Stilstand

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Das Gegenteil von ‘links’?

Na, das ist doch eine ganz einfache Frage! Das Gegenteil von ‘links’ ist bekanntlich ‘freiheitlich’ – zumindest beim ‘Spiegel’:

“Zuletzt konnten sich zunehmend Vertreter der Parteilinken durchsetzen … Nach wie vor gibt es bei den Piraten jedoch auch viele freiheitlich eingestellte Mitglieder…”

Ja, genau: ‘Froihoit!’ – und das Gegenteil von ‘menschenfreundlich’ wäre für mich künftig eben ‘marktliberal’. Schließlich darf hierzulande ja jeder so daherreden, wie’s ihm in den ideologischen Kram passt …

7 Kommentare

  1. Och, ich finde den Gedankengang durchaus verständlich.
    Links und rechts sind ja notorisch unscharfe Begriffe, aber ich assoziiere mit links auch tendenziell die Idee, bestimmte Dinge nicht freiwillig, sondern mittels staatlichen Zwangs zu organisieren.
    Wie würdest du das denn sehen?

  2. Nun ja – in meiner Jugend war doch eher links mit ‘freiheitlich’ gleichzusetzen. Weshalb heute diese Anzugständer mit den Gelfrisuren, die jedes Quartal ihre Umsatzzahlen vorlegen müssen – und wehe etwas stimmt damit nicht! – weshalb die sich in ihrem ökonomischen Zwangskorsett so herrlich frei dünken, das erschließt sich mir einfach nicht. ‘Freiheitlicher Liberalismus’ – das ist so etwas wie ‘artgerechte Massentierhaltung’. Denn ob dir die Ketten vom Staat oder von der Bank angelegt werden, ist ziemlich humpe.

    Die FDP jedenfalls war damals zudem von Herrenreitern wie Erich Mende durchsetzt und schlicht post-faschistisch, davon macht sich heute niemand mehr einen Begriff. Keiner, wirklich keiner, hätte an unsere Schule liberal jemals mit ‘freiheitlich’ gleichgesetzt. Alle waren dort vage ‘undogmatisch links’ aus einer großen Selbstverständlichkeit heraus, man war halbwegs homogen, ohne je geschult worden zu sein, das resultierte zumeist aus der Lektüre, die in der Schule ausgetauscht wurde, die gelben März-Bände usw.

    Wir schauten dabei auf die Marx-Apologeten hinab, die sich jedes Wochenende zur Exegese der ‘Klassiker’ trafen, das war die Fortsetzung der verhassten Schule ins eh schon minimierte Restleben hinein. Über Honecker und Breschnjew machten wir uns mit den Radio-Eriwan-Witzen lustig, die DKP war eine verschnarchte Lachnummer – das Motto hieß: Love and Peace and Understanding.

    Links waren die gute Musik, das freie Leben, das Ausprobieren eigener Möglichkeiten, die tollen Frauen, die korrekten Ansichten. Zu Hause dagegen regierte noch die Prügelstrafe, die Prüderie und Ansichten von Anno Adoof an einer Garnitur von Adenauertum.

    Kurzum – ‘freiheitlich’ ist ja kein konstanter Begriff, der am Liberalismus klebt wie der Kuhfladen am Mors der Kuh. Gerade der überzeugte Liberale gibt seine Freiheit an der Firmentür ab, um dafür ‘Karriere’ zu machen. Wer nach ordoliberalen Grundsätzen lebt, ist frühestens im Rentenalter ‘frei’, zuvor ist er 40 Jahre lang ein gut geölter Arbeitssklave gewesen …

    Um zum Thema oben zurückzukommen: Wenn die Piraten eine ‘Parteilinke’ haben, dann ist die Opposition die ‘Parteirechte’. Das sagt noch gar nichts darüber aus, wieweit die faktisch rechts steht, sie steht jedenfalls innerhalb der Partei auf dem rechten Flügel. Insofern gab es auch in sozialistischen Parteien immer eine Parteirechte …

  3. Okay, ja, wenn du das so siehst, verstehe ich.
    Dann wäre ich eben rechts, wenn ich in der Piraten-Partei wäre.
    Hm. Ich glaube, da bin ich vom Wortverständnis aber eher beim Spiegel, so ungern ich das sage.
    Ich verstehe übrigens nicht ganz, dass du da plötzlich diese merkwürdige Assoziation von Umsatzzahlen und FDP irgendwoher nimmst, obwohl die niemand mit einem Wort erwähnt hat. Falls du mir damit was sagen wolltest, ist es nicht angekommen.

  4. Nicht ganz – du wärst nicht generell rechts, du zähltest nur in der Piratenpartei zu den Parteirechten. Wenn du aber da über die Reling schaust, siehst du steuerbords noch den Tanker der Union am Horizont, und noch weiter in der Ferne die Positionslichter der absaufenden FDP.

  5. Hm… Jetzt wird es aber verwirrend. In gewisser Weise ist die FDP zwar wirklich weiter rechts als ich (wie gesagt: notorisch unklarer Begriff, aber sie sind auf jeden Fall konservativer), aber andererseits sind sie auch erheblich weiter links als ich (lies: Sie setzen sich mehr für staatliche Sozialleistungen und Regelung des Marktes ein.).
    Ich persönlich vermeide diese Etiketten deshalb so gut ich kann, weil ich noch nie das Gefühl hatte, dass sie eine Diskussion irgendwie erleichtern und eine auch nur halbwegs zuverlässige Bestimmung der Position des Gesprächspartners zulassen.

  6. Die Begriffe sind wirklich schwammig teilweise, aber ich denke es gibt doch so einen gewissen Bedeutungskonsens. Also die Begriffe sind nicht beliebig und man kann auch ganz gut damit opperieren ohne das sich Verwirrung einstellen muss.

    Liberalismus ist natürlich nicht links. Da gibt es ja auch ein lustiges Buch zu und zwar “Freiheit als Privileg – Eine Gegengeschichte des Liberalismus” von Domenico Losurdo.
    Da geht es halt darum, dass z.B. die weisen Sklavenhalter in den USA für sich unabhängig von England fordern und zwar wollen sie ihre eigenen Repräsentaten wählen und sich selber verwalten und von dem Freiheitsbegriff kann man, glaube ich, ganz gut eine Linie ziehen zum Freiheitsbegriff einer FDP. Auf den “freien Markt” beruft man sich ja traditionell nur als Liberaler, wenn man zu den Gewinnern zählt. Wenn nicht, dann muss der Staat halt ran und z.B. was gegen die Dumpingpreise aus Fernost tun.
    Und wenn das Volk sich mal die Freiheit herausnehmen würde nicht mehr im grossen Stil auf Arbeit zu erscheinen, dann will man auch nicht wissen was so eine “freiheitliche” FDP für Lösungsvorschläge bringen würde.
    Liberalismus ist halt so einer Herrschaftsideologie je nach Sachlage alterniert die zwischen “freiem Markt” und Fachismus.
    Losurdo sagt ja auch sehr schön Liberalismus ist Herrenmenschendemokratie.
    (Losurdo schreibt über den Liberalismus bis 1900, vielleicht kann man das auf den Liberalismus heute nicht mehr übertragen, aber ich denke schon. :D)

    Und die andere Seite ist, dass links nicht nur Staat bedeutet.
    Traditionel hat man bei links ja Sozialdemokratie (und Sozialismus) mit drin. Das ist halt so reformistisches Zeug was natürlich mehr Staat heisst, weil wer sonst will die Wirtschaft regulieren. Aber bei links gibt es auch noch revolutionäres Zeug mit drin. Also z.B. irgendwelche Anarchisten die sagen: Wirtschaft und Staat ist ungefähr beides dasselbe (nämlich Kapitalismus). Beide sind arg freiheitsbeschränkend, beide müssen weg der Steigerung der allgemeinen Freiheit wegen.

    Gut, also mein Gequatsche nochmal in kurz:
    Das Gegenteil vom Etatismus ist Anarchismus.
    Und wenn links Etatismus ist (also mehr Staat) dann wären halt Liberalismus gleich Anarchismus.
    Stimmt halt nur nicht da Liberalismus nicht Anti-Etatismus ist.
    Sondern Liberalismus ist eine Herrschaftsideologie und die richtet sich nach der aktuellen Sachlage.
    Liberalismus ist mit einem Ordnungsstaat (bzw. Nachtwächterstaat) durchaus zu vereinbaren, aber nicht mit dem Sozialstaat. Das Gegenteil von Liberalismus ist vielleicht Sozialdemokratie (bzw. Sozialismus). Aber beides sind Etatisten (im Kern).

    Tut mir leid, aber ich könnte da stundenlang drüber schreiben. Einen hab ich noch! Das muss man auch erstmal bringen, als (Regierungs-)Partei FDP auf den Staat zu schimpfen. Also man beteiligt sich an etwas auf das man schimpft. Hä?
    Von daher schimpfen die nicht auf den Staat sondern nur auf den Sozialstaat. Das darf man nur nicht laut sagen da das im Volk nicht so gut ankommen würde.

  7. Nun ja – Paradoxien gibt’s beim Liberalismus zuhauf. Im amerikanischen Bürgerkrieg bspw. kämpften Liberale der Südstaaten gegen Liberale der Nordstaaten, beide führten die ‘Freiheit’ ins Feld. Die einen kämpften für die ‘Freiheit’, den Weltmarkt mit Baumwolle aus einer Plantagenwirtschaft zu beliefern, die anderen für einen ‘freien Arbeitsmarkt’, ohne das wettbewerbswidrige Lohndumping der Sklaven.

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