Vor Gott sind alle Sprachen gleich – im Reich der Wörter gibt es keine ‘Hochsprachen’ und ‘niederen Dialekte’, jede Sprache ist geeignet, das soziale Zusammenleben zu regeln und den Alltag zu meistern. So lautet – etwas verkürzt gesagt – die pragmatische Sicht der Sprachwissenschaft auf die linguistische Landschaft. Ein Blick, der sich doch erheblich von dem der selbsternannten ‘Sprachkritiker’ unterscheidet.

Vor allem dort, wo ein Bastian Sick, ein Wolf Schneider oder der Verein für deutsche Sprache sich tummeln, wachsen längst die Vorurteile wie Löwenzahn am Wegesrand. Vor allem dann, wenn es sich um Soziolekte aus so genannten “Problemstadtteilen” handeln sollte. Von “Gossensprache” ist dann schnell die Rede, von “Kauderwelsch”, “Primitivsprache” und “Gestammel”.

Schön ist es da, wenn statt dieser retardierten Kulturorakel die Linguistik sich an einer Analyse des Phänomens versucht. Die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese hat das getan – mit durchaus überraschendem Resultat. In Deutschland wächst ein neuer Dialekt heran, gleichwertig dem Sächsischen, Bayrischen oder Niederdeutschen. Es handele sich hierbei keineswegs um eine Flicksprache aus aller Herren Länder, es sei auch weit und breit keine Grammatik im Verstümmelungszustand zu finden, im Gegenteil sei der neue Soziolekt in mancher Hinsicht sprachlich sehr viel effizienter als das “Standarddeutsche”.

Aus einer ganzen Reihe von Wiese’schen Beispielen hier nur eins: Mit der Silbe ‘so’ habe sich ein sprachlicher ‘Marker’ herausgebildet, der wie ein Edding auf funktional besonders bedeutsame Bestandteile eines Satzes hinweise, wie oben in der Überschrift das ‘so’ vor dem ‘Kiezdeutsch’.

Keinesfalls dürfe man ferner Menschen, die Kiezdeutsch sprächen, als ‘defizitäre Sprecher’ betrachten, die nur einen ‘restringierten Code’ beherrschten. Förmlich das Gegenteil sei oftmals richtig. Umstandslos könnten die meisten Jugendlichen ins Standarddeutsche zurückschalten, wenn die Situation dies erfordere. Sie seien also – im Gegensatz zum ‘Standardgermanen’ – zumindest schon mal zweisprachig, sollten die Eltern daheim noch ins muttersprachliche Russisch, Arabisch oder Bosnisch verfallen, oft sogar dreisprachig. Von der Sprachkompetenz her den meisten Deutschen damit weit überlegen.

Die vehemente Ablehnung des neuen Dialektes hätte daher zumeist soziale Gründe, folgert die Potsdamer Professorin: Jugendliche mit oder ohne Migrationshintergrund aus “Problemstadtteilen” hätten eine entwickelte Sprache des sozialen Verkehrs miteinander ausgebildet. Diesen Zwecken sei die neue Variante der deutschen Sprache perfekt angemessen. Wer auf diese neue Sprachvariante schimpfe, pflege vor allem seinen eigenen Dünkel gegenüber jenen Menschen, die sozialen Orten entstammten, wo ein anständiger ‘Standarddeutscher’ doch gar nicht zu verkehren pflege.

Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. beck’sche reihe 6034, München 2012