Stilstand

If your memory serves you well ...

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1618-1648: Der Krieg als Selbstzweck

Der Krieg nährt den Krieg

„Ein, zwei Stunden kann ich für Sie schon erübrigen. Ich und meine Studenten sind ja wegen ganz anderer Dinge da. Unser Forschungsprojekt lautet ‚Niederdeutsche Ackerbaustädte im Wandel der Zeit‘. Deshalb, weil diese kleinen Orte von unserer Wissenschaft ja noch gar nicht erforscht wurden. Über Hamburg, Bremen oder Osnabrück finden Sie bergeweise Literatur – aber über einen kleinen Ort wie Rethem? Zudem gibt es hier ein gut erhaltenes Archiv. So also sind wir hier gelandet, mit einem Förderprogramm im Rücken …“

Alexander Schirmer sah eigentlich gar nicht aus wie ein Professor, der sich täglich durch Berge von Aktenstaub wühlt. Er war noch jung, Anfang 40 vielleicht, das schmale Gesicht schmückten eine Nickelbrille und ein blonder, sauber gestutzter Vollbart. Dazu trug er eine beige Leinenhose, locker darüber ein offenes, kariertes Sommerhemd. An den Füßen bequeme Laufschuhe, die schon bessere Tage gesehen hatten. Wir beide saßen im Allerhof, oben unter dem Vordach auf der Veranda, mit einem weiten Blick in den blühenden Obstgarten hinein.

Ich erklärte ihm, weshalb uns ein gemeinsames Interesse verband. Ich beabsichtigte, gleichfalls Geschichten aus Rethems Vergangenheit episodenhaft zu illustrieren, dabei aber das Geschehen in eher literarische Bilder zu fassen. Und derzeit hatte ich eben den großen Krieg auf der Palette, beziehungsweise auf dem Bildschirm. Jenen Krieg also, der so vieles in Deutschland veränderte.

„Nicht, dass sie uns dabei in die Quere kommen!“, Schirmer grinste mich an: „Aber ich verstehe schon. Sie wollen den Menschen hier ihre Geschichte nahebringen. Und zwar so, dass sie auch Anklang findet. Unser Publikum hingegen ist ja eher die Fachwissenschaft – und dementsprechend trocken lesen sich die Resultate dann auch. – Aber gut, reden wir also über den Dreißigjährigen Krieg, der fälschlich immer noch als ‚Religionskrieg‘ bezeichnet wird. Da habe ich für Sie als erstes eine Enttäuschung parat. Zwischen 1618 und 1648 lag Rethem – so wie eigentlich ganz Nordwestdeutschland – in einem eher abseitigen Winkel. Das heißt jetzt nicht, dass hier friedliche Zustände herrschten. Die Auswirkungen des großen Krieges waren nur nicht so katastrophal wie die unaufhörlichen Verwüstungen in Flandern, Böhmen oder der Pfalz, wo dieser Krieg nahezu ohne Unterbrechung tobte.“

„Von welchen Auswirkungen reden wir, wo doch die großen Schlachten woanders geschlagen wurden,“ warf ich ein.

„Nun ja, Tilly, Pappenheim, Wallenstein, und wie die großen Söldnerführer alle hießen, die zogen natürlich auch hier gelegentlich die Aller entlang. Aber nicht, um eine Entscheidungsschlacht zu suchen. Generell belauerten sich die Armeen damals eher, als dass sie sich mit Hurra ins Gemetzel stürzten. Und sie folgten, wo es ging, den Flussläufen, weil sich so die Logistik und Versorgung am ehesten sichern ließen. Der Schwarze Tod, der den Heeren immer auf dem Fuße folgte, der forderte dann auch hier in der Heide seine Opfer. Zwei Pestwellen haben auch Rethem wohl getroffen. Hinzu kamen die „Kontributionen“, wie Wallenstein die von ihm erfundene Ausplünderung der Provinzen nannte, was dann auch Rethemer Ställe und Scheunen leerte. ‚Das Land ernährt den Krieg‘, diese Regel galt in der frühen Neuzeit überall – auch an Weser und Aller. Und die Bevölkerung fraß nach dem Durchzug dieser gefräßigen Heuschrecken oft genug Wurzeln und Gras.“

Plünderer berauben ein Dorf

„Und diese Zustände herrschten dreißig Jahre lang? Da verwundert es ja, dass überhaupt jemand überlebte.“ Ich schaute Schirmer fragend an.

„Natürlich nicht.“ Schirmer stopfte sich eine Pfeife und sah den blauen Rauchkringeln nach: „Wir Historiker unterscheiden im Kern vier Phasen – den verworrenen böhmisch-pfälzischen Krieg von 1618 bis 1623, der uns hier in Norddeutschland aber kaum betraf. Dann den niedersächsischen Krieg von 1623 bis 1629. Zu jener Zeit hoffte der dänische König Christian IV., im allgemeinen Tohuwabohu die Herrschaft über die Flussmündungen von Elbe und Weser gewinnen zu können. Mit dem frischen Geld aus den Fluss-Zöllen wäre er zum reichsten Monarchen Europas aufgestiegen. Dänische Truppen zogen im Sommer 1625 also gen Nienburg, wobei sie selbstverständlich auch durch Rethem kamen. Tilly versperrte ihm weiter südlich bei Höxter den Weg, und so entstand ein niedersächsisches Patt, während die dänischen Truppen das Land kahlfraßen.

„Und wie endet dieses Patt?“ Die Dänen hatte ich als Rethemer ‚Volksbeglücker‘ noch gar nicht auf der Liste gehabt.

„Naja, 1630 setzte dann bekanntlich der Schwedenkönig Gustav II. Adolf über die Ostsee. Es folgte ein legendärer Triumphmarsch, der ihn bis vor die Tore Wiens führte, wo er dann bei Lützen fiel. Vermutlich hatte er noch zu viel Wikingerblut in den Adern, denn Armeeführer waren anderswo nur selten in der ersten Reihe zu finden. Diese Phase ging als ‚Schwedischer Krieg‘ von 1630 bis 1636 in die Bücher ein. Mit ihrem unerwarteten Sieg bei Wittstock 1636 konnten die schwer demoralisierten und geldklammen Schweden dann ihren Kopf nochmals aus der Schlinge ziehen. Woraufhin sie im Bündnis mit den Bourbonen den französisch-schwedischen Krieg führten, der von 1636 bis zum Westfälischen Frieden 1648 andauerte.“

„Aber wer hatte in all dem Gewimmel europäischer Mächte dann hier vor Ort das Sagen?“

„Nach den Dänen herrschten seit 1630 in unserer Region die Schweden. Zumindest, seit die Dänen aus Geldmangel aufgegeben hatten. Sie mussten nach dem Frieden von Lübeck 1629 auch ihre Hochburg Verden räumen. Die Kommandogewalt hatte in den dreißiger Jahren dann die schwedische ‚Weser-Armee‘, deren Winterquartier gleichfalls in Nienburg lag. Deshalb, weil Nienburg früh zu einer Festung ausgebaut worden war. Sogenannte ‚Schwedenschanzen‘ aber gibt es verstreut in ganz Deutschland noch heute wie Sand am Meer. Um eine ‚schwedische Armee‘ handelte es sich bei den Nienburger Truppen damals nur dem Namen nach, denn gebürtige Schweden musste man in ihren Reihen mit der Lupe suchen. Geführt wurde die Weser-Armee von dem schottischen Feldmarschall Alexander Leslie. Die Mannschaften bestanden aus einem bunten Völkergemisch – aus Iren, Schotten, Spaniern, Italienern, Deutschen, Letten oder Finnen. Diese Zusammensetzung zeigen die Skelette aus einem Massengrab bei Wittstock, wo nach der gewonnenen Schlacht gegen die Kaiserlichen im Jahr 1636 die Leichen von 125 Soldaten dieser Weser-Armee bestattet und wiederaufgefunden worden waren. Seither wissen wir sehr viel mehr über die einfachen Truppen im Dreißigjährigen Krieg.“

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Same Old Story

CCL / Bundesarchiv, Bild 102-08300 / CC-BY-SA 3.0

Die Aufregung um die Fake-News kann ich nur teilweise nachvollziehen. Ganze Staaten zogen Potemkin’sche Wände aus gefälschten Weltbildern um sich herum hoch – und ich denke dabei keineswegs nur an die Hitler’sche Paranoia, die hinter jeder umgekippten Milchkanne ‘den Juden’ am Werke sah. Ähnliche Muster gab es auch in Stalins Reich, wo chimärische ‘Trotzkisten’ für alles Böse in der Welt verantwortlich gemacht wurden. Von Nordkorea oder Kasachstan heute ganz zu schweigen …

Alle Medien – ob Zeitung oder Rundfunk – verbreiteten das Gift dann im ganzen Land. ‘Wir gegen die’, so hieß und heißt das Muster – auch aus der AfD gibt es in dieser Hinsicht nichts Neues zu vermelden. Nur dass heutzutage jeder Hans und Franz seine verqueren Ansichten über ‘die Ausländer’ in die Welt tröten darf – statt einer Schar linientreuer Journalisten dunnemals.

Die Ähnlichkeiten sind oft verblüffend. So trieb Mussolini, um seine Virilität zu demonstrieren, seinen Zossen mit nacktem Oberkörper über die Hindernisse im Park. Und er sandte diese Nackedei-Bildchen via Presseverteiler bis den letzten Winkel der Nation hinein. Erinnert das an irgendwas aus heutiger Zeit? – Ja, mich auch!

Ferner war Mussolini der größte Apostel des eigenen Personenkults. Überall an den Wänden hingen im Regierungssitz tapetengleich die Bilder und Titelseiten, auf denen er in heroischer Pose zu sehen war. Vermutlich guckte dieser Mann sich an sich selbst besoffen. In seiner Operettenhaftigkeit erinnert mich das aktuell an einen Mann mit Goldhamsterfrisur. Bloß an wen, an wen …?

Marketeere des Journalismus

Wer Apple heißt, der muss sich um sein Marketing keine Gedanken mehr machen. Das übernimmt willig eine dienstbereite Presse:

“Star aus Cupertino: Was die Apple Watch wirklich kann.”
“Warum mit der Apple Watch eine neue Zeitrechnung begonnen hat.”
“Apple Watch: Tim Cook beschwört die alten Zeiten.”
“Apple Watch Event: Uhrsache und Wirkung.”
“Apple Watch ausprobiert: Revolution am Handgelenk.”
“Tim Cook erschafft mit Apple ein neues Ökosystem.”

Und so weiter, und so fort – klingelingeling, so geht mein Laden. Die armen Werbetexter, sie sind im Journalismus 2.0 der überflüssigste Berufsstand der Welt …

Tod im ‘humanitären Korridor’

Russians killed all the wounded. Mountains of corpses left behind.”

Wer zwischen Putin und der ISIS noch einen Unterschied erkennt, darf ihn behalten. Sein neues Projekt, das famose ‘antifaschistische Komittee’, wird übrigens – wer hätte das nun wieder gedacht? – aus Alu-Hütlern, Nazis und Faschisten bestehen:

“The most interesting part is that the “anti-fascist council” is to be formed by European fascists and Nazis.”

Das wird schon ein doller ‘Antifaschismus’ sein, der dabei herauskommt:

Frank Creyelman (far right Vlaams Belang, Belgium)
Luc Michel (neo-Nazi Parti Communautaire National-Européen, Belgium)
Pavel Chernev (far right Ataka, Bulgaria)
Angel Djambazki (far right Bulgarsko Natsionalno Dvizhenie, Bulgaria)
Erkki Johan Bäckman (neo-Stalinist, Finland)
Márton Gyöngyösi (fascist Jobbik, Hungary)
Giovanni Maria Camillacci (far right Lega Nord, Italy)
Roberto Fiore (fascist Forza Nuova, Italy)
Mateusz Piskorski (far right Samooborona, Poland)
Konrad Rękas (far right Samooborona, Poland)
Bartosz Bekier (neo-Nazi Falanga, Poland)
Nick Griffin (fascist British National Party, UK)

Klingt für mich wie: ‘Praktizierende Alkoholiker gründen ein Anti-Schnaps-Komittee’ …

Weil die EU aus dem ersten Weltkrieg gelernt hat, wo alle in einen Weltkrieg ‘hineingeschliddert’ seien, haben sie gestern Nacht beschlossen, noch eine Runde zu schliddern … zumindest reagiert die NATO halbwegs angemessen:

“Fünf neue Stützpunkte sollen in Osteuropa aufgebaut werden, samt schneller Eingreiftruppe von 4000 Mann. Die Allianz stuft Russland als „Bedrohung“ ein.”

Apropos – würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen? Sein Ramschladen hat längst mehr Schulden als Vermögen: “Die Gesamtverschuldung von Rosneft beträgt 45,6 Milliarden Euro.” Vladi, hilf!

Und aus der erneuten Zahnlosigkeit der EU folgt jetzt das, was zu erwarten war: Putin geht einen großen Schritt weiter in Richtung Novorossija – und wieder wird es einige geben, die auch über diese Latte zu springen gedenken, egal, welche Garantien sie der Ukraine im Budapester Memorandum mal gegeben haben. Hauptsache, Ruhe an der Börse:

“Putin fordert Gespräche über unabhängige Ostukraine:”

Die Antwort muss lauten: Keine Gespräche mit Irren mehr!

Von mir aus …

Sollen sie sich auslöschen – ich habe es allmählich satt, Bekloppten zu erzählen, wie bekloppt sie sind. Aber ich bin nur dafür, wenn in ihrem famosen Kalifat gleichzeitig allen Männern zum höheren Ruhme Gottes der Sack abgeschnitten wird:

“Die islamistischen Extremisten haben in dem von ihnen kontrollierten Gebiet eine Fatwa verhängt: Alle Frauen zwischen 11 und 46 Jahren müssen sich beschneiden lassen.”

Ursachen der Revolution

After having ensured the justice system would never challenge his criminal dominion, Yanukovych and his allies set out to reorganize the remaining state institutions: the tax service was turned into an national extortion service, the national police became the regime’s goon squad, the National Bank of Ukraine the gang’s main money launderer, the customs service a smuggling ring, the national gas monopoly and finance ministry pumping endlessly money to the criminal empire, the national intelligence agency SBU an instrument to harass and spy on victims of the regime… the list goes on. No government entity remained untouched. From top to bottom, they all worked with only one goal: to enrich Yanukovych and his family.”

Janukowitsch hat also die Revolte gegen ihn förmlich herausgefordert. Gegen sein unersättliches Mafia-Imperium sind die Leute dann auf die Barrikaden gegangen. All das Gequatsche von ‘Faschisten’ ist hingegen Bullshit, das waren höchstens ‘Adabeis’, ein paar willkommene Sockenpuppen für ‘Russia Today’ und ‘Lifenews’ …

Derweil zeigen die tapferen Regulatoren Auflösungserscheinungen:

“Representatives of Ukrainian armed forces announced that supposedly some of the militia have left Lugansk and together with armored vehicles have headed toward the Russian border.”

Nun geht’s mal andersrum. Vermutlich wollen sie den Endkampf von der Wolfsschanze aus führen … Motto: ‘Ich wünschte es wäre Nacht, oder die Russen kämen’.

Abmahnwälte

Wir ordnen und befehlen hiermit allen Ernstes, dass die Advocati wollene schwarze Mäntel, welche bis unter das Knie gehen, unserer Verordnung gemäß zu tragen haben, damit man diese Spitzbuben schon von weitem erkennen und sich vor ihnen hüten kann.“ Friedrich Wilhelm I.

Das Lustige: Damit laufen sie heute noch herum – und dünken sich wunder was …

Süßer die Kassen nie klingeln …

Mitten in Wien betteln Menschen um Essen. Nicht um Cents, sondern um Brot und Wurst. Die, die noch nicht zu den Bettlern gehören, reagieren aggressiv – nicht auf das Elend, sondern auf die Elenden. Kleinunternehmer heuern Sicherheitsfirmen an, die die Hungernden vertreiben sollen. Die, die noch nicht zu den Hungernden zählen, klatschen Beifall und fordern noch mehr Härte gegen die Hungerleider. Der Mensch zeigt sich von seiner schlechtesten Seite in der Vorweihnachtszeit 2013.”

Kommentatorenmund

Tickt sie noch richtig? Anstatt sich in Italien einzumischen, sollte sie erstmal einen Beitrag zur Stabilität im eigenen Land leisten, indem sie ihren blöden Horst und andere Nebelgranatenwerfer in der Union zurückpfeift.”

Oha – unser Horschtl als Bayern-Berlusconi, das hat schon was. Dem Volk dämmert, scheint’s, dass es ohne Steuererhöhungen wohl nicht abgeht, dagegen sehr wohl ohne Maut nur für Fremdlinge. Allerdings fehlen unserem Horschtl zur Vergleichbarkeit doch noch ein paar Milliarden …

Realismus heute

Die Welt ist widerlich. Wenige Reiche strecken sich auf den Schultern vieler Armer den Sternen entgegen, der Rechtsstaat ist korrumpiert, und in den Straßen regiert der Darwinismus. Auf dem Land siecht die Jugend in ihren Meth-Küchen dahin, der kleine Mann missbraucht im Hinterhof für eine Handvoll Dollar eine Prostituierte, und wer es sich leisten kann, zockt an der Börse um das Schicksal der Allgemeinheit. Halbnackte Mädchen lassen sich für 15 Minuten Ruhm in einer Reality-Show die Würde nehmen. Familienlose junge Männer finden Zuflucht in Banden und landen schlussendlich hinter Gittern.”

Der ‘Standard’ hat ja völlig recht. Der Realismus ist heute in den Computerspielen zu finden. Dort haben Autoren inzwischen die Nachfolge der Balzac, der Zola oder Döblin angetreten. Die ‘schöne Literatur’ dagegen – – – nun, die ist richtig schön. Vor allem schön eingebunden, mit Lesebändchen und so …

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