If your memory serves you well ...

Kategorie: Richtplätze (Seite 3 von 12)

Nationaler Kassandra-Tag!

Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg.” Jaja, das böse Internet und die Computerspiele! Fehlt eigentlich nur der Fußpilz. Oder liegt’s vielleicht doch eher am Vorstadt-Milieu in Zeiten von Hartz IV? Wer jedenfalls an die These vom bösen Digitalen glaubt, für den ist ‘sozialer Abstieg’ prompt selbstverschuldet – und die Opfer wurden zu Tätern und haben den Bullshit an der Backe kleben. Oder: Soziale Mechanismen aus der Sicht eines beamteten Hochschulprofessors auf C-IV.

Seltsam ferner, dass jene Nationen, deren Computer-Daddel-Konsum weltweit doch am höchsten scheint, die ‘ostasiatischen Tiger’ also, dass die bei den Olympischen Spielen so sensationell gut abschneiden konnten. Und wirtschaftlich gleichfalls ‘rundbesohlt’ scheinen, auch bei den ‘Lernerfolgen’. Was wiederum in völligem Widerspruch zu den Thesen dieses famosen ‘Gehirnforschers’ stünde, dessen Steckenpferd bekanntlich jener Forschungsgegenstand ist, in den sich allemal am meisten hineininterpretieren lässt. Siehe Sarrazin … wo ein Buch mehr Schaden angerichtet hat, als zehn Folgen Super-Mario. Da halte ich mich doch lieber an Spitzers Kollegen Dirk Frank statt an diesen ‘terrible simplificateur’:

„Spitzer ist vor allem darauf bedacht, den Eindruck zu erwecken, es handele sich um eine mit naturwissenschaftlicher Präzision gestrickte Beweisführung. Umfangreiches Datenmaterial, Grafiken und scheinbar gesicherte Erkenntnisse aus Medizin, Kriminalistik, Ernährungswissenschaft und Pädagogik scheinen diesen Eindruck zu untermauern. Doch Spitzers massenmedial zugespitzte These fällt selber dem Prinzip anheim, das sie zu kritisieren vorgibt: nämlich einer oberflächlichen und vorurteilsgeleiteten Medienbetrachtung.“

Ohne Ross und ohne Reiter

Heute, liebe Kinder, geht es hier um die Disziplin des ‘Tatzenlutschens’. Wenn ihr später mal als Journalisten Erfolg haben wollt, ist diese Disziplin unverzichtbar. Zunächst ist es wichtig, aus Kleinigkeiten im Handumdrehen ganz, ganz viel zu machen, also zum Beispiel aus ein paar versprengten Beamten gleich “die Regierung”. Da ferner niemand so recht weiß, worum es denn ging, als diese Beamten neulich bei ein paar Ökonomen anriefen, wie sie es unter Kollegen wohl öfter tun, dürfen wir mit Fug und Recht auch das Schlimmste vermuten, weil es ja schließlich so passiert sein könnte. Wir betreiben also einen hochmodernen Putativ-Journalismus und nennen das Resultat unser ‘Narrativ’: Unsere zensurversessene Regierung setze also diesen ‘kritischen Ökonomen’ – was immer solch ein Unding sein mag – die Pistole auf die Brust. Dass es in manchen Telefonaten vielleicht auch nur um die Euro-Krise, um die Zinsentwicklung oder um den Fiskalpakt gegangen sein könnte, das lassen wir dabei als unerheblich unter den Tisch fallen, da es unserem ‘Narrativ’ nur schadet.

Weshalb aber riefen sie denn dann an?, fragt ihr euch jetzt. – Natürlich wegen dieses sensationellen Ökonomen-Aufrufs, den diese Beamten, die wir soeben als ‘die Regierung’ bezeichneten, angeblich knallhart kritisiert hätten, obwohl sie ihn faktisch irgendwie und eigentlich doch selbst gut fanden, wie es uns wiederum unsere Konfidenten steckten. Vielleicht wollten sie den Ökonomen also nur gratulieren, obwohl der Aufruf arg sang- und klanglos verpufft ist, weshalb das ‘Handelsblatt’ ihn uns hier wie Grünkohl aufwärmt. Manchen riefen die Beamten auch gar nicht an. Das alles aber schreiben wir nicht so direkt, sondern höchst gewunden in unseren Text hinein, da eine klare Sprache wiederum unserem ‘Narrativ’ nur schaden würde. Höchstens quirlen wir an unauffälliger Stelle das Dementi eines Ökonomen in den Gugelhupf hinein, um dem Ganzen objektives Aroma zu geben – fertig ist die Nullmeldung:

“Regierung setzt kritische Ökonomen unter Druck … Nach Handelsblatt-Informationen haben hochrangige Regierungsbeamte bei mehreren Unterzeichnern des Ökonomenaufrufs angerufen. … “Bei mir hat sich vor oder nach dem Aufruf niemand aus Berlin gemeldet”, sagte [Sinn]. … In der Regierung dächten in Wahrheit viele Beamte ähnlich wie die Ökonomen, so Stefan Homburg, Finanzwissenschaftler an der Uni Hannover.”

Diese Nullmeldung erschien beim Handelsblatt vermutlich erst ‘unter Druck’ …

Lebensregeln

In eine prekäre Künstlerexistenz führen viele Wege hinein, aber es führt nur ein Weg hinaus: die Produktion erfolgreicher Kunst. Wem diese Trauben zu hoch hängen, der scheitert dann. Insofern ist diese Antwort auf Don Alphonso ein guter Text, weil er nicht gleich Ponaders Spuren breit tritt, der seine individuelle Nischenexistenz in einem intellektuellen Kurzschluss gern absolut zu setzen pflegt. Schließlich ist eine Münchner Einser-Matura nicht mehr das, was sie mal war – in der großen Zeit prekärer Lebensentwürfe dort wäre der Johannes Ponader schlicht untergegangen, wegen eines gewissen Unterschieds zwischen Bohei und Bohème. Vielleicht straft er uns auch alle Lügen – und sein ‘Faust’ kommt erst noch …

Primitive Headlines

Ich weiß nicht, welchen Tee jener Schreiber trank, der diese schöne Headline formte, mit Recherche hat sie aber nicht viel zu tun:

“Neoprimitive zerstören Timbuktu.”

Natürlich ist der Reflex erklärlich, der die Zerstörung eines Weltkulturerbes aus dem Bauch heraus ‘primitiv’ schimpfen möchte, um dann – weil doch einige Fakten im Hinterkopf zu laut bimmeln – schnell die Vorsilbe ‘Neo-‘ davor zu bappen. Jene islamischen Fundamentalisten in Mali aber sind ungefähr so ‘primitiv’ wie Luther und die Reformatoren zu ihrer Zeit.

Im Gegenteil: Der ‘Wahhabinismus’ ist eine modernistische und zugleich retro-hafte Richtung im Islam, eine außerweltliche Ideologie, die eine verkommene Religion gewissermaßen “vorwärts zu ihren Wurzeln” führen möchte. Dominiert wird sie von ‘Akademikern’ islamischer Provenienz. Im Gefolge solch religiöser Strömungen entsteht dann regelhaft das Phänomen des ‘Bildersturms’. Denn in nahezu allen monotheistischen Religionen ist es verboten, sich von Gott ‘ein Bild zu machen’ oder mit Nebengöttern ‘Götzendienst’ zu betreiben.

In der Reformation stützten sich die radikalen Protestanten bei ihrer Argumentation auf das erste und zweite Gebot Moses. Die Heiligenverehrung, der Kirchenschmuck, Statuen, Bibelszenen auf Gemälden, die einem illiteraten Volk die Erzählungen der heiligen Schrift unmittelbar vor Augen führten, die wanderten unter großem Tumult auf den Scheiterhaufen oder sie wurden – von den geschäftstüchtigeren Reformatoren – schlicht verkauft.

Bilderstuermer reißen ein Kreuz nieder

Timbuktu heißt hier Stadelhofen

Diese ‘Bilderstürme’ fanden in nahezu allen Teilen Europas statt, in denen Luthers und Calvins Lehre Fuß fassen konnte. Im Kern ging es heute wie damals darum, einem wunder- und abergläubigem Volk die tradierte ‘sinnliche Religion’ zu rauben, um sie zu einem asketischen, unanschaulichen und kontemplativen Religionsbegriff zurückzuzwingen. Angeführt wurden solche ikonoklastischen Tumulte regelhaft von studierten Predigern an der Spitze, es waren keine blinden Aktionen der ‘Primitiven’ oder des ‘Pöbels’.

So ist es auch in Mali und Timbuktu. Die Anführer des Bildersturms dort sind studierte Leute aus Koranschulen und Madrassen, auch wenn wir die Bildungseinrichtungen der islamischen Welt nicht allzu ernst zu nehmen pflegen. Die Grabmäler der wundertätigen Marabuts aber, die dort jetzt geschändet werden, das sind die ‘Tempel des Volkes’, um die herum die Bewohner ihre westafrikanische Form eines populären Islam praktizierten, mit Tanz, Gesang und Musik, mit den mystischen und sinnlichen Anteilen des Sufitums, Lebensäußerungen, die wegen ihrer ‘lusthaften Anteile’ allen wahren Asketen ein Gräuel sind. Es ist also das alte Muster religiöser Reformationen, das dort aufgeführt wird.

Im Kern geht es um den Versuch einer im islamischen Sinne hochgebildeten religiösen Elite, dem Volk das eigene, fern der Lebenspraxis zusammenstudierte Religionsverständnis mit Gewalt und Zerstörung aufzuzwängen. Zu diesem Zweck müssen ‘goldene Kälber’ und andere Fetische zu Staub zerfallen. Mit ‘Neoprimitivität’ aber hat das nichts zu tun, eher schon mit den Wiedertäufern, mit Calvin und mit Zwingli …

Bild: Bildersturm in Stadelhofen, wikimedia, gemeinfrei

Zeitung und Wahrheit

Allseits beliebt ist er, der ‘kleine Riester-Sparer’, seit die erbarmungslose Politik den großen Geldmarktakteuren mit einer unerhörten Umsatzsteuer von 0,1 Prozent auf die Ware ‘Geld’ ein schröckliches Ende bewährter Geschäftsmodelle andräut. Das mediale Flaggschiff irdisch orientierter Portfolianten in Deutschland, die FAZ also, malt dem Michel jetzt 14.000 Euro Abschlag auf sein mühsam Erspartes an die Wand, alles nur wegen der Finanztransaktionssteuer, eines neuen etatistischen Ungeheuers, vor dessen gefräßigem Maul die tagträumende Bundesregierung ihn noch rechtzeitig bewahren müsse.

Mit spitzem Bleistift von einem Mathematiker durchgerechnet, statt von einem Journalisten eher nachgebetet, sieht das Ergebnis schon wesentlich minimalistischer aus – ja, eigentlich ist es so gar keiner Nachricht mehr wert: “Der „normale“ Riester-Sparer wird durch eine Finanztransaktionssteuer nicht um 14.000 Euro, sondern um jährlich 75 Cent ärmer.” – – – Nanu, auf wessen Leim mag die FAZ-Redaktion denn da wohl gegangen sein? Und wurde sie gelockt oder getrieben?

Analogiker

Der gute alte Kalauer lebt. Unter dem Titel “Digital der Ahnungslosen” tagte das ‘Netzwerk Recherche’ unter weitgehendem medialen Desinteresse in Hamburg.* Da jeder Kalauer gleich wieder einen Kalauer nach sich zieht, schlage ich fürs nächste Jahr “Zelluloser unter sich” als Titel für die Tagung vor.

Weil gleich eingangs in Rotation geraten, drehte sich das Schwungrad unserer Lautmaler weiter. Auch der Untertitel der Veranstaltung versuchte zu kalauern. Die verbale Erschöpfung der Macher war dort aber schon deutlicher zu spüren, jedenfalls starb der Gleichklang am Wegesrand: “Recherche jenseits von googeln und mogeln”. Zutreffender und wohlklingender wäre hier vielleicht eine “Recherche diesseits von telefonieren und insistieren” gewesen … woran sich die Frage, wie und ob solches heute möglich sei, ganz zwangslos angeschlossen hätte. Anders ausgedrückt: Die ‘Edelfeder’, die ohne Google heutzutage auskömmlich lebt, ist ein Märchen für die ganz Kleinen unter unseren real existierenden Publizisten.

Man sieht – nicht nur der Kalauer lebt, sondern auch das gut abgehangene digitale Ressentiment unter deutschen Edelfedern. Die Sekte der Altmedialen feierte eine Messe, eine “Art Kirchentag”, wobei sie als gute Rechercheure ganz vergaßen, zu erwähnen, dass ihr Ehrengast Roland Rino Büchel Mitglied der Schweizer SVP ist. Wo bekanntlich die ehrenwerten Mitglieder in Fragen von Muslimen, Migranten oder von Blochers Immunität so gar nicht das Wirken der Rechercheure zu achten pflegen, sondern sich vielmehr regelmäßig über solide Recherchen ganz ‘volksnah’ echauffieren. Wie im Falle der ‘Minarett-Initiative’ gegen muslimische Überfremdung, wo es diesen Biedermännlein auch nicht ins bedrohliche Bild passt, dass in der ganzen Schweiz nur drei Minarette zu finden sind. Schon ein wenig Recherche hätte genügt … vermutlich aber war man an möglicher Berichterstattung mehr interessiert. Was sich als Schuss in den Ofen erwies. Und so kommt’s, wie’s kommt, wenn dann das Braune in den Ventilator fliegt: “[S]chlecht recherchiert haben die Edelrechercheure vor allem selbst.”

*Etwas mehr als 1.000 Ergebnisse liefert die Abfrage ‘Netzwerk Recherche “Jahrestagung 2012″‘ – was einem Pups im Netz gleichkommt. Zum Vergleich: Schon ‘Thomas Leif’ liefert mehr als 14 Mio. Treffer …

Klare Kante

Seit meiner Jugend schon hatte ich für unmissverständliche Headlines ein Faible. An dieser hier gibt es bspw. nichts herumzudeuteln:

“Der Gesundheitsminister lügt.”

Die “sachkenntnisfreien Antworten” sollte die Schreiberin dem Minister aber nicht zum Vorwurf machen. Der Mann ist schließlich von der vergilbten Partei … ohne dies würde man dort nicht das.

Die Bild-Text-Schiene

Berlin hat statt der alljährlichen 1.-Mai-Randale ein friedliches Straßenfest erlebt – trotz warmer Nachttemperaturen und reichlich Alkohol. Auch Friede Springers ‘Welt’ kommt nicht umhin, das zu konstatieren:

“In Berlin ist die Walpurgisnacht weitgehend friedlich geblieben. Es gab vereinzelt Stein- und Flaschenwürfe gegen die Polizei. Die zeigt sich optimistisch und spricht von einem guten Zeichen.”

Wie aber illustriert der Redakteuer ‘von Welt’ jetzt dies durch und durch erfreuliche Ergebnis, damit der innere Kompass beim Leser wieder auf den ideologischen Nordpol einschwenken möge? Nun, natürlich so – mit Flammen, Rauch und vermummten Gestalten aus längst vergangenen Jahren. Gepfiffen sei auf Aktualität oder auch bloß Angemessenheit …

 

Piraten jetzt mit Westerwella

So, nun ratet mal, wer Nachfolgerin von Marina Weisband in den Talkshows dieser Republik wird? Richtig geraten: Julia Schramm, die in ihren Artikeln mehr Ichs verwendet als Griechenland Schulden hat. Sie wird diese Auftritte für ihre gnadenlose Selbstvermarktung nutzen. …”

Das ist zugegebenermaßen ein ganz kleines bisschen böse ausgedrückt – aber ich wünschte trotzdem, es wäre von mir. Zugleich ist dies ein Beispiel für jene Textsorten, die nur im Netz so zu lesen sind, weil sich die Printen dafür zu schade sind weil die Zeitungen einen seriöseren Stil bevorzugen …

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