If your memory serves you well ...

Das blinde Vertrauen ging dahin …

Die Medienkrise hat viele Ursachen – der dekadente und abgelutschte Stil des Pressedeutschen, die unverhohlenen Interessen, die keineswegs diejenigen des Publikums sind, das Recycling jeder abgenagten Meldung in immer neuen Schleifen, wie bspw. zuletzt das Décolletée der Vera Lengsfeld (‘Was ist das denn?’, ‘Darf die das denn?’, ‘Was ist das denn für eine Gesellschaft, wo die das darf?’) – solche offenbaren Kritikpunkte nennen längst noch nicht alle Gründe:

“Der Leser vertraut der Presse blind, weil ihn seine Zeitung ja nicht über ihr eigenes Wesen aufklärt, und weil eine andere Einwirkung auf die Öffentlichkeit gegen die Presse nur sehr, sehr schwer ist.”

Das konnte Kurt Tucholsky am 13. 10. 1921 noch unwidersprochen schreiben [GA V, 148]. Die Presse besaß ein informationelles Monopol, sie redete nicht über sich, und das kurz darauf aufkommende Radio war auch nicht mehr als ein ‘tönender Leitartikel’, zunächst im Auftrag des Staates. Es gab keinen ‘Publikumskanal’.

Heute dagegen hat sich die Sachlage – nicht zuletzt durch das Web 2.0 – grundlegend verändert. Es gibt jetzt nicht mehr nur die altgewohnte ‘Medienkonkurrenz’, sondern verschiedene Medienarten machen sich untereinander Konkurrenz. Wir haben also eine ‘Medienartenkonkurrenz’. Wobei das Neue, also das Netz, durch seine systembedingte Vielfalt sich weniger manipulativ auswirkt – und nicht etwa deshalb, weil es ‘moralisch besser’ wäre.

Trotzdem ist der Leser dem kapitalkräftigen “Bourgeoisie-Kanal” und seinen hölzernen Presseorganen nicht länger informationell ‘ausgeliefert’. Durch den konkurrierenden und unkontrollierbaren Feedback-Kanal des Web wird er inzwischen ständig über das Wesen der Presse aufgeklärt, wie falsch oder richtig auch immer. Der Leser hat dadurch einen ‘bösen Blick’ entwickelt, das Urvertrauen ist dahin. Und das, was der er nach der erfolgten Aufklärung über Holzhausener Zustände sieht, das gefällt ihm zunehmend weniger. Siehe die lange Netz-Debatte über die publizistische Deutungshoheit zwischen Journalisten und Bloggern (hier der jüngste Akt).

So liegt eben auch in der unausgesprochenen Publikumsverachtung der Macher von Holzmedien ein Grund für die andauernde altmediale Krise. Im Pressebereich war immer nur der Anzeigenkunde König, nie der Leser …

3 Kommentare

  1. DrNI@AM

    Interessant ist auch, dass “die Presse” sich immer für die Crème de la Crème hält. Dabei übersehen sie völlig, wie viele total miserable Heimatzeitungen da draußen täglich gedruckt werden, deren journalistische Qualitäten so wenig ausgeprägt sind, dass sie nicht mal beim 1:1-Abschreiben von Pressemitteilungen fehlerfrei arbeiten. Wenn sie Artikel schreiben, dann sind mindestens fünf Fakten kolossal verdreht – und das in jedem Artikel. Auf die Korrektheit der Informationen in einer Heimatzeitung zu vertrauen, das ist nur noch gutgläubigen Landeier-Omas gegeben.

    Es ist eine wahrhaftige Krise – keiner kauft die Blätter mehr, die ihren nur Freiberuflern 20€ pro Artikel bezahlen, was dazu führt, dass sie denen noch weniger zahlen werden, was dazu führt, dass diese noch schlechter schreiben werden (da macht man halt statt einer Veranstaltung am Abend lieber vier, und dann noch schnell runtertippen), was dazu führen wird, dass noch weniger Leute die Blätter kaufen werden, usw.

  2. Klaus Jarchow

    Dabei recken die Verleger ausgerechnet den ‘Lokaljournalismus’ auf allen Veranstaltungen in den Himmel wie eine Monstranz: “Ein Stück Heimat für die Menschen”, das sei ihre Lokalzeitung vor Ort. Wer aber als Lokaljournalist sich in einem solchen Laden noch heimatlich und zu Hause fühlt, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.

  3. Wie im Roulette gewinnen

    An sich n cooler post, aber kannst beim nachsten mal n bisschen detailierter sein?

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