If your memory serves you well ...

Danke, es geht!

Unter dem Titel “Apropos Adblocker: (Wie lange) geht’s noch?” hat der Frank Patalong vom ‘Spiegel’ die Netzgemeinde angepinkelt, weil diese es doch tatsächlich wage, immer mehr AdBlocker zu verwenden. Am Ende gar das teuflische ‘Ghostery’, um endlich das allgegenwärtige Koofmich-Gedudel und Spurenschnüffeln im Netz abzustellen – so, wie auch der Schlachterladen den Hund mit dem Schild ‘Wir müssen leider draußen bleiben!‘ von seinen Wurstwaren fern hält.

Gut, wir wissen seit Patalongs unfreiwilliger Blog-Satire, dass mal wieder die knauserigen Leser Schuld sind, wenn die großen Verlage untergehen, auch, dass schon 25 % der Leser beim ‘Spiegel’ auf einen Adblocker vertrauen. Es mag ferner sein, dass diese Artikel gar nicht mir gehören. Aber gerade deshalb bleibt der Tracker jener VG Wort, die für die Portemonnaies von Autoren zuständig ist, unter ‘Ghostery’ bei mir ja auch betriebsbereit. Es ist ja nicht so, dass Abwehrmaßnahmen unterschiedslos alles abschmettern müssen.

Immerhin aber gehört mir der Rechner, an dem ich sitze, nur ich bezahle für das nutzlose Datenvolumen, das mir die vereinigten Werbe-Stalker durch die Leitung drücken, vor allem aber gehören mir jene Daten über mein Surf-Verhalten, die nicht nur Zuckerbergs Fratzenbuch so gern vermarkten würde: Dieses Abwehrverhalten aber sei eine “unglaublich kurzsichtige, die Realitäten ignorierende Argumentation”, schreibt Patalong. Denn darum ginge es ja gar nicht, weder um mich noch um meine Autonomie, es ginge um das Überleben der Verlagshäuser. Ohne diese ‘Realität’ gäbe es bald gar kein leckeres Lesefutter beim ‘Spiegel’ mit seinen immerhin 25 % Jahresrendite mehr. Es folgt noch einiges an weiterem Mimimi …

Worum es ‘in der Realität’ wirklich geht, das verraten uns dann eher die Homepages der Tracker-Bastler. Bei ‘Optimizely’, einer der allgegenwärtigsten unter allen Privatdetekteien im Netz, heißt es bspw.:

“[It was our goal] to create a world-class optimization platform that was easy to use in an effort to provide a platform for businesses to be able to conceive and run experiments that helped them make better data-driven decisions.”

Es geht also vor allem um ‘Business’, um Experimente am Leser, der damit im Netz zur Laborratte mutiert, dessen Verhalten in den Experimenten der Marketing-Versuchsleiter analysiert werden soll: Behaviorism reloaded. Entspricht das etwa meinem Selbstbild? Nö, nicht wirklich … und deswegen huste ich denen was.

Auch die Verlage nutzen natürlich diese Daten, um ihre Texte immer ‘leserfreundlicher’, d. h. ‘wirtschaftsfreundlicher’ zu gestalten. Eine Headline, die viele Klicks generiert, wäre natürlicherweise dann auch ‘gut’. Und wohl auch deshalb finden wir plötzlich Jolies fehlende Brüste auf den Frontpages aller Medien. Der Niedergang eines verlagsseitig täglich hochgerühmten ‘Qualitätsjournalismus’ findet (unter anderem) dank dieser allgegenwärtigen Verwanzung des Netzes statt. Die Verlage veranstalten dabei einen Klick-Limbo, so, als würde ein Schiff dann nicht sinken können, wenn es besonders tief und ‘zugangsfreundlich’ im Wasser liegt. Wer aber die Ventile aufdreht, der darf sich über die steigende Marketing-Brühe im Rumpf nicht wundern.

Vermutlich gäbe es auch eine Lösung für das Problem: Kein Werbetreibender, der seine fünf Sinne beisammen hat, darf bspw. für Güter des gehobenen Bedarfs die Seiten des ‘Spiegel’ ignorieren. Statt weiterhin auf Masse zu setzen, statt nur hilflos den ‘Tausenderkontaktpreis’ immer weiter abschmieren zu lassen, könnte ein solcher Verlag doch ganz arrogant nur eine einzige redaktionell eingebettete ‘Premium-Anzeige’ je Artikel zulassen. Die ‘dann auch was kostet’. Schließlich sind sie der ‘Spiegel’ – dort muss man sich doch gar nicht ‘drücken’ lassen. Dazu allerdings müssten sie zunächst einmal wieder zum ‘Spiegel’ werden, auf dem Weg dorthin einiges an boulevardesken Allotria über Bord werfen.

Eine solche Anzeige wäre also richtig viel Geld wert. Auch der Profit der Werbeagenturen bliebe außen vor, die Gewinne aus der ‘Gestaltung’ flössen zu den Verlagshäusern. Die Sache mit der Kreativität in Agenturen wird eh überschätzt – weiße Nasenringe machen noch kein Genie. Eine solch kleine ‘eingebettete’ Anzeige dürfte dann auch gerne ein dezentes Klickfeld tragen, was den kleinen Angestellten auf jene Kampagnenseite weiterlotst, wo ihm verklickert wird, weshalb er mit einem edlen Gucci-Hemd, trotz ansonsten nachgewiesener Blödheit, todsicher in die Teppichetagen aufsteigen könne. Falls er solche Märchen glaubt …

Derartige Ansätze erscheinen mir sinnvoller, als weiterhin zuzulassen, dass irgendwelche Marketing-Dackel mit Hilfe von Tracker-Software ganz KGB-mäßig ihre potenziellen Kunden ausspionieren. Denn die reagieren darauf zunehmend vergrätzt. Und zwar umso mehr, je weiter es sich herumspricht, dass eine Abwehr problemlos möglich ist. Für Verlage hat die Welt nun mal aus ‘Lesern’ zu bestehen, nicht aus ‘Konsumenten’. Überschreiten sie diese Zonengrenze, dann haben sie den ‘Publicistic Sector’ verlassen …

Eine gute Antwort auf Frank Patalong findet sich übrigens bei Felix Schwenzel, der mehr auf die technischen Details eingeht und sogar für eine Ausweitung des ‘theatre of war’ zwischen Lesern und Marketeeren plädiert:

“nochmal zurück zu ghostery, bzw. zum thema, dass die adblocker-diskussion auch eine bugblocker, flashblocker oder sogar javascript-blocker diskussion sein sollte, bzw. eine um datenkraken (übrigens eins der lieblingsthemen des gedruckten spiegels, zumindest wenn es sich um kraken anderer handelt).”

Nebenbei: Diese kleine Ein-Mann-Webseite verwendet kein SEO und nicht einen einzigen Analytics-Tracker. Trotzdem wird sie jährlich knapp eine Million mal aufgerufen …

7 Kommentare

  1. Klaus

    Die Angebote von Gestaltern und Auswertern für ein erfolgreiches Blog, die ich betreue, waren von der Art, die man langläufig als unmoralisch bezeichnet, was ich denen auch jedes Mal sehr deutlich mitteilte.
    .
    Hier noch passendes zum “Überleben der Verlagshäuser”, aus meiner Zettel-Sammlung mit gefundenen Zitaten:
    “Zeitungen sind kein Gewerbe. Wer es zum Gewerbe macht, verdient den Zensor.” (Karl Marx)

  2. Gerald Fix

    könnte ein solcher Verlag doch ganz arrogant nur eine einzige redaktionell eingebettete ‘Premium-Anzeige’ je Artikel zulassen.

    Das hat SAT1 (oder war’s Kabel1? eine 1 jedenfalls) früher ein paar Mal versucht. Da wurde der ganze Film von einem einzigen Werber gesponsert und ohne weitere Unterbrecherwerbung gesendet. Das haben die bald wieder aufgehört. Vielleicht hat es sich nicht gelohnt; möglicherweise lag es auch daran, dass man dem Zuschauer die Unterbrecherwerbung nicht abgewöhnen will.

  3. pantoufle

    Ach ja… der Kuh-Journalismus und die Blocker. Der für mich wichtigste Punkt: Es ist mein Rechner und damit stelle ich an, was mir passt – soweit das noch meinem Zugriff gehorcht. Es ist eben kein öffentliches Datenterminal, dessen Erscheinungsbild ausschließlich von der Werbebranche designt wird.
    Auch ganz putzig: In diversen Artikeln warnen diese Zeitungen populistisch und mäßig informiert vor Gefahren des Internets, vor denen gerade diese Blocker ein wenig helfen.

  4. Klaus Jarchow

    Ein reißerischer Artikel über die angeblichen ‘Gefahren des Internet’ bringt eben immer reichlich Klicks für die wirklichen ‘Gefahren des Internet’. 😉

  5. stefanolix

    Die Lösung mit der Premiumwerbung hatte ich auch schon mal im Sinn: http://stefanolix.wordpress.com/2013/05/15/in-sechs-schritten-zur-premiumwerbung/ – es ist aber sicher nicht schlecht, wenn es von mehreren Seiten gesagt wird 😉

  6. pantoufle

    @stefanolix
    Toter Link… überprüf das doch bitte mal. Oder geht das nur ohne AdBlock und Ghostery ? 🙂

  7. stefanolix

    War wohl ein Flüchtigkeitsfehler. Ich hatte schneller getippt als gedacht. Meine Gedanken zum Thema Premiumwerbung – diesmal richtig verlinkt.

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