If your memory serves you well ...

Das Orthographieproblem

In der ‘Zeit’ findet sich ein Artikel zur Absicht der süd- und mittelamerikanischen Staaten, den Drogenhandel und -verkehr demnächst völlig zu legalisieren. Niemand würde dort dann mehr wegen Drogenbesitzes oder Drogenhandels kriminalisiert, Bush’s ‘War on Drugs‘ wäre endlich auch öffentlich gescheitert, wo er’s informell doch schon längst ist.

Darauf will ich hier aber gar nicht hinaus. Es findet sich nämlich in der Kommentarleiste (die diesen Plänen übrigens weitgehend positiv gegenübersteht) ein Beitrag, dem es zwar nicht an Vernunft mangelt, wohl aber an der Orthographie. Hier ein Auszug, der vor allem auf Schnelltipperei ohne nochmalige Lektüre hindeutet:

“Das sind die erste vernünftige worte die ich seit jahre lese. Wem hat bisher das proibizionismus genuzt in alle westliche länder,ausser bestimmte lobbys? Mit eine lineralirierung aller drogenm hätte man seite der staaten das besser unter kontolle,es ist absurd was manchmal für ein aufwand betrieben wird allein in Deutscland um kleine kiffer die ein paar gram haben zu verfolgen,und das immer erfolglos. Slebst bei harte drogen hat sich die staatmacht meistens auf kleine fische konzentriert,die wirklichen grossen machen munter weiter mit enorme gewinne. Durch eine legalisierung wäre vieleicht möglich zu vermeiden das junge menschen nicht mehr in kontakt mit schwarzmarkt händler(die meistens im kriminellen milieau handeln).

Es findet sich in diesem Elaborat alles, was auch den berufsmäßigen Schreibern bekannt ist: vertauschte Buchstaben, fehlende Endungen wegen zu geringen Anschlagdrucks, ein benachbartes ‘n’, wo eigentlich ein ‘b’ stehen sollte, oder aber Zweitasteneffekte dank dicker Finger, wie ein ‘nm’ dort, wo’s auch ein schlichtes ‘n’ getan hätte.

Ohne jetzt zum Deutschlehrer werden zu wollen, auch ohne beckmesserisch Fehler rot anzumarkern – eine solch mangelnde Orthographie ist für den Schreiber immer deshalb dysfunktional, weil sie den erwünschten Leser aus dem Text schmeißt. Für wen schriebe man sonst? Der Dichter hat sich zwar einen Wolf getippt, aber ‘für die Tonne’, so richtig und vielleicht zustimmungsfähig sein Text inhaltlich auch gewesen ist. Denn ein erwachsener Leser hat immer ganze ‘Wortbilder’ im Kopf, er buchstabiert ja nicht wie ein Erstklässler, sondern er dekodiert vertraute Schemata, ganze Ketten von Buchstaben auf einmal. Ist im Text dann ein Wort falsch oder flüchtig geschrieben, stockt sofort sein Lesefluss, sein Gehirn meldet ihm ‘Moment mal!’, der Leser ist prompt erst einmal ‘draußen’ – aus dem Text wie auch aus dem Gedankengang. Und das Wiederanknüpfen kostet ihn Mühe.

Wer also die Orthographie vernachlässigt, wer seinen Text vor dem Absenden nicht ‘lektoriert’, dessen Gedanken sind ‘für die Katz’, sie sind so gut wie nie geschrieben. Eine richtige Orthographie liegt daher stets im Eigeninteresse des Schreibers. Das gilt übrigens auch für die notorischen Kleinschreiber, die mir auch eher aufs Nichtgelesenwerden zu setzen scheinen …

4 Kommentare

  1. Der wohlmeinende Zensor

    Genau das, was Sie da beschreiben, passiert mir oft beim Lesen von Don Alphonsos Texten, wenn niemand (FAZ) sie vor der Veröffentlichung gegenliest. Auch wenn man ihm von Herzen zustimmen möchte, der gestörte Lesefluss und die Nichtachtung (?) der Leser ist so hinder- wie ärgerlich.

  2. Antonym

    Tipp- und Denk- und Grammatikvorschlag:
    Gelesen und ein wenig undurchdacht befunden:
    “Der Dichter hat sich zwar einen Wolf getippt, aber ‘für die Tonne’, so richtig und vielleicht zustimmungsfähig sein Text inhaltlich auch gewesen ist.(…)”
    Eben, äh, die Anregung:

    Der Dichter hat sich zwar einen Wolf getippt, aber ‘für die Tonne’, so richtig und vielleicht zustimmungsfähig sein Text inhaltlich auch wäre, wenn er denn in einem Medium erschienen und ohne Orthographiestolperstellen gelesen worden wäre.

  3. Klaus Jarchow

    Nun ja – das veränderte dann den intendierten Sinn.

    Kommentarspalten zählen neuerdings übrigens auch zu den ‘Medien’. Die übliche journalistische Gleichsetzung von ‘Medium’ und ‘Massenmedium’ ist mitten im Medienwandel doch arg retardiert …

  4. hardy

    klaus,

    ich mache das seit 40 jahren und kann es zur not auch anders.

    es war mal ein ausdruck von … von was eigentlich, wir werden alt und vergesslich … halt von irgendwas, was man früher in der GAZ mal wollte, muss irgendwas mit veränderung der gesellschaft, des bewusstseins oder so was in der art gewesen sein …

    und machmal täuscht mir meine linke hand nur vor, ich hätte jetzt einen buchstaben getippt, der dann aber irgendwie doch fehlt. so wie ich den schlüsselbund in der linken hosentasche – obwohl definitiv vorhanden – manchmal partout nicht finde. ich nenne das dann einen “bad hand day” …

    fehlendende buchstaben von der linken seite der tastatur bitte ich also zu entschuldigen, es wird ja langsam wieder besser 😉

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