If your memory serves you well ...

FDP-Moral

Ludwig Greven heißt er – und er ist Text-Chef (was immer das nun wieder ist, vermutlich ‘Zensor’) der Wochenzeitung ‘Zeit’. Der begibt sich nun Arm in Arm mit Theo Sommer und Alice Schwarzer frohgemut auf den Boulevard, um dort das Hexeneinmaleins zu rezitieren.

Einleitend gibt’s ein paar rhetorische Fragen, dann folgt das Vexierspiel des ‘Teile und Herrsche’, eine der beliebtesten Übungen des Polit-Jesuitismus: Es gäbe nun einmal nicht DIE Moral, davon gäbe es nämlich ganz viele, und zwar abhängig von sozialer Stellung und Einkommensniveau. Kurz gefasst: Je Knatter, desto gesetzbefreiter. An dieser gehobenen Moral könne der kläffende kleingeistige Pöbel mit seinem dünnen Portemonnaie doch gar nicht klingeln:

“Die Gesellschaft zerfällt in eine Vielzahl von Gruppen und Individuen mit jeweils eigenen Wertvorstellungen. Sie beanspruchen nicht unbedingt eine Allgemeingültigkeit ihrer eigenen Lebensweise. Aber sie wehren sich immer häufiger dagegen, die Vorstellungen anderer zu akzeptieren.”

Tscha, und wenn der Rocker mitsamt seiner ‘Privatmoral’ in den Bau einfährt, dann habe das die Bourgeoisie noch lange nicht zu befürchten. Was wohl der beraubte Staat und das Finanzamt zu solch verqueren Ansätzen sagen, die derzeit ja wohl mit den ‘Vorstellungen anderer’ gemeint sind? Klar müsse uns jedenfalls sein, dass im darwinistischen Überlebenskampf dort oben im ‘House on the Hill’, wo Verelendung bei jedem Börsensturz droht, auch so mancher verstohlene Griff erlaubt ist, den Hans Würstchen sich niemals gestatten dürfte:

“Gleichzeitig üben die Individualisierung und Parzellierung der Gesellschaft, der Wegfall sozialer Bindungen, verbunden mit einer gewachsenen Konkurrenz im globalisierten Kapitalismus, auf den Einzelnen immer stärkeren Druck aus, für sich selbst zu kämpfen. Rücksichtnahme auf andere und eine nebulöse gesellschaftliche Ethik erscheinen da oft als ein Hindernis.”

Schon wieder falsch – was erschiene unseren ‘hochindividualisierten Bessermenschen’ denn dort als ein ‘Hindernis’ für was? Sich ungestört und frisch-fromm-fröhlich als sozialer Anarchist zu gebärden? Ferner – wie man’s auch dreht und wendet – scheinen die ‘dort oben’ doch eben nicht individualisiert, sondern zumindest in ihrer kriminellen Energie sind sie sich schon mal ziemlich ähnlich. ‘Nebulös’ erscheint ihnen auch nur jener in Rede stehende ethische Kernsatz, der da lautet: “Du sollst deinen Staat nicht um sein Geld bescheißen”.

Sei’s drum – wer die ‘Zeit’ liest, wird doch täglich schlauer. Auch dank Greven, denn dieser Staat und die bürgerliche Gesellschaft seien ja eh nur noch Chimären, an die nur die Blöden im Geist noch glauben. Der avancierte Journalist ist da längst aufgeklärter und weit fortgeschritten:

“Weshalb aber wird dann gerade von Politikern, Managern und Prominenten aller Art verlangt, dass sie sich jederzeit an die Spielregeln einer kaum noch greifbaren Gemeinschaft halten sollen?”

Vielleicht weil die kaum noch greifbare Gemeinschaft jetzt nach denen greift? Doch da oben wäre ja – laut Greven – privatmoralisch so ziemlich alles erlaubt. Der Verfasser selbigens klingelt schlussendlich noch mal kurz beim Flick-Skandal an, nennt ihn “ein bis heute kaum zu übertreffendes Maß an Moralvergessenheit” *, um dann fröhlich und aus logisch nicht nachvollziehbaren Gründen gerade dieses Beispiel für seine Conclusio zu nehmen, dass es nämlich nirgendwo nichts Neues unter der Sonne gäbe – alles war, wie’s ist:

“Schon immer haben Wohlhabende ihr Vermögen am Fiskus vorbeigemogelt. Sie zogen in die Schweiz, um Steuern zu sparen, legten ihr Geld im Ausland an oder versteckten es in dubiosen Stiftungen.”

Doch, doch, dies Neue gibt es schon, bester Herr Greven. Es heißt ‘CD-Kauf’ und ‘automatischer Informationsaustausch’. Glauben Sie mir, vielen werden schon bald die geltende Moral und vor allem die Gesetze nicht mehr ganz so ‘nebulös’ erscheinen, wie sie’s ihnen lange Zeit mal waren.

Als Zierpetersilie streut der gute Mann dann noch ein wenig Allotria darüber, dass doch jeder von uns ‘ein wenig Hoeneß’ sei, das Übliche halt, womit sich eine “selbsterklärte Masse” in die Tasche zu lügen pflege. Was aber das nun wieder für ein Ungeheuer sein soll, das müsst ihr ihn schon selber fragen.

Kurzum – wer ein probates Abführmittel sucht, der greife getrost zu diesem Blatt. Wie der Textchef diesen Text allerdings am Textchef vorbeilotsen konnte, das bleibt eine unbeantwortete Frage …

* Hier setzt er plötzlich die Moral wieder in den Singular, springt also seiner einleitenden These mit dem Mors ins Gesicht. Mal zur Klarstellung: Moral ist allemal etwas, was man sich nicht selbst zusammenbasteln kann, sondern ein Wertekanon, der uns ‘von außen’ abverlangt wird, ein gesellschaftlicher Konsens. Nehmen wir das Beispiel ‘Ganovenmoral’: Hält sich das Individuum nicht an jene Gesetze, die im Milieu gelten, dann gibt’s mindestens Dresche, oder sogar einen Betonklotz an die Füße. Weshalb? Wegen Verstoßes gegen die dort geltende Moral. Obwohl das Individuum das natürlich anders sieht. Das nützt ihm aber nichts. ‘Individuelle Moral’ ist daher ein ebensolches Unding wie ein ‘vegetarisches Krokodil’ … ist es ‘individuell’, ist es keine Moral.

2 Kommentare

  1. Anti-FROGS

    Text ist bei der Zeit schon seit langem zum Neusprech geworden.

    Ein Politredakteur, der zum Text-Redakteur mutierte ist also in Wahrheit ein beim Wahrheits-Ministerium akkreditierter Neusprech-Redakteur!

    Und nur mal so…….Neusprech kann er gut der Ludwig Greven!

    MfG

  2. Klaus Jarchow

    Naja – immerhin habe ich ihm dafür die Google-Leiste ‘individualisiert’. Wer sucht, der findet jetzt … und auf 40 Seiten Fellgerbung in den Kommentaren bringt’s bei der ‘Zeit’ ja auch nicht jeder.

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