If your memory serves you well ...

Kategorie: Wortschätze (Seite 3 von 12)

Konservativ

Als Adam den Tieren ihren Namen gab, war eines darunter, das wedelte gar bedächtig mit den Ohren und sagte, es sei konservativ; es könne aber keinen Grund hierfür angeben und Adam sagte: Du sollst Esel heißen!”
(Gottfried Keller: Der grüne Heinrich)

Präzisionsästhetik

Erik Reger, Pressereferent der Krupp-Werke, schrieb 1931 einen hellseherischen Roman, der ihm zunächst den Kleist-Preis eintrug, um von den tumben Nazis prompt verboten zu werden. Dabei kommen nicht nur diese Bräunlinge in der ‘Union der festen Hand’ schlecht davon, auch die Industriellen, auch die Sozzen oder aber die Gewerkschaftsbewegung trifft der mitleidlose Blick dieses Autors, der sich selbst wohl eher als bloße Kamera und als Beschreibungsfanatiker verstand. Regers distanzierte Perspektive auf die Welt der Industrie macht die ‘Union’ noch heute zu einem der besten Romane über die Weimarer Republik, zu einem Text, wo es ständig um knallharte materielle Interessen geht, also um den wahren Motor der Weltgeschichte, wo also jenes Drittel unseres Lebens, dass sich ‘Arbeitswelt’ nennt, noch vorkommen darf, während zugleich die Angestellten- und Arbeiterfiguren keineswegs in das Parfüm sozialistischer Zukunftshoffnungen getunkt werden.

Auch stilistisch ist Regers Verfahren interessant, ein Verfahren, das die Literaturwissenschaft als ‘Präzisionsästhetik’ bezeichnet hat. Wer Reger liest, der könnte hinterher fast ein Stahlwerk betreiben. Gut, wer will das schon? Heutzutage haben eher Autoren Erfolg, die sich detailversessen mit Disco-Rumms oder Anal-Fissuren beschäftigen, aber ein Ausflug in die Welt der Produktion ist zur Abwechslung auch mal ganz nett. Hier ein Beispiel für das, was Reger aus einem Sandhaufen in einer Gießerei macht, ein Objekt, an das die meisten Mitmenschen kaum drei Worte verschwenden könnten:

“Dieser Sand – wie er sich dem Auge einschmeichelte, wie er lockte und leuchtete! Bald war er fein und samtig, bald derb und körnig; bald glashart und mager, bald wachsweich, fettig und abfärbend; ein tonhaltiger, luftdurchlässiger und glimmerreicher Sand, in allen Schattierungen lag er da, pulverig, faserig, blättrig, porös, marmorartig gefleckt und geadert wie eine Feuerwerksmischung. Ein Haufen schimmerte silbrig wie Magnesium, ein anderer bronzebraun wie Kaliumpermanganat, ein dritter mattgold und undurchsichtig wie Meerschaum, ein vierter durchsichtig und mit herrlichem Perlmutterglanz. Hier rann dieser Sand flott und gleich winzigen Kieseln in irisierenden Scherben über die Schaufel des Hilfsarbeiters, dort hängte er sich an, ein zäher, speckiger Talk, wie verschwitzte Schminke. Manche dieser Sandberge waren ganz tot, perlgrau, stumpf wie Schmirgel, oder wie der Panzer einer Schildkröte, oder wie ausgeglühte Schlacke; aber manche trugen ein unerhörtes Leben in sich, waren wie Makrelen und Thunfische blauweiß geschuppt oder aus goldgelben und schieferblauen Flocken zusammengesetzt, als wäre der schuppige Abfall von Diamentbarschen. / Immer eigentümlichere Reflexe fesselten das Auge, und wenn man nicht gut aufpasste, fand man darüber gar keine Menschen mehr. Ohnedies hockten die meisten grau, zottig, stumm in tiefen Gruben und hantierten mit Erde wie die Höhlenbewohner der Diluvialzeit an rohen Gefäßen formend. Die Hilfsarbeiter fuhren den Sand heran, besprengten ihn mit Wassser und setzten ein wenig gemahlene Steinkohle zu; dann verlor er plötzlich die spezifische Gestalt und wurde plastisch. Der feuchte Sand war kein Sand mehr, sondern ‘Masse’, gleichförmig biegsame Formermasse, und die Preßluftstampfer würgten und kneteten ihn, bis er sich um das Holzmodell schmiegte wie das Trikot umd die Muskeln eines Athleten.”

Dieser Blick fürs Detail, das ist es, was Regers Texte auszeichnet. Selten in der deutschen Literatur sind an ein paar Sandberge wohl mehr Worte ‘verschwendet’ worden …

Andere Zeiten, gleiches Bild

Mir wurde soeben von dem Redner der Konservativen vorgeworfen, dass ich mir und mich verwechsle. Das stimmt leider, und es ist ein trauriges Zeichen für den Zustand der Volksschulen, den die Konservativen zu verantworten haben. Ich verwechsle allerdings nur mir und mich. Die Herren von der rechten Seite jedoch verwechseln auch Mein und Dein, und wenn sie das auf ihren hohen Schulen gelernt haben sollten, dann sind die Hochschulen noch reformbedürftiger als die Volksschulen.”
Adolph Hoffmann, SPD-Reichstagsabgeordneter und Buchdrucker in der Bismarck-Ära

Öchspertentum

Der ‘Geist’ nimmt in dienender Stellung rascher als der Korpus die lakaienhafte Haltung ein. Hier findet der wahrhaft vollkommene Verkauf statt – was sollte der Geistige, seinen Geist verkaufend, vom Kaufe ausnehmen und zurückbehalten?”
(Bert Brecht, FA XXI, 428)

 

Spaß mit dem Babbelfisch

Mit den Übersetzungsprogrammen wird das auf absehbare Zeit nichts – vermutlich niemals. Zu irregulär sind die Sprachen der Welt, sie sind gewachsen, nicht konstruiert, und einfach nicht miteinander kompatibel. Jeder Algorithmus muss versagen.

Zum Spaß – und zur Illustration habe ich einfach mal einige Texte aus der allgemeinen Pop-Geschichte durch die Kiemen des Babelfischs gemangelt. Dies ist das Resultat. Wer mag, darf raten, um welche Titel es sich möglicherweise mal gehandelt haben könnte. Wer alle richtig benennen kann, gewinnt den virtuellen Rechthaber-Pokal:

“Was ist das , das vor mir steht?
Abbildung in schwarz, die mich darauf
Drehen Sie sich um schnelle,
und beginnen zu laufen
Finden Sie heraus,
ich bin der Auserwählte Oh nooo!
Große schwarze Gestalt mit Augen aus Feuer
Telling Menschen ihren Wunsch
Satan sitzt da, er lächelt Uhren
diese Flammen immer höher
Oh nein, nein, bitte Gott, hilf mir!
Ist es das Ende, mein Freund?
Satans kommen um die Kurve
Menschen laufen denn sie haben Angst
Die Menschen besser gehen und passen Sie auf!
Nein, nein, bitte nicht!”

“Im weißen Raum mit schwarzen Vorhängen
in der Nähe der Station
Schwarz Dach Land, kein Gold Bürgersteige,
müde Stare Silber Pferde
liefen moonbeams in Ihre dunklen Augen
Morgendämmerung Licht lächelt
auf Sie verlassen, meine Zufriedenheit
Ich werde in diesem Ort, wo die Sonne nie scheint warten
Warten Sie in diesem Ort,
wo die Schatten von selbst laufen
Du hast gesagt, keine Strings
können Sie an der Station zu sichern Bahnsteigkarte,
unruhig Diesel, auf Wiedersehen Fenster
Ich ging in eine solche traurige Zeit am Bahnhof
Als ich ging, spürte,
wie mein eigenes Bedürfnis erst am Anfang
Ich werde in der Warteschlange warten,
wenn die Züge wieder Legen Sie mit Ihnen,
wo die Schatten von selbst laufen.”

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Nostalgie

Die Funktion einer Zeitung besteht in einer Demokratie darin, den herrschenden Quacksalbern eine Art Daueropposition zu bieten. Sobald sie versucht, deren Gejohle noch zu übertreffen, büßt sie ihren Charakter ein und macht sich lächerlich.” H. L. Mencken, Werke II, 215

Total retro, der Mann!

Mit der Entwicklung und Akkumulation des bürgerlichen Eigentums, d. h. mit der Entwicklung des Handels und der Industrie wurden die Individuen immer reicher, während der Staat immer verschuldeter wurde. Dies Faktum trat schon hervor in den ersten italienischen Handelsrepubliken, zeigte sich später in seiner Spitze in Holland seit dem 18. Jahrhundert … und findet jetzt wieder statt in England. Es zeigt sich daher auch, dass, sobald die Bourgeoisie Geld gesammelt hat, der Staat bei ihr betteln gehen muss und endlich von ihr geradezu an sich gekauft wird.”
Karl Marx, Deutsche Ideologie

Siehe zum Exempel auch Detroit, Griechenland, Irland, Bochum …

Boris Pilnjak

Trotz jahrzehntelanger Lektüre mache ich manchmal doch noch Entdeckungen. Zu ihnen zählt Boris Pilnjak, ein Mann, der in Russland eine eigene Richtung begründete, den ‘Pilnjakismus’. Der studierte Sohn eines Tierarztes aus dem Wolgagebiet stand später im Laufe seines kurzen Lebens auf dem Nordpol, er erlebte Berlin und London in der Schieberzeit, vor allem aber kannte er die russische Provinz, wohin er sich immer wieder zurückzog. 1938 massakrierte ihn Stalin unter der blödsinnigen Anklage einer ‘Spionage für Japan’. Begraben liegt er in einem Massengrab für russische Eliten, das dieser Diktator zwangsläufig einrichten musste, weil er alles zu metzeln trachtete, was ihn um mehr als Haaresbreite überragte. Das waren begreiflicherweise so einige …

Pilnjak erlebte die ‘frührevolutionären Zeiten’ auf dem Land, daher stammt das Hauptsujet seiner Texte. Er verfährt bei seinen Schilderungen neutral wie eine Kamera, er verfällt nie in billige Betroffenheit, ob er nun die Greueltaten der roten Armee, die der weißen Armeen oder auch jene des einfachen Volkes schildert. ‘Die da oben’ kommen nicht besser weg als ‘die da unten’. Das Objektiv seiner Kamera aber ist ein wahres Wunderwerk, plötzlich brennen sich Landschaften und Bilder ins Hirn, an denen jeder Dutzendtourist achtlos vorüber gelaufen wäre. Der Mann ist die personifizierte Sprachgewalt – hier ein wild herausgegriffenes Beispiel (‘Im Nebelland‘):

“Das Häuschen klebte am Fels wie ein Schwalbennest, darüber steil der Berg, darunter Felshang, Meer, Bucht, am anderen Ufer wieder Berge. Die Gesetze der Perspektive sind anders in der Arktis: Mondlicht – es schien, als ob die Berge jenseits der Bucht nicht Berge, sondern Stücke des Mondes wären, auf die Erde herabgekommene Stücke des Mondes. … Und von der Erde bis in den Himmel ragten Säulen in die Ewigkeit, die Säulen des Nordlichts – grün erhaben und unbegreiflich. In jener Nacht wurde Latschinow bewußt, wie großartig das war, was er gehört hatte – wenn Eisberge geboren werden. … Eis, berstend, sich losreißend, um in den Ozean zu gehen und zu töten.”

Die Welt, die Pilnjak bewohnt, wirkt kühl, distanziert und nirgends ‘verschnulzt’, Heimattöne sind ihm fremd. Er ist ein Kind der großen europäischen Katastrophe, ein Mann, den nichts mehr erstaunen kann. Über die Eliten, ob nun kapitalistisch oder sozialistisch, macht er sich keine Illusionen:

“Hier sitzt der Schieber, der Neureiche, er kann alles, ist außerordentlich beweglich, seine zehn Telefone arbeiten ununterbrochen, er hat Freunde an allen Börsen, er hockt an einem Tischchen und stochert in den Zähnen, seine prallen Schenkel sind dauernd in Bewegung, was ganz unenglisch ist, doch seine Nationalität ist ohnehin abgegriffen, verwischt. Er fürchtet ein wenig die Polizei und hat sein eigenes ‘Milieu’. … Es ärgert ihn, daß die Zeitungen mit einem Leitartikel beginnen und nicht mit dem Börsenbericht, als wäre nicht der Börsenbericht der wahre Leitartikel, der alles entscheidet. Abends wird er in die Music-Hall gehen und morgen ‘für ein paar Stunden’ nach Paris fliegen. Er war nie in Westminster, er weiß nicht, daß das Parlament dort tagt, er liest ‘Tarzan’ und wartet darauf, daß es elf Uhr wird, denn dann kann er die Serviererin zu sich in die ‘Fleet’ führen.”

Diese stickige Luft der Unbildung aber ist auch im ‘neuen Russland’ allgegenwärtig, auch dort nur “ein Gemisch aus Ammoniak, Trimethylamin und Schweiß“:

“Rußland, das verlauste, sektiererische, priesterlose, das der Welt die dritte Internationale an den Kopf warf, sich selbst bolschewistische Wirren, Menschenfresserei und nationales Bettlertum bereitete – das ist meine Heimat.”

Denn natürlich sieht Pilnjak nicht nur, welche Verheerungen die Raubzüge der marodierenden Heere aus Weißen oder Roten im einfachen Volk anrichten, er schreibt es auch auf, ohne jede Sehnsucht nach irgendwelchen angeblich ‘geordneten Zuständen’ davor. Er lässt Rattenheere in die Dörfer eindringen, die in ihren ausgekratzten Speichern keine Nahrung mehr fanden und nun die Säuglinge benagen, er schildert Verwandtenmorde um des zarten Lendenfleisches willen, er lässt ein verarmtes, zerlumptes Volk überall in Europa durch die Straßen paradieren, dessen Unglück es ist, von Soldatenhirnen, Parteibeamten oder Valuta-Schiebern beherrscht zu werden. ‘Heroisch’ ist die revolutionäre Welt des Boris Pilnjak nirgends, sie ist schlicht eine notwendige Folge, ein Resultat des großen Krieges und der Ausrottung menschlichen Potenzials, das der auf allen Seiten betrieb:

“Die Geschichte wechselt manchmal ihre Fahrzeuge – nicht immer ist es ein Triumphwagen. Im Augenblick hat sie sich vor einen russischen Bauernwagen gespannt, so uralt wie die Steinweiber der russischen Ausgrabungen an der Oka. … In Europa wurden Lieder von Roland gesungen und Lieder über die Nibelungen, durch Europa zogen Kreuzritter, Hugenotten und Taboriten, Johannes Huß bestieg den Scheiterhaufen. – Jetzt ersetzen Cafés und Dielen, in denen Tänze der Wilden getanzt werden, die Badestuben. Die Kintopps zeigen Wildwestfilme und Szenen aus dem Leben der Neger. Es gibt einen Steiner, einen Spengler. Der Leichenwagen der Geschichte rattert über die holprigen Wege der Börsenschwindeleien und Valutatricks. Es ist lohnender, einen Waggonvoll warmer Worte zu verkaufen und zu verkaufen, als Werte zu schaffen. Grenzen und Visa fletschen die Zähne.”

Sie ist also gar nicht so weit weg, die Welt des Boris Pilnjak. Ein Grund mehr, ins Antiquariat zu laufen und ihn wieder zu lesen. Die Editionslage ist allerdings desolat: In wilder Folge erschien mal dies bei Fischer, mal das bei Goldmann, anderes anderswo. Über die Qualität der Übersetzungen, will ich deshalb nichts sagen, weil ich kein Russisch kann. Zum Einstieg am besten geeignet scheint mir jener Band Erzählungen, der in Enzensbergers ‘Anderer Bibliothek’ erschien. Etwas Großes erwartet euch: ein revolutionärer Schriftsteller, aber kein Revolutionär …

Nochmals Hemingway

Am besten, Sie schreiben so im Hemingway-Stil”, sagte mir ein Kunde vor ein paar Tagen: “kurze Sätze, klarer Aufbau, keine hochgeistigen Exkursionen.” Der Kunde ist bekanntlich König, auch wenn sein Hermelin längst arg zerschlissen wirkt – deshalb sagte auch ich nichts, schlug aber zuhause die eingestaubte Rowohlt-Taschenbuch-Ausgabe auf, ganz willkürlich den Band 8 auf der Seite 66:

“Die Arena war von diesen beiden Persönlichkeiten beherrscht worden, die in ihrer eigenen Kunst – immer natürlich der Tatsache eingedenk, daß es eine Kunst ohne Bestand, also eine mindere Kunst ist – Velázquez und Goya oder in der Literatur Cervantes und Lope de Vega vergleichbar waren, obwohl ich mir nie etwas aus Lope gemacht habe, aber er genießt das notwendige Ansehen für diesen Vergleich, und als sie tot waren, war es, als ob in der englischen Literatur Shakespeare plötzlich gestorben sei und Marlowe sich zurückgezogen habe, und das Feld Ronald Firbank überlassen blieb, der sehr gut über das schrieb, worüber er schrieb, der aber, sagen wir, ein Spezialist war.” (Tod am Nachmittag)

Dieser eine ellenlange Satz mit seinen mehr als 100 Wörtern mag ja Zufall sein, festzuhalten bleibt, dass er trotz seiner beachtlichen Länge doch gut verständlich bleibt, auch wenn nicht mehr jeder deutsche Leser weiß, wer dieser Ronald Firbank eigentlich war. Das alles könnte nun Zufall sein, also schlagen wir das bekannteste Werk des Autors wiederum an einer beliebigen Stelle auf (Bd, 4, S. 215), also ‘Der alte Mann und das Meer’. Durchschnittlich geht’s bei der Satzlänge in dem Buch immerfort so zu:

“Im Dunkeln konnte der alte Mann das Kommen des Morgens fühlen, und während er ruderte, hörte er einen surrenden Laut, als fliegende Fische das Wasser verließen, und das Zischen, das ihre starr gestellten Flügel machten, als sie in der Dunkelheit davonsegelten.”

Mit 42 Wörtern ist auch dieser Satz noch so lang, dass jeder Marketing-Lehrer seinem Eleven dieses Elaborat um die Ohren schlagen würde (‘Mein Gott, Meyer, wie oft soll ihnen das noch sagen: Kein Satz darf länger als zwölf Wörter sein, sonst versteht ihn der Kunde nicht mehr‘ [24 Wörter]). Ja, Pustekuchen!

Die gerühmte Leichtigkeit und Transparenz des Hemingway-Stils ist – meines Erachtens – etwas, das keineswegs auf kurzen Sätzen oder Parataxen beruht, also auf grammatisch möglichst gleichförmig gestrickten Sätzen. Hier wirkt vielmehr schlicht der Gebrauch kurzer Wörter, verbunden mit der Abwesenheit jeder Fachsprachlichkeit. Die Länge der Sätze hingegen – so von einer Meisterhand in kunstgerechter Statik errichtet – ist überhaupt kein Problem. Bei Hemingway wird der Wortschatz des Lesers nie überfordert durch ein überhebliches Sich-Suhlen des Autors in pretiösen Wortperlen und abgehobenen Gedankenspielen. Er hat – um mit Schopenhauer zu sprechen – die Gabe, mit gewöhnlichen Worten Ungewöhnliches zu sagen.

Die vielgerühmte Lapidarität, die auch viele Journalisten meinen, in Erinnerung zu haben, die ist wohl eher eine Erinnerung an die Hemingway’sche Dialogführung. Die Vertreter dieser ‘Lost Generation’ sind redefaul, sie knurren ihre Statements widerwillig zwischen den Zähnen hervor, sie stellen ihre Gefühle nie zur Schau, nie labern sie – wie bspw. ein Settembrini im ‘Zauberberg’ – mit ellenlangen Exkursen in die nahe und ferne Geistesgeschichte dem Leser die Hucke voll: Exkurse, wie sie in der Natur, außerhalb der Kathederwelt, doch nirgends jemals zu finden sind. Thomas Mann ist eben ein Künstlerer, Hemingway ein Künstler.

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