If your memory serves you well ...

Kategorie: Richtplätze (Seite 2 von 12)

Reform-Allergie

Wohl kein Wort ist so sinnentleert, wie das Wörtchen ‘Reform’, seit es unseren Politikern in die Hände fiel. Es klingt gut, aber meint allemal das Gegenteil. Es gehört in den Giftschrank zu ‘Kundenorientierung’, zu ‘Restrukturierung’, zu ‘Qualitätsjournalismus’, zu ‘Rationalisierung’ und zu anderen hohl scheppernden Worthülsen in buntem Geschenkpapier.

Geht es um eine ‘Reform des Arbeitsmarktes’, dann darf sich jeder Arbeitnehmer sicher sein, dass er künftig schneller gefeuert werden kann und nur zu schlechteren Bedingungen wieder einen Job findet. Geht es um eine ‘Reform der Renten’, dann dürfen wir alle uns sicher sein, dass die Renten danach zum Sturzflug ansetzen. Geht es um eine ‘Reform des Steuersystems’, dann ist von vornherein klar, dass die Besitzenden künftig weniger Steuern zahlen werden. Geht es, wie jetzt im Falle Berlusconis, um eine ‘Reform der Justiz’, dann geht es darum, den Cavaliere vollends zu einem Unberührbaren zu machen, oder – um im Jargon begriffskranker Politiker zu bleiben – um “eine Rückkehr zur Gerechtigkeit.”

Dieser ewige ‘Reformbedarf’ ist also nichts als ein Vehikel, um bestehende Geld- und Machtverhältnisse zugunsten einiger Happy Few noch kuscheliger auszugestalten. Rosstäuscherei also … wir sollten sie künftig einfach auslachen, dort, wo sie von ‘Reform’ reden.

Solche Burschen versohlt man

An dieser Stelle möchte ich doch noch einmal daran erinnern, dass in der Weimarer Republik die ‘Völkischen’ mitsamt ihrer ‘Rassenlehre’ auch vor allem von den Universitäten und aus den Burschenschaften kamen – mit bekannten Folgen. Die NSDAP sah sich als ‘Jugendbewegung’ und wurde damals weithin von einer völkisch genordeten ‘akademischen Jugend’ angeführt. Ein Abitur allein macht auch niemanden vernünftig – genügend Irre gibt es auf allen Ebenen der Gesellschaft:

‘In der Deutschen Burschenschaft (DB), deren Mitglieder sich ab diesem Donnerstag beim Burschentag in Eisenach treffen, wird erneut über eine Art “Ariernachweis” diskutiert.’

Constantin Seibt zur NZZ

Nun ja, dafür versagt die NZZ regelmässig, wenn wirklich etwas passiert: beim Fall der Berliner Mauer brachten sie nur einen Einspalter, die Bedrohung der SVP für den Liberalismus sahen sie nicht, die Finanzkrise begriffen sie nicht, selbst als das Finanzsystem bereits fast zusammenbrach. Unaufgeregtheit ist noch lang nicht Urteilsfähigkeit. Und deshalb ist Journalismus auch ein interessanter Beruf: Weil er wirklich schwierig ist.”

Sobald ein Journalist tatsächlich in den Dialog eintritt und dialogisch seine eigenen Kommentarspalten befüllt, wird’s regelmäßig spannend. Um auf die Äußerung zurückzukommen: Dass die SVP in der Schweiz so stark ist, könnte daher durchaus etwas mit der publizistischen Landschaft dort zu tun haben, wo Verschnarchtes als Qualitätsjournalismus gilt und Hetze als Informationsjournalismus (s.u.). Dort drucken sie den größten Quark, sofern er nur den Stempel von Blochers Mannen trägt – und ‘das bisschen Mauerfall’ kommt dann eben erst auf Seite Zwei. Da dort ferner nie ein angestellter Schreiber ‘ganz rangvergessen’ in die Kommentarspalten einsteigen würde, wird’s auch nie interessant …

Die Selbstgewissen

Als am 11. September 2001 die gekaperten Flugzeuge der arabischen Terroristen ins World Trade Center und ins Pentagon einschlugen, da waren unsere Zeitungen voll mit einer Meldung selbstgewisser Sensationalität und Einzigartigkeit: “Noch nie” sei es geschehen, dass die amerikanische Supermacht auf ihrem eigenen Territorium so symbolträchtig angegriffen worden sei. Das dürftige historische Schulwissen, das die meisten mit auf ihren abgeschabten Redaktionssessel nehmen, meldete ihnen auch keinerlei Widerlegungsgefahr, also vergaßen sie jede Recherche und schrieben ein haltloses Faktum in ihre Spalten.

Faktisch aber war alles nicht mehr als ein Déjà vu: Im August 1814 eroberten die Briten auf amerikanischem Boden die Hauptstadt Washington und fackelten den Kongress und das Weiße Haus ab, immerhin ein Ereignis, das mehr als nur halbwegs vergleichbar mit Nine-Eleven gewesen wäre, auch wenn es damals noch keine Flugzeuge gab. Den Krieg, der ursächlich für diese Invasion war, den hatte übrigens der amerikanische Präsident James Madison vom Zaun gebrochen, ein ganz ordentlicher Jurist, aber auf militärischem Gebiet eine veritable Intelligenzbestie, die allenfalls mit Urururenkeln wie Schorsch Dabbeljuh Bush oder Dick Cheney auf intellektueller Augenhöhe stand …

“Die wohl größte militärische Demütigung in der Geschichte der USA gelang britischen See- und Landstreitkräften unter Sir George Cockburn und Generalmajor Robert Ross, die am 19. August 1814 an der Chesapeake Bay landeten, in der Schlacht bei Bladensburg am 23. August eine amerikanische Milizarmee auseinanderjagten und im Anschluss daran drei Tage lang ungehindert die öffentlichen Gebäude der Hauptstadt Washington plünderten und niederbrannten.”

Washington brennt …

Bild: Public Domain, US Library of Congress, wikimedia

Egoismus macht doof!

In der Mitteilung der Staatsanwaltschaft heißt es: “Die betrügerisch erlangten bzw. veruntreuten Anlagegelder sollen hauptsächlich für den extrem aufwändigen und exzessiven Lebensstil der Beschuldigten (…) verwendet worden sein.”

Betrachten wir ergänzend die Fotos dort, dann fragt sich prompt jeder halbwegs vernünftige Mensch, welchen Limbo der IQ eines Vermögenden wohl aufs Parkett legen muss, bevor er solchen gegelten Party-Löwen sein Geld anvertraut. Und welcher Unfall alle Menschenkenntnis außer Gefecht gesetzt hat …

Also kein Mitleid – weder mit den einen, noch mit den anderen. Egoismus bleibt die Ideologie derjenigen, die da meinen, es wäre jeden Tag Silvester. Und wenn uns Neoliberalismus und ‘Rand Corp. 2.0’ zu ‘Egos’ machen könnten, so wie es Frank Schirrmacher glaubt, dann zögen wir alle in einen riesengroßen Kindergarten, bis die Blase platzt oder – treffender – bis der Schneeball in der Sonne schmilzt …

Ego sumus?

Der Mensch löse sich zusehends von seinen sozialen Bindungen und vereinsame (‘Minimum’, 2006), der informationelle Overkill vernichte unsere kognitiven Fähigkeiten (‘Payback’, 2009), die Spieltheorie aus dem kalten Krieg erzeuge den marktkonformen Kapitalismus, wo wir nolens volens alle zu egoistischen ‘Role Models’ werden müssen (‘Ego’, 2013) – der durchgängige Kassandraton ist die große Konstante in Frank Schirrmachers Büchern. Dieser leitmotivische Wagner-Sound eines drohenden Untergangs jener Welt, wie wir sie kannten, macht ihn zum konservativen Vordenker der Republik. Anlässe und Ursachen aber wechseln wie das Pret-à-Porter auf einer Modenschau, wobei allenfalls das Internet die immergleiche Bühnendekoration bietet.

Jetzt also hat er die Mathematiker zu fassen, die seltsamerweise bei ihm als ‘Atomphysiker’ oder ‘Quants’ figurieren. Mein Bruder, der Mathematikprofessor, würde ihm für diese Eskamotage was husten: Physiker und Informatiker – meint der nämlich – seien bloß jene niederen Klempnergesellen, bei denen es zur höheren Mathematik nicht gelangt habe.

Hier als Referenz die etwas vereinfachte Grundthese Schirrmachers: Die sozialtheoretischen Gewinnberechnungen ‘machtpolitischer Spiele’ aus der Zeit der Chrujstschow- und Breschnjew-Ära konnten deshalb ganz stiekum in die Ökonomie einsickern, weil die RAND Corporation und andere Denkfabriken ihren mathematischen Spezialisten dort nach der Implosion des Sowjet-Imperiums nicht mehr genügend Arbeitsmöglichkeiten boten. So migrierten diese Algorithmen-Bändiger in die Bankentürme, um dort ihr Spiel der Spieltheorie fortzusetzen, als einen ‘kalten Krieg’ auf ökonomischer Grundlage.

Geboren wurden dort jene Algorithmen, auf denen der Sekundenhandel, die Rohstoffwetten und anderes Allotria heute beruhen. Hierbei legen diese Masterminds ein ‘EGO’ als durchgängiges Menschenbild zugrunde, sie gehen also von einem eher unangenehmen Typen aus, der als Massenmensch immerfort nur seinen eigenen ökonomischen Vorteil verfolge – für ihn würden alle Mitmenschen zu ‘Sowjets’ des Marktes, die es zu besiegen gelte. Dieses ökonomische Monadentum, so Schirrmacher, sei schrecklich. Also nicht die Akkumulation von Kapital sei zu verurteilen, sondern die massenhafte Existenz solcher Figuren fern aller Humanität, wie auch das frankenstein’sche Fortleben des ‘Kalten Krieges’ auf den Teppichetagen der Banken:

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Journalistisch -> Deutsch

Dutzendphrasen und ausgelatschte Metaphern befüllen die Publizistik wie Wassertropfen das Meer. Auch das Reden vom ‘Betonen von Gemeinsamkeiten’ gehört dazu, ein musikalisch-sprachbildlicher Gemeinplatz, den das große Gurgeln mit einer Viertelmillion Treffern belohnt. Zumeist sind es solche aus dem journalistischen Habitat. Hier eine aktuelle Fundstelle mit einigen Alternativen, die uns da doch ganz zwanglos auf der Zunge lägen:

“Merkel und Cameron betonen Gemeinsamkeiten.”
Merkel und Cameron sülzen belangloses Zeug.
Merkel und Cameron haben sich nichts zu sagen.
Merkel und Cameron verlieren sich in Geschwätz.
Merkel und Cameron necken sich mit Nettigkeiten.
Merkel und Cameron kommen einfach nicht auf den Punkt.
Merkel und Cameron führen eine Placebo-Kommunikation.
Merkel und Cameron backen sich Allgemeinplätzchen.
Merkel und Cameron umschiffen jeden Dissens.
Merkel und Cameron labern sich ‘nen Wolf.
Merkel und Cameron hätten auch zu Hause bleiben können.

Schon recht, Constantin Seibt:

Was Zeitungen mit Kolumnen zu kaufen hoffen, sind Köpfe. Und damit hofft man, auch Profil und Glanz für das eigene Blatt zu kaufen: mal Witz, mal Kühnheit, mal Haltung, mal menschliche Nähe, mal Provokation oder Stil.”

Mal angenommen, die Hintergedanken in den Chefetagen glichen tatsächlich diesem Schema – weshalb würden denn dann bloß diese ‘Spalten’ in deutschen Redaktionen ständig konträr zur großen Regel besetzt? Jetzt mal abgesehen von Misik und dem ‘Standard’ …

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