Beide sind braun gewandet (siehe die Guten aus “Name der Rose”, die Bösen, die Dominikaner, sind die weißen), nur eine Untergruppe der Franziskaner ist schwarz, die Minoriten, aber ob es gerade die in Freising gab?

    Schief wird dein Satz aber vor allem dadurch: Die schwarze Kleidung, auch der schwarze Talar war die Tracht der Gelehrten (man kann es heute noch bei jeder angloamerikanischen Universitätsfeier sehen, oder in der Werbung für deutsche Business Schools), also, wenn man die Geschichte ein wenig zurechtbiegt, damit sie zur Theorie paßt, die Tracht nicht des Klerus, sondern des Gegenpols. Der schwarze Talar der protestantischen Geistlichen ist die Gelehrtenkleidung, und seine Einführung war auch – wieder muß man die Geschichte etwas zurechtbiegen – eine Art Demonstration im Zuge der Abschaffung der Priesterkaste. Also irgendwie: Schwarz gehört zur Aufklärung. Da würde der Herr Ratzinger – auch ein langjähriger Freisinger – natürlich gleich einstimmen und sagen: klar, der Teufel ist die Aufklärung, wir wußten schon, wen wir verbrennen mußten.

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