Stilstand

If your memory serves you well ...

Kategorie: Wortschätze (Seite 2 von 12)

Die Faktenhuber

Abends, vor dem Einschlafen, ziehe ich mir oft noch ein Buch aus dem Regal und lese darin ein paar Seiten. Zur Gänze lesen muss ich solche Texte nicht mehr, weil ich die Handlung bereits kenne. Gestern traf es Charles Dickens’ ‘Harte Zeiten’, seine gnadenlose Abrechnung mit dem Empirismus, mit den ‘Nutzenfanatikern’ und den Statistikern der viktorianischen Zeit.

Der Text beginnt mit einer Schulsituation. Dort steht Thomas Gradgrind, der Utilitarismus-Prediger, vor seinen Eleven und verkündet das Heiligtum der Fakten:

“Was ich verlange sind Tatsachen. … Sie können den Geist denkender Lebewesen nur durch Tatsachen bilden; nichts sonst wird ihnen je von geringstem Nutzen sein.”

Der folgende Roman falsifiziert dann diese Eingangsthese natürlich aufs Eindrücklichste. Es sind die kleinen ‘Ponytricks’ der Literatur, die diesen Roman zu einer lohnenswerten Lektüre machen.

Zwei Antagonismen sind es, die hier gleich anfangs ‘symbolisch’ illustriert werden. Da ist die phantasievolle Schülerin Sissy, die beim Wort ‘Pferd’ vom Zirkus redet oder ans Kunstreiten denkt. Sie gewinnt im Sonnenschein, der durch Fenster ins düstere Klassenzimer fällt, “tiefere und reichere Farben”, während der knochentrockene Bitzer, des Lehrers Liebling, unter der gleichen Sonne in völliger Farblosigkeit verschwindet. Dieser Bitzer definiert das Pferd dann zur vollen Zufriedenheit des Lehrers:

“Vierfüßler. Grasfressend. Vierzig Zähne. Nämlich vierundzwanzig Backen-, vier Augen- und zwölf Schneidezähne. Verliert die Haare im Frühjahr, in sumpfigen Gegenden auch die Hufe. Harte Hufe, die aber mit Eisen beschlagen werden müssen. Das Alter an den Zähnen erkennbar. / Mädchen Nummer 20”, sagte Mr. Gradgrind, “jetzt weißt du, was ein Pferd ist.”

Ach, wissen wir das? Was auffällt, ist die fast völlige Verblosigkeit derart empirischer Auflistungen. Substantive allein sind sprachlich wertlos, setzt man sie nicht mit Hilfe von Verben in Bewegung. Auch sie wollen traben und galoppieren, oder argumentativ über Hindernisse setzen. Bloße Fakten ohne Handlungsbezug klötern wie Alteisen im Sack eines Hökers oder Faktenhubers. Pferde sind sehr viel mehr, als es sich der beschränkte Geist eines ‘Empiristen’ ausmalen kann: Sie schuften – blind geworden – in den Schächten der englischen Bergwerke, sie ziehen die Kutschen der hohen Herrschaften, die durch Dickens’ Elendsviertel rollen, und am Ende ihres Daseins holt sie dann der Rossschlachter. Pferde leben also, die bloße Faktenhuberei dagegen nicht, Pferde haben eben nicht nur vier Füße und fressen Gras.

Natürlich ist solcher Empirismus auch heute noch zu finden, der Blick in eine beliebige Zeitung genügt: “BIP 23.100 Euro/Kopf, indexierter Kaufkraftstandard 93, Arbeitslosenquote 17 Prozent, Exportwert 1.835 Mio Euro, Korruptionsindex hoch.” Das wäre nach Ansicht unserer zahlengläubigen Utilitaristen dann bspw. ‘Griechenland’ …

Kurzum – man macht sich so seinen Reim, wenn man, angeregt durch ein scheinbar angestaubtes Buch, beim Einschlafen noch ein wenig mit seinen Gedanken bastelt. Es genüge, sagt Lichtenberg, einen Text an beliebiger Stelle aufzuschlagen und mit dem Finger auf einen Absatz zu tippen, um einen Roman darüber schreiben zu können … wohl wahr. Und ‘harte Zeiten’ entstehen regelhaft dann, wenn die excel-gesteuerten Empiriker regieren. Siehe McKinsey … die Welt bildet sich eben nicht in Zahlen ab.

Eine alte Geschichte

Nikolaj Gogol ist sicherlich der größte Dichter, der jemals in der Ukraine geboren wurde. Das darf ich wohl ohne großen Widerspruch behaupten. Als Gogol 1809 als Sohn eines ukrainischen Gutsbesitzers kosakischen Ursprungs auf die Welt kam, da war es gerade mal dreizehn Jahre her, seit das Zarenreich diese blutig eroberten Gebiete im Gefolge der polnischen Teilungen zu einem ukrainischen Gouvernement (‘Neurussland’) zusammengefasst hatte.

In seinen frühen Erzählungen, später veröffentlicht unter dem Titel ‘Die Abende auf einem Weiler bei Dikanka’, schildert der Autor uns das ukrainische Dorfleben um 1830. Friedlich, bunt und durchaus komödiantisch sehen wir dort Kosaken, Ukrainer, Zigeuner, Juden, Polen und viele andere Völkerschaften miteinander handeln, saufen, poppen und auch streiten. Nur eine Völkergruppe fällt aus diesem großen gesellschaftlichen Konsens immer heraus. Das ist ‘der Moskowiter’, damals der ukrainische Schimpfname für den Russen überhaupt. Die Geschichten strotzen geradezu von solchen Fundstellen (zit. n. d. Winkler-Dünndruck-Ausgabe sämtlicher Erzählungen):

“Spuckt ihm auf dem Kopf, der das gedruckt hat. Er lügt, der Hundsmoskowiter!” (S. 49)

“Mir ist so fröhlich ums Herz, als ob die Moskowiter meine Alte entführt hätten!” (S. 44)

“Mein Narr hat sich zur Nacht mit dem Gevatter unter den Wagen gelegt, damit die Moskowiter nichts stehlen können.” (S. 28 f)

“Das stimmt schon, aber du weißt ja, wenn irgendwo eine Teufelei im Spiel ist, so kann man sich ebensoviel Gewinn erhoffen wie von einem hungrigen Moskowiter.” (S. 22)

“Wie in Streit geratene Hökerinnen einander mit Flüchen und Krebsen bewarfen; wie ein Moskowiter, der mit der einen Hand sein Ziegenbärtchen strich, mit der anderen dagegen …” (S. 21)

Das waren gerade mal dreißig Seiten, auf denen sich Fund an Fund reiht. Im ukrainischen Volk ist der Russe ‘der andere’, der die Eintracht stört, der immerfort stiehlt, der lügt und dem man alles Schlechte zutraut. Diese Gesellschaft ist (noch) nicht antisemitisch, sondern durch und durch antirussisch. Nichts ist es also mit einer ‘gemeinsamen russisch-ukrainischen Mentalitätsgeschichte’. Juden, Zigeuner – sie alle vermochte diese ländliche Gesellschaft zu integrieren. Nur einen eben nicht: den Russen. Der war ihr unverdaulich.

Dass Stalin dieses widerständige ‘Kulakenpack’ dann zu Hunderttausenden in den Hungertod trieb, war – so gesehen – in seinen Augen sicherlich nur folgerichtig. Aber auch das dürfte die russisch-ukrainische Freundschaft kaum beflügelt haben. Um mich drastisch auszudrücken: Erst kam der Holodomor, dann kam Bandera …

Das ewige Russland

Wozu das Ende Russlands noch bedauern!’ Diese lieben Gedanken unserer Klugen sind bereits durch ganz Europa geflattert, besonders mit Hilfe der europäischen Korrespondenten, die schwarmweis zu uns kommen, um uns an Ort und Stelle zu studieren, uns mit ihren europäischen Äuglein zu durchschauen und unsere Kräfte mit ihrem europäischen Zentimetermaß zu messen. … Sie begreifen es nicht und wissen es nicht, daß, wenn wir wollen, uns alle Juden der Welt zusammengenommen nicht werden besiegen können, nicht die Millionen ihres Goldes, nicht die Millionen ihrer Armeen. … Sie werden auf eine neue, ihnen noch vollkommen unbekannte Kraft stoßen, auf die Kraft, deren Wurzeln in der Natur des unabsehbaren Russenlandes und in der Natur des allvereinenden russischen Geistes liegen. … Nein, wir brauchen Krieg und Siege! Mit Krieg und Siegen wird das neue Wort kommen und wird das lebendige Leben beginnen und nicht das ertötende Geschwätz von früher sich fortsetzen.”
Fjodor M. Dostojewski: Politische Schriften

Niklaus Meienberg

Er ist der ‘Kurt Tucholsky der Schweiz’ – und ebenso wie Tucho schied er früh durch Freitod aus dem Leben. Die Nachrufe der Zeitungen waren mit klinischen Diagnosen schnell zur Hand: ‘Unter Depressionen’ hätte der Mann gelitten, da könne man also nichts machen. Ich würde sagen, dass vor allem blanke Verzweiflung am eigenen Berufsstand ursächlich war.

Niklaus Meienberg bietet heute noch eine höchst erhellende Lektüre, wo großer Erkenntnisgewinn oft aus kleinen Beobachtungen fließt. In seiner Beschreibung der schweizerischen Stadt Fribourg macht er bspw. auf die Seilbahn aufmerksam, welche die strikt getrennte Oberstadt mit der ärmeren Unterstadt dort verbindet. Raffinierte Eidgenossen entwickelten hierfür ein fäkalienbetriebenes System: Unter jeder Gondel hängt ein Güllekübel, der sich am oberen Kehrpunkt mit der Scheiße der Oberstadt füllt. Wie von selbst zieht dann die schwerere Gondel bei ihrer Abfahrt das Gegenstück den Berg hinauf. Alles Gute kommt auch in Fribourg mal wieder von oben. Die Unterstadt entsorgt, natürlich absolut energieeffizient, die gebenedeiten Verdauungsprodukte der weißen Villen hoch oben auf dem Berg. Klingt klassenkämpferisch? Nö, das war wohl einfach so.

Interessanter in unserem Zusammenhang sind jene Texte, die sich mit dem Journalismus befassen. So die Innenausleuchtung des Rattenkäfigs beim ‘Stern’, für den Meienberg einige Jahre als Pariser Korrespondent arbeitete. Auch das wieder eine Parallele zu Tucholsky, nur dass auf der anderen Seite kein Siegfried Jakobsohn saß. Meienberg filetiert das Nannen’sche Star-System, er zeigt uns, wie man dort, immer wenn die Auflage fiel, ein Tittenbild auf dem Titel platzierte, wie gnadenlos die Hahnenkämpfe bei den Redaktionskonferenzen verliefen – man sollte dies Schurkenstück einfach gelesen haben. Am heutigen Journalismus erscheint einem dann nichts mehr neu, allenfalls der Fakt, dass die Bezahlung in diesem Masochisten-Genre seither in den Keller rauschte.

Ein weiterer Text, eine ‘Berufsberatung’ mit dem Titel “Wer will unter die Journalisten”, sticht besonders hervor: Am fiktiven Lebenslauf eines gutwilligen und schreibkundigen jungen Mannes, der sich in den Journalismus begibt, zeigt Meienberg die Charakterdeformation, die jetzt notwendig folgen wird. Er lässt den jungen Aufklärer in den Maschen all der Netzwerke aus ‘Old Boys’ und ‘Industrieinteressen’ sich verfangen, er jagt ihn durch die Tretmühlen des Redigierens, des Kommentierens, auch des Feuilletons. Zum Schluss sehen wir ihn, rundgepisst wie ein Duftstein im Urinal, seinen Frieden mit den Verhältnissen machen. Denn längst hat er eine Familie gegründet und ein Haus gebaut – er ist ‘klug’ geworden, und schreibt nur noch im schönsten Industrieton, solange, bis er es dann doch nicht mehr erträgt:

‘Im Lokalteil kam ein Nachruf: “… und werden wir den allseits geschätzten, pflichtbewusst-treuen Mitarbeiter nicht so schnell vergessen, der, von einer Depression heimgesucht, freiwillig aus dem Leben geschieden ist.” Pfarrer Vogelsanger hielt die Abdankung, der gemischte Chor Fraumünster sang: “So nimm denn meine Hände und führe mich.” Der Verschiedene wurde versenkt und verfaulte sofort.’

Es ist, als hätte Niklaus Meienberg hier sein eigenes Schicksal vorausgesehen. Einer gewissen Ironie entbehrt es nicht, wenn die rechtsliberalen Blätter der Schweiz, die sich zu Lebzeiten bekreuzigten, wenn der Name Meienberg fiel, noch heute mit süßsäuerlich verzogenem Mundwerk von ‘einem Großen’ des Schweizer Journalismus schreiben müssen. Irrtum, meine Herren – er war euer Größter! Ein Nachfolger ist nicht in Sicht …

Als Einstieg zu einer Meienberg-Lektüre empfehle ich den Band ‘Heimsuchungen’, aus dem Diogenes-Verlag, antiquarisch erhältlich. In ihm finden sich die erwähnten Journalismus-Texte. Fortgeschrittene, die wissen wollen, was Journalismus ist, vor allem aber, wie er sein könnte, die greifen als nächstes dann vielleicht zu ‘Die Welt als Wille und Wahn’.

Das erklärt dann vieles

Schmuggel, Seeraub und Sklavenhandel stehen an der Wiege des englischen und des ganzen modernen Kapitalismus. … Und ebenso deutlich, wie wir noch in den respektablen Kaufherren des 17. und 18. Jahrhunderts die Züge ihres Stammvaters, des Raubritters und Piraten zu erkennen vermögen, können wir im heutigen Großfinanzier entdecken, dass er sich vom Glücksritter, vom Spieler und Falschspieler herleitet.”
Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit, 380 f

Vielfreunderei

Ein schöner Begriff – “Vielfreunderei” – den der Varnhagen von Ense 1843 benutzte, um die soziale Verlogenheit des deutschen Vormärz zu kennzeichnen. Von vorn gab’s da den Bruderkuss, von hinten traf dich die Denunziation des Metternich’schen Spions. Passt auch in unsere Zeit des Followertums …

Fare thee well …

Der Mittelstand

Ich dachte heute wieder scharf an eine frühere Wahrnehmung, wie falsch die gewöhnliche, allgemein verbreitete Annahme ist, daß der sogenannte Mittelstand den größten Wert habe, die wahre Kraft des Staates bilde, den stärksten Halt der Sitten u.s.w. Nein, alles geht in ihm unter, alles wird matt und klein, wo er herrscht. In der Fülle des Reichtums und der Macht, und in Armut und Bedrängnis, in beiden Gegensätzen, entwickelt sich Großes und Herrliches weit öfter und leichter, als im elenden Mittelstande.”
Karl-August Varnhagen von Ense, Tageblätter, 10. Februar 1840

 

Zum Wochenende:

Tscha – ‘Another Time’, wie schön wäre das denn, so ganz ohne Merkel und Rattenrennen? Tom Rapp war übrigens einer dieser begnadeten Folksänger, wie sie nur alle hundert Jahre mal leicht lispelnd vom Himmel fallen (meine Meinung) …

Das Allmachts-Paradox

Weil’s mir altem Heiden gestern im Gespräch mit unserem zuständigen Pastor wieder einfiel, will ich auch euch dies bewährte Argument nicht vorenthalten. Es geht so:

“So mächtig ist unser Gott, dass er sogar einen Stein erschaffen kann, der so viel wiegt, dass Gott selbst ihn nicht mehr aufzuheben vermag.”

Es dauert ein bisschen, aber dann beginnt’s im Kopf zu klickern und zu klackern, während der Dogmenstaub rieselt …

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