Stilstand

If your memory serves you well ...

C’est la guerre!

Jürg Altwegg, der Genfer Frankreich-Korrespondent der FAZ, hat einen selten skurrilen Text über den Krieg der Solche gegen die Die-Da geschrieben. Solche sind natürlich die vereinigten Verleger und die Die-Da wären wiederum die Verantwortlichen bei Google.

Der Hintergrund: Mit dem ‘Droit Voisin’ möchte die französische Regierung, die sich immer noch vom Bündnis mit den alten Medien politische Transfer-Gewinne erhofft, ein Pendant schaffen zum deutschen Leistungsschutzrecht. Google soll deshalb eine Pressesteuer löhnen, weil diese große Suchmaschine die Leser bekanntlich an die nahrhafte Krippe des ‘Qualitätsjournalismus’ führt. Aus dem vertraulichen Briefwechsel zwischen Politmaschinerie und Suchmaschinerie petzte jetzt jemand den Medien etwas: Google – sagt Google – wolle die Verlage schlicht nicht länger verlinken, falls es jemals zu einer Strafsteuer für Leserlotsendienste käme. Die Verleger nannten das ebenso prompt, wie auch kurzsichtig eine “Kriegserklärung” – also das, was schlicht nur eine Modifikation der Geschäftsbedingungen wäre.

Jürg Altwegg, ein treuer Eckhardt seiner Herrn, greift in der Folge zu einem Argument, das im Kern nur entgleistes Denken ist, noch dazu in eine völlig kranke Metapher gewickelt. Zu diesem Zweck erweitert er das altbekannte und längst rundgelutschte Taxifahrer-Bild des Konfliktes:

Völlig absurd sei es, die Suchmaschine an den Kosten zu beteiligen: „Das ist so grotesk wie die Vorstellung, dass ein Taxifahrer, der seinen Kunden in ein Restaurant fährt, dem Wirt dafür etwas bezahlen soll.“ Doch Google ist kein Gratistaxi – sondern ein Schwarz- und Trittbrettfahrer.

Öhem – versuchsweise habe ich mal versucht, diesen Altweggschen Nachsatz in das Reich der Vernunft zu überführen: Google, dieses metaphorische Taxi in die Rotlichtbezirke der Internet-Galaxie, wäre schon deshalb selbst ein Schwarzfahrer, weil es ja nicht dafür bezahlt, dass es 24 Stunden am Tag Passagiere befördern muss. Aus dem Taxifahrer würde in Altweggs Märchenwelt gewissermaßen ein Beruf, für dessen Ausübung der Fahrer noch Geld mitzubringen hat. Dies verdaut, soll der arme Chauffeur des Gefährts angeblich auch noch draußen auf dem Trittbrett stehen, wo ich mich dann frage, wie gelenkig ein Kerl wohl sein muss, der dann noch Bremse und Gaspedal betätigt. Vielleicht aber fahren in Altweggs Comic-Welt ja auch die Fahrgäste das Taxi, während der Fahrer auf dem Trittbrett bloß die frische Luft genießt. An diesem Punkt jedenfalls habe ich den bildlichen Nachvollzug der Altweggschen Vexiersätze eingestellt, weil’s mir doch arg wirr im Kopf wurde.

Weiter im Text: Es folgt eine schlichte Koinzidenz, die der Herausgeber des ‘Nouvel Observateur’ seinem staunenden Publikum als Sensation und als schlagenden Beweis verkündete, dass nämlich Google ‘die Maske fallen gelassen’ habe, weil im gleichen Zeitraum, wo Google eine Milliarde Euro mehr Umsatz gemacht habe, der Umsatz französischer Zeitungen gleichfalls um eine Milliarde zurückgegangen sei. Diesen Schwachfug zitiert Altwegg prompt zustimmend, ja, er macht ihn sogar zu seiner Headline. Was zwar schmissig wirkt, den Schreiber aber leider in einen Konfusius verwandelt.

Ebenso gut könnte ich bspw. dahertexten, dass im gleichen Zeitraum, wo aus den Cola-Automaten an Norddeutschlands Schulen 10.000 Liter weniger Coca abgerufen worden seien, die Milchproduktion niedersächsischer Kühe um 10.000 Liter zugenommen hätte. So etwas ist ‘Bullshitten für Anfänger’. Erich Däniken goes media – zwei zufällig gleiche Zahlen … und schon sieht der Gläubige einen Beweis.

Fern der Realität ist auch das belgische Beispiel, das Altwegg in der Folge anführt. Als Google dort vor einiger Zeit die Presseverleger tatsächlich von den Suchanfragen aussperrte, kroch die vereinigte Verlegerschaft aus dem Reich der Sahnetrüffel drei Tage später schon zu Kreuze. Liest man aber Altweggs Text, könnte ein unbedarfter Leser glatt vermuten, die belgischen Verleger hätten damals einen grandiosen Sieg über Google gefeiert. Kurzum – bei Altwegg geht’s so wahrheitsgemäß zu wie in einem Pressehauptquartier während des Ersten Weltkriegs.

In der Realität war es doch eher so, dass ‘Copiepresse’, der belgische Verlegerverband, ohne Wenn und Aber und weitere Geldforderungen dem verhassten Google zähneknirschend die Erlaubnis erteilte, wieder alle gebenedeiten Presseprodukte zu verlinken. Denn ohne Google waren die Verluste größer als mit der Suchmaschine. Gut – aber diese Form der interessierten Darstellung macht schließlich den Unterschied zwischen Realität und Qualitätsjournalismus vorwiegend aus …

“But today, Google said it has gotten permission from Copiepresse to add its sites back to Google search results, and so it has.”

Der einzig ‘ehrliche Weg’ sieht übrigens so aus, wie es die brasilianischen Verleger jetzt vorexerzieren. Sie melden sich einfach beim Google-Roboter ab, schon wird ihr Angebot nicht mehr ‘ausgebeutet’. Das Dumme ist nur – es könnte sich dabei herausstellen, dass das Publikum des ‘Qualitätsjournalismus’ nicht mehr bedarf, wohl aber der Qualitätsjournalismus eines Publikums. Was dann?

“In Brasilien haben sich 154 Zeitungen aus der Nachrichtenseite des Internet-Konzerns Google zurückgezogen.”

Nachtrag: Den Vogel schießen jetzt die schrägen Vögel vom ‘Focus’ ab. Nur weil Google einigen Zeitungsverlegern – es sind ja keineswegs alle – nicht prompt zu Willen ist, weil Google also diesen Möchtegern-Loddels einen angeblichen Liebeslohn nicht herausrücken will, deshalb soll sich diese Suchmaschine gleich mit “Staaten” angelegt haben. Ich glaube ja, diese Schreiberlinge wervechseln da was, ‘parteitragend’ ist noch nicht ‘staatstragend’, ein Verlagsgebäude ist bis auf weiteres kein Reichstag, und Politiker sind keine Schutzgeldeintreiber:

“Dreiste Drohungen: Google legt sich mit Staaten an”

Nachtrag 2: Hier haut jemand noch viel genüsslicher – und auch eher fachlich-sachlich statt sprachlich – auf diese gequirlte Sahne aus dem Hause FAZ. Oder dem Altwegg zwischen die Löffel, ganz wie man’s sehen will:

“Noch einmal: Die schamlosen Unverschämtheiten von Publikationen wie der FAZ beim Thema Presseleistungsschutzrecht zeigen, dass die kommerziellen Massenmedien eher schlecht als recht als Basis für eine tatsächliche demokratische Meinungsbildung geeignet sind, die alle Partikularinteressen einer Gesellschaft deren Bedeutungen entsprechend einbezieht.”

Ergänzend hier der Versuch einer Aufklärung: Die gerügte ‘Schamlosigkeit’ solcher Massenmedien rührt m.E. aus alter Gewohnheit her: Diese Schlachtschiffe konnten lange so schamlos und unverfroren agieren, weil sie mangels anderer Kanäle stets ‘unwidersprochen’ oder ‘unter sich’ blieben. Dieses meinungsmonopolistische Idyll ist dahin, die Landschaft hat sich geändert – und weil sie’s nicht wahrhaben möchten, wirken sie zunehmend verhaltensauffällig.

6 Kommentare

  1. Dabei ist die Taximetapher recht gut geeignet, um die Situation anschaulich darzustellen. In der echten Welt, fernab der Verlagsvorstandsetagen, zahlen die Bordellbetreiber Provisionen an Taxifahrer die ihnen Gäste zuliefern. Dieses Geld stammt aus dem Marketingbudget des Freudenhauses.

    In den Rotlichthäusern von Burda, Holzbrinck, Spiegel und Springer ist Durchblick und Weitsicht leider nicht so ausgeprägt. Dort bekommt der Taxifahrer nichts, obwohl er sehr fleißig Kundschaft herbeikarrt und zwar eben jene, die den Weg dorthin alleine niemals gefunden hätte.

    Wenn nun die größten Attraktionen des Hauses vorwiegend abgeschriebene Agenturmeldungen sind, manchmal garniert mit kruden Ideen von Kolumnisten denen die Zeit fehlt, sich eingehend mit dem Gegenstand ihrer Texte zu befassen. Dann kommen die lesenden Gäste womöglich nicht wieder.

    Darum wollen die Qualitätsverleger nun noch mehr Einsatz vom Taxifahrer. Sie sollen mehr Gäste bringen und statt eine Provision zu erhalten, soll der Taxifahrer einen Anteil von seinem Fahrpreis beisteuern.

    Weil der Taxifahrer sich so ein Verlustgeschäft nicht leisten kann und will, fährt er seine Gäste eben woanders hin. Das nennen die Verleger dann eine “Kriegserklärung”. Journalisten immerhin, die ja um die Bedeutung von Worten und Zusammenhängen wissen sollten.

    Und die Moral von der Geschicht: Taxichauffeure können rechnen, die Verlagskonzerne aber nicht.

  2. Ein kluger Text, Zustimmung.
    (kleiner Einwand allerdings: das Taxifahrer-Bild ist keine Metapher, sondern ein Vergleich.)

  3. @ nömix: Es ist beides – Vergleiche werden oft in Sprachbilder gefasst. Alle rhetorischen Stilfiguren haben einen Mischcharakter, in reiner Form kommen sie selten vor: ‘Keine Feier ohne Meier’ ist Litotes, Prosodie, Vetustas, Metapher – und sonst noch so allerlei, was mir gerade nicht einfällt.

  4. Ich glaub ja, die haben alle die Phrasendreschmaschine vom Klaus Birkenhauer in der Schreibtischlade. Kannze nix falsch machen, und hinterher war’s das Maschinchen schuld. Obwohl – vielleicht haben die die auch schon irgendwie im Gehirn verdrahtet …

  5. Ganz großartig: la guerre! Ich weiß gar nicht warum die Medienkrieger so ausgefeilte rhetorische Kampftaktiken anwenden. Diese Studie über empirische Medienrezeption zeigt doch eindrücklich, dass das alles unnötig ist und “Google doof” die zugkräftigste Schlagzeile wäre.

  6. @ Erbloggtes: Nu wird’s dialektisch, denn ohne das mächtige ‘Doof-Google’ hätte der Postilljong diese schöne Wildstrecke doch gar nicht unter solchem Halali verblasen können …

    😉

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